"Tante Marianne" : Das große Geheimnis des Malers Gerhard Richter

Gerhard Richter ist einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, gefeiert als„Picasso des 21. Jahrhunderts“. Immer wieder malte er Mitglieder seiner Dresdner Familie – bis heute weiß er nicht, welche Tragödie um Tante und Schwiegervater sich in seinen Bildern verbirgt. Es ist die Geschichte von Opfern und Tätern der Nazizeit. Eine Enthüllung.

Jürgen Schreiber

Was dem Bild jetzt noch fehlt, ist der Flügel. Gerhard Richter zeichnet ihn mit blauem Kuli in den Grundriss seiner Dresdner Mansardenwohnung ein: Wiener Straße 91, dem Melderegister nach vom 7. April 1953 bis 30. März 1961 das Zuhause des Malers – dann floh er 29-jährig in den Westen. Je mehr er an der Skizze herumstrichelt, desto mehr Details fallen ihm ein: „Unten im Erdgeschoss flitzten Gret Paluccas Balletteleven durch den Flur. Das war hübsch.“ Oben lebte, liebte und arbeitete er.

Das Haus, in dem alles begann, steht leer. Der Garten der „91“ verwildert, das schmiedeeiserne Tor hängt schief in den Angeln. Jelängerjelieber blüht, Flieder welkt. Gras wächst über die Geschichte des Prachtbaus. Es ist nur dem Kalender nach lange her.

Über Jahre wollte der Künstler nichts von der Dresdner Vergangenheit wissen. Im Herbst des Lebens besiegelt nun eine Dauerleihgabe von 41 Werken für das Albertinum die allmähliche Heimkehr in seine Geburtsstadt. Ungefähr 100 echte Richter sind dort entstanden, die meisten gelten als verschollen. Er tippt auf den Wohnungsplan: „Hier habe ich sie liegen lassen, alle!“ Zum Glück dokumentierte er sein Schaffen mit einer „Praktika“, fotografierte Stück für Stück, hütete den Schatz in Mappen, die nun griffbereit auf dem Tisch liegen. Nur eine Hand voll Eingeweihter bekam die Sammlung bislang zu sehen.

Richter fragt: „Wollen Sie umblättern oder soll ich das machen?“

Maskenhaft ein Selbstporträt von 1949, „ich habe keine Ahnung, wo es sich befindet“, klagt der Meister. Dann ein Blick aus dem Fenster der Wiener „91“, Titel „Stadtbild“, Tempera auf Leinwand, schwungvoll mit „Gerd Richter“ signiert, samt Originalrahmen im Besitz eines Münchners.

In seinem Kölner Atelier streift Gerhard Richter zunächst seltsam fremd und steif im eigenen Leben herum, wie mit den Gedanken woanders. Der 72-jährige Weltstar ist schmächtiger als erwartet, trägt Grau, wirkt vergrübelt, geht in Gesundheitslatschen. Er scheut die Suche nach der verlorenen Zeit, taxiert den Besucher abschätzend – Freund? Feind? – hält mit höflich-einsilbigen Sätzen auf Distanz. Er spricht bedächtig, als müsse er jedes Wort einzeln ausgraben. Ihm Fragen zu stellen, gar quälende, scheint unmöglich, bis ihn bei stundenlangen Gesprächen nach und nach der Sog der Erinnerung erfasst. Fast erlöst lässt er sich dann mitreißen.

Ein Ansturm von Gefühlen bei der Reise ins Gestern: Wie jung er war, berauscht von Ruhmesträumen, vom vagen Hochgefühl, es zu schaffen. Er wurde einer der international wichtigsten Gegenwartskünstler. Auch einer der teuersten, „BBC News“ errechnete 120 Millionen Euro Umsatz mit seinem Namen für die letzten 30 Jahre. Der Richter 2004 ist auf dem Zenit, seine Bilder hängen im New Yorker Museum of Modern Art, im Pariser Centre Pompidou; er hat über 85 000 Nennungen bei Google. An der Dresdner Akademie war er bloß einer unter vielen Begabten.

