Zeitung Heute : Tamiflu fürs Herz

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Rezept für ein langes Leben

Hartmut Wewetzer

Viele Menschen zerbrechen sich im Moment den Kopf darüber, ob die Vogelgrippe ihnen was tun könnte. Das Risiko ist allerdings sehr, sehr gering, solange das Virus nicht auf den Menschen übergesprungen ist. Und selbst dieser ungünstige Fall wird nichts daran ändern, dass die weitaus meisten Menschen in unseren Breiten heute und in Zukunft eher Probleme mit Krebs- und Gefäßkrankheiten bekommen, den typischen Zivilisationskrankheiten also. Über die kann man zwar keine Schlagzeilen mit großen schwarzen Buchstaben machen. Eine sehr reale Bedrohung sind sie aber trotzdem, wie eine Bewertung von Donald Lloyd-Jones von der Northwestern University in Chicago und seinen Mitarbeitern ergab.

Die Forscher rechneten aus, wie groß das Risiko für einen 50 Jahre alten Menschen ist, später in seinem Leben ein Gefäßleiden zu bekommen, also Durchblutungsstörungen in Herz, Hirn oder den Beinen. Die Basis ihres Wissens waren Informationen aus der Framingham-Herzstudie. Das ist gewissermaßen die Mutter aller Medizinstudien, bei der tausende Männer und Frauen in der Stadt Framingham westlich von Boston seit 1948 regelmäßig befragt und untersucht wurden. Das Ergebnis: Gut die Hälfte der Männer und etwa 40 Prozent der Frauen trifft es. Sie bekommen irgendwann in ihrem Leben ein Gefäßleiden.

Damit gaben sich Lloyd-Jones und seine Kollegen aber nicht zufrieden. Sie schauten sich an, wie sich das Risiko änderte, sobald man Faktoren wie hohen Blutdruck, erhöhte Blutfette, Rauchen, körperliche Trägheit, Übergewicht oder Diabetes (Zuckerkrankheit) in Betracht zog. Denn das sind die wesentlichen Gründe, warum wir Gefäßkrankheiten bekommen. Einmal abgesehen von jenen Ursachen, für die wir rein gar nichts können: Alter, Geschlecht und Gene. Auch sie spielen eine große Rolle.

Risikofaktoren erhöhen die Gefahr von Gefäßleiden erheblich. Am schwersten fällt dabei die Zuckerkrankheit Diabetes ins Gewicht. Zwei von drei Männern, die mit 50 zuckerkrank sind, haben mit 75 ein Herz-Kreislaufleiden. Von den zuckerkranken Frauen ist dann mehr als die Hälfte betroffen. Raucher und Nichtraucher haben das gleiche Lebenszeitrisiko, doch erkranken Raucher früher und sterben fünf Jahre eher. Nicht so stark wirkt sich Übergewicht aus.

Aber die Studie enthält auch positive Botschaften. „Wenn Sie mit 50 ein optimales Risikoprofil haben, dann haben Sie praktisch Ihr Risiko für eine Herz-Kreislaufkrankheit aus der Welt geschafft“, sagt Lloyd-Jones. „Es klingt abgedroschen, doch viel Bewegung, eine gesunde Ernährung und ein vernünftiges Körpergewicht können Entscheidendes bewirken.“

Vorbeugung muss früh beginnen. Auch das ergab die Untersuchung. Am besten Jahrzehnte, bevor man 50 wird. Wer gesund bleiben will, braucht einen langen Atem. Lohnen tut es sich auf jeden Fall. Denn für Ihre Gesundheit ist der Lebensstil viel wichtiger als jedes Tamiflu. Der Rest ist Schicksal.

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