Taliban in Kundus : Was ist richtig in Afghanistan?

Kundus ist in die Hände der Taliban gefallen - damit wollen die Angreifer ein Symbol setzen. Doch die Schutzmächte sollten Afghanistan nicht sich selbst überlassen. Ein Kommentar.

Afghanische Sicherheitskräfte patrouillieren am Stadtrand von Kundus. Inzwischen ist die Stadt von den Taliban eingenommen worden.
Afghanische Sicherheitskräfte patrouillieren am Stadtrand von Kundus. Inzwischen ist die Stadt von den Taliban eingenommen worden.Foto: Najim Rahim/AFP

Auf Symbole, das weiß man nicht erst seit gestern, verstehen sich die Taliban. Wer Kundus angreift, hat es nicht nur auf eine afghanische Provinzhauptstadt abgesehen, die unter Kontrolle zu bringen für die Aufständischen alleine einen großen Propagandaerfolg bedeuten würde. Dieser dritte Versuch innerhalb der letzten Monate zielt auch auf die einstige Schutzmacht. In Kundus ist Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt worden. Dort ist die folgenschwerste Kriegsentscheidung, die Bombardierung von zwei Tanklastern, gefallen. Der Abzug aus Kundus markierte im öffentlichen Bewusstsein das Ende des gesamten Bundeswehreinsatzes.

Dieses Kundus in der Hand des Feindes drängt sich also förmlich als Symbol dafür auf, dass alles vergeblich war. Und genau dieses Zeichen wollen die Angreifer natürlich setzen.

Das zeigt, dass sie sich in der Psychologie westlicher Gesellschaften ziemlich gut auskennen. Das militärische Engagement in dem fernen Land traf hierzulande nie auf große Zustimmung. Je weiter seine heiße Phase zurückliegt, desto größer die Neigung auch in den politischen Eliten, diese 14 Jahre als gescheitertes Experiment abzuschreiben, das man schnellstmöglich beenden sollte.

Das ist eine verständliche Reaktion. Allerdings ist sie einigermaßen kurzsichtig. Wir lernen gerade beim Blick in die Flüchtlingslager in deutschen Turnhallen, dass die Welt viel kleiner geworden ist, als es uns lieb ist. Wir erkennen dort, dass es keine gute Idee war, den Bürgerkrieg in Syrien zu ignorieren. Es war auch nicht klug, Libyen sich selbst und der Herrschaft der Schlepperbanden zu überlassen, kaum dass der Diktator tot war.

Und die Tausende junger Männer, die als „unbegleitete Minderjährige“ plötzlich in Niederbayern auftauchen, weil sie nicht von Taliban zu Attentätern und Kämpfern gepresst werden wollen – sie belegen, dass uns Afghanistan weiter betreffen wird, ob wir das wollen oder nicht. Jetzt eilends Frieden für Syrien zu suchen und zugleich Afghanistan seinem Schicksal zu überlassen, wäre, um das Mindeste zu sagen, unlogisch. Den „Islamischen Staat“ im Irak zu bekämpfen und seine Ausdehnung ins afghanische Hochland zu ignorieren, wäre es auch.

Man kann sich dabei ja ruhig eingestehen, dass die frühen Ideen vom Aufbau einer friedlichen Gesellschaft am Hindukusch mit freundlicher Unterstützung deutscher Gewehrträger blauäugig waren. Aber das schlichte „Nichts wie raus aus Afghanistan!“ wäre genauso blauäugig. Das Gegenteil vom Falschen zu tun, ist nicht automatisch das Richtige, sondern meist bloß anders falsch.

Denn die Lage ist weder so rosig, wie sie in den politischen Abschlussbilanzen der abziehenden Schutzmächte häufig dargestellt wird, noch so hoffnungslos finster, wie die Bilder aus dem attackierten Kundus glauben machen. Die afghanische Armee kann kein sicheres Umfeld garantieren. Trotzdem macht sie Fortschritte; langsam, von Rückschlägen begleitet, aber doch.

Für den Westen – voran die USA und im Geleitzug die Bundesregierung – sollte gerade der Sturm auf Kundus Anlass sein, seine Rückzugspläne und -daten in Ruhe noch einmal zu überprüfen. Die sind bisher von Innenpolitik diktiert, nicht von der Realität Afghanistans. Aber diese Realität schert sich nicht um die deutsche Innenpolitik. Sie drängt sich ihr stattdessen einfach hilfesuchend auf.

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