Die Lupe in der Rechten, nimmt Richter einen Schnappschuss von „Tante Marianne“ aus der Hülle. Matter Abzug, 11 x 8,5 Zentimeter, die Vorlage für sein berühmtes Gemälde der jüngeren Schwester seiner Mutter Hildegard. „Es ist bei Oma Dora im Garten der Langebrücker Moritzstraße 2 geknipst.“ Marianne, brav gescheitelt, Spange im Haar, eine Gestalt von zerbrechlicher Zartheit, so leicht in ihrer Anmutung, als wäre sie nicht da. Die Hübsche sucht den Blick des Betrachters zu halten. „Sie sieht aus wie eine Madonna.“ Neffe Gerd liegt im Strampler vor ihr aufs Paradekissen gebettet, Kopf gereckt, Rassel neben sich. „Gerd Richter mit Marianne Schönfelder, Gerd 4 Monate, Marianne 14 Jahre alt, im Juni 1932“, ist auf die Rückseite der Aufnahme gekritzelt, er liest es vor. Die fließende Schrift? Könnte von Mama stammen. „Es ist verrückt, dass ich das zum ersten Mal lese.“

Niemand konnte ahnen, dass die Tante für etwas Furchtbares bestimmt war. Es sind noch 13 Jahre, dann wird sie im Februar 1945 als eines von nahezu 8000 Euthanasie-Opfern der Anstalt Großschweidnitz umkommen. Ihr Leben, ihr Sterben, ist auf unglaubliche Weise mit der Wiener Straße 91 verschränkt.

Man könnte an Vorsehung glauben.

Am Anfang steht eine große Liebe. 1951 delegierte der Zittauer „VEB Textil“ den Schriftenmaler Richter an die Kunsthochschule Dresden. Der 21-Jährige poussierte „Ema“, die jüngste Tochter von Professor Heinrich Eufinger, merkwürdig, ihr richtiger Vorname war ebenfalls Marianne. Von 1935 bis 1945 Direktor der Frauenklinik am Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt, hatte Eufinger die Wiener „91“ anno ’40 erworben. Er galt als großes Licht. Im Bundesarchiv aufgespürte Fotos zeigen eine aufgeräumte Erscheinung, Arme vor der Brust, sei’s aus Pose, sei’s zur Abwehr. Jeder Zoll der Herr Chefarzt, Anzug mit Weste, NSDAP-Abzeichen, „Parteibonbon“, am Revers. Monatsgehalt 1000 Mark, erheblich mehr als vergleichbare Kollegen. Er brachte es zum SS-Obersturmbannführer, entsprechend einem Oberstleutnant.

Gerhard Richter gilt als besessener Porträtist. Er malte Tante Marianne, er malte seinen späteren Schwiegervater Eufinger, er wurde der Bote des deutschen Dramas, ohne dass es ihm bewusst war. Unter dem Firnis seiner Bilderwelt verbirgt sich ein Geheimnis, zu dem bisher niemand vordrang, zum Geheimnis seines Lebens. Nicht mal der Künstler kennt die Details der Familientragödie; sein Schaffen gibt sie unbewusst preis. Auch Richter liest die Enthüllung hier erstmals.

Da gibt es die Gemälde, da gibt es kluge Besprechungen, da gibt es den inneren Zusammenhang, der bis heute unentdeckt blieb; Stoff für einen Film über Kunst und Wirklichkeit. Hier Hausherr Eufinger, unheilbar gesund in seiner Nazi-Gesinnung, Handlanger bei Hitlers „Reinigung des Volkskörpers“. Dort Richters arme Tante Marianne, unheilbar krank, von den Nazis zum „Ausmerzen“ bestimmt. Die Verwandten existierten in unendlich voneinander entfernten Parallelwelten, durch das Dritte Reich waren sie gleichwohl in gespenstischer Relation miteinander verkettet. Kein Regisseur könnte das Beziehungsgeflecht makaberer inszenieren, seine Tante und der Professor treiben in der Rolle von Opfer und Täter aufeinander zu. Mariannes Unglück, Eufingers Glück, bedingen einander. Nimmt man das Ende vorweg, verändern die neuen Fakten die Wahrnehmung dieser scheinbar friedlichen Bilder fundamental. Das Publikum (und er selbst) sehen diese Schlüsselwerke fortan anders.

