Zeitung Heute : Tankstelle Online: Waschen, tanken, surfen

Dietrich Kluge

Müssen die Mineralölkonzerne durch stetig ansteigende Spritpreise eine Verödung ihrer Zapfanlagen befürchten? Wird die Tankstelle langsam aber sicher zum Niemandsland ? Diesen Eindruck vermitteln die seit einigen Jahren vorangetriebenen Bemühungen, aus kruden Tankanlagen Kioske, Bistro-Cafes, Supermärkte - oder nun gar Internet-Cafés zu machen.

Das gedämpfte Tankvergnügen wird durch ein gediegenes Tank-Shopping oder die Annehmlichkeiten der bunten Neonambiente eingenommenen Tasse Kaffee wettgemacht. Doch noch ist das Spaß-Potential nicht ausgereizt: BP Deutschland setzt in seinen zu Erlebniszonen gewandelten "Express-Shopping"-Filialen auf den Online-Spaß via Internet.

Auf 34 versuchsweise an Berliner BP-Tankstellen installierten Terminals kann auf das Angebot von "www.BPExpress.de" zugegriffen werden. Der hauseigne Online-Dienst bietet nichts, was man im Internet nicht auch haben könnte, nur eben nicht direkt an der Tankstelle. Der Service umfasst unter anderem Dienste für E-Mail- und SMS-Versand, Routenplanung, Hotelbuchung und vor allem einen eigenen Online-Shop. Damit das Einkaufen per Klick hier nicht zur langweiligen Nebenbeschäftigung wird, dafür sollen spezielle Happy-Hour Preise sorgen, die für Artikel gelten, die die Nutzer im Voraus bestimmt haben.

Vergleichbar sind diese Preise via Tankstellen-Terminal allerdings nicht: Von hier aus lassen sich nur die Inhalte der BP-eigenen Seiten aufrufen. Mit freier Internetnutzung hat das wenig zu tun, ist dafür aber auch kostenlos. Die Wahl der Vertragspartner, darunter Online-Riesen wie Yahoo, Mannesmann TeleCommerce oder AOL, bestimmt vorwiegend das Angebot und die Anwendungsmodalitäten der von BP angebotenen Dienste. Beispielsweise erlaubt der SMS-Dienst "Passo" des Anbieters Mannesmann nur die Versendung von Nachrichten auf Mobiltelefone der Netze von Telekom, E-Plus - und eben Mannesmann.

Und wie kommt der neue Service bei den Kunden an? "Die meisten Leute schauen eigentlich nur", ist von den Angestellten einer Filiale am Kurfürstendamm zu erfahren. Ein eigens für die Markteinführung und Kundenpräsentation angekündigter Promoter sei bisher noch nicht erschienen. Und in einer anderen Filiale sind die Bildschirme zunächst noch schwarz. Das Gerät ist hier zwar aufgestellt, aber noch nicht angeschlossen worden.

Angesichts eines solchen Online-Ausfalls sollte man über den effektiven Nutzen eines multifunktionalen Informationsterminals neben der Zapfsäule nachdenken. Routenplanung? Früher hat man in solchen Fällen an der Kasse gefragt. Und was ist mit Online-Shopping? Mal ehrlich: Wer will sich an der Tankstelle ernsthaft mit Computer-Equipment eindecken, wenn bisher allenfalls Bedarf für die übliche Reiseverpflegung bestand?

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