Emas Papa, Professor Eufinger, wollte bei den Siegern sein, es pressierte ihm: 1933 Mitglied von Führer-Partei und SA, Juli 1935 Eintritt in die SS, Ausweis 284 645. Ein Karrierist mit allen Sekundärtugenden, laut NS-Akte „fleißig, bescheiden, solid, treu“. In der Rubrik „rassisches Gesamtbild“ heißt es „vorwiegend nordisch“. Beflissen teilt Hitlers Getreuer dem „Rasse- und Siedlungshauptamt SS“ mit, „größten Wert“ auf Eintragung ins Sippenbuch zu legen. Er legitimiert sich zum Herrenmenschen, verfertigt mit gläubiger Inbrunst seine „SS-Ahnentafel“. Auf Anschreiben steht „Direktor, Ruf 25101“, gegrüßt wird mit „Heil Hitler“.

Fast zeitgleich, 1938, führt Richters Großmutter Dora seine Tante Marianne der „unteren Klasse“ in der Psychiatrie Arnsdorf, nahe Dresden, zu. Sie war zuvor erfolglos mit Schockbehandlungen traktiert worden. Hinter dem Namen leuchtet rot die Zahl 14, laut Diagnosetabelle die Kennziffer des „Schizophrenen Formenkreises“, landläufig „Spaltungsirresein“. Das kam im SS-Staat einer Todeschiffre gleich.

Hauptbuch 428, brüchige Aktendeckel, das kurze Leben der „Schönfelder, Dora Margarete Marianne“, Jahrgang 1917. Bei der Recherche taucht das Dossier völlig unerwartet im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig auf. 120 Seiten Amtsprosa, von Traurigkeit durchtränkt, eine Existenz auf Formblättern, fleckig wie Löschpapier. Ihre Odyssee in die lange Nacht, sie reist mit der letzten Habe, im „Sachenverzeichnis“ protokolliert: „1 Hemd Nacht, 1 Hemd Tag, 2 Pr. Strümpfe, 1 Schlüpfer, 1 Strumpfhalter, 3 Kleider, 1 Leibchen, 1 Sommermantel, 1 Unterrock, 2 Paar Lederhalbschuhe, 1 Schlafanzug“. Mal ein Teil mehr, mal ein Teil weniger geht es Jahr um Jahr der Auslöschung entgegen.

Ehe die Unmündige von „Sinnestäuschungen und Wahnideen aller Art“ besetzt war, wohnte sie mit den Eltern in der Dresdner Wiesentorstraße 5. Das Nesthäkchen hatte die höhere Mädchenschule „mit gutem Erfolg“ besucht, nach ärztlichem Zeugnis „körperlich und geistig normal entwickelt“: eine „gut lenkbare, fleißige, geistig rege Haustochter“. Dann verzerrte sich ihr Naturell, legte den Schönfelders eine schwere Last auf die Seele. Wirr im Kopf, war sie für den kleinen Neffen Gerd Richter „eine Angstfigur“, ihre Spur verlor sich ihm im Unheimlichen. Fiel der Name, sei geweint worden, sie war der Mittelpunkt aller Traurigkeit. Dem Buben war mulmig ob der Drohung, „du endest wie Tante Marianne“. In der Klapsmühle.

Erstuntersuchung in Arnsdorf. Frage: „Was wissen Sie von Hitler?“ Antwort: „Ich will gern dieses für mich behalten.“

Man schreibt 1938, das Verbrechen nimmt seinen Lauf. Nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verfügt das „Erbgesundheitsgericht“ Mariannes „Unfruchtbarmachung“; die 21-Jährige wird zwangssterilisiert. Richters Opa Alfred bittet, den Eingriff durch die Dresdner Frauenklinik vornehmen zu lassen, ein Brief des Fürsorgeamtes bekräftigt den Wunsch nach „Überführung“ ins Krankenhaus Friedrichstadt, Operationskosten würden erstattet. Die Klinik leitet Heinrich Eufinger. Überm Haupteingang thronte der Reichsadler mit Hakenkreuz.

Eine aktuelle Dissertation „Zwangssterilisierung im Dresdner Raum 1933-1945“ reiht den Direktor unter die „Täter“ ein. 1936, im Jahr nach Eufingers Amtsantritt, seien die meisten von insgesamt fast 1000 solcher Eingriffe erfolgt, er habe sich „aktiv“ beteiligt. Das Gros der Betroffenen schickte die Anstalt Arnsdorf zu ihm. Herr über Leben und Tod, praktizierte der Mediziner scheinbar bedenkenlos die Rassenpolitik. Mit dem hybriden Zug des Auserwählten sorgte er sich in Schreiben an den „Obergruppenführer“ um Nazi-Nachwuchs, wollte gesinnungstüchtig dem „Zustandekommen einer nicht unbeträchtlichen Zahl von sterilen Ehen bei der SS“ durch „Verschärfung“ der Richtlinien vorbeugen, forderte die Untersuchung der Samenflüssigkeit jedes SS Mannes vor „Eheerlaubniserteilung“. Nur eine Fügung des Schicksals, ihr schlechter Gesamtzustand, verhinderte, dass Tante Marianne (wie geplant) auf Eufingers OP-Tisch landete. Stattdessen werden am 7. Dezember 1938 direkt im Arnsdorfer Heim „die Eileiter unterbunden und teilweise reseziert (Leibschnitt)“.

Eufinger war der Inbegriff des Untertans. Nichts anderes lässt sich aus den Dokumenten herauslesen. Daheim pflegte er großbürgerlich-verbrämten Faschismus, sah zu, wie sich um ihn die „Wiener“ dramatisch veränderte. Des Führers Halbschwester Angela Raubal, verheiratete Hammitzsch, bewohnte die „61“. Die Nazis konzentrierten jüdische Mitbürger in der Nachbarschaft zur Deportation. Lilli Ulbrich, Autorin des erschütternden Dresdner „Gedenkbuchs“, ermittelte zum Beispiel für Haus „85“: Neun Bewohner sind ermordet worden, einer beging Suizid, einer überlebte, zwei emigrierten.

Gleich vielen Medizinern eilfertiges Mitglied der „Bewegung“, verkörperte der Arzt den doppelgesichtigen Menschen. Von der Macht geschmeichelte Eitelkeit verführte ihn zum Mitmachen, gern ließ er sich von der SS vereinnahmen. Hitler bediente sich solcher Honoratioren, um teuflischem Tun einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Eufinger liebte Beethoven und Mozart, spielte, schlecht, bis ins hohe Alter auf dem Kleinklavier. Die Kinder taten es ihm gleich. Er war ein sorgender Vater, Tochter Renate durfte ihm das dünne Haar kraulen. Ein sanfter Unmensch gewissermaßen. Am 2. November 1945 griffen ihn sich die Sowjets. „Haftgrund“ laut Einlieferungsliste: „SS-Obersturmbannführer“. Man sperrte Häftling 78880 drei Jahre zur „völligen Isolierung“ ins Speziallager Mühlberg/Elbe, die „Russen-Hölle“.

Dies alles liegt für den Studenten Gerd Richter im Dunkeln, als er sich im Dresden der 50er Jahre in Ema verliebt. Sie blond, er brünett, beide für das Schöne entflammt. Sein Biograf Dietmar Elger notiert: Sie habe in einer herrschaftlichen Stadtvilla gewohnt, was den Freund „einigermaßen beeindruckte“. Dem Kommilitonen Wieland Förster, später berühmtester DDR-Bildhauer, gefiel das Pärchen. Beim Treff in Berlin erzählt der 74-Jährige: „Gerd hat sehr an ihr gehangen“, lässt es altersweise offen, ob bei der Verbindung „55 Prozent Liebe und 45 Prozent dem Wohlstand galten, wer weiß das schon“. Mag den Burschen überschießendes Talent ausgezeichnet haben, am meisten Eindruck machte auf Förster dessen „Trabant“. „Er war der allereinzigste Student, der ein Auto hatte. Er wusste, es gibt ein zweites Leben, außer dem armen.“

Ema war eine gute Partie. Ihr Gerd rechnete seine kriegsbedingt in Waltersdorf gestrandeten Eltern „zum abgestürzten Bürgertum“. Er litt unter der Deklassierung, litt am eigenen Papa: „Zum Vater hatte ich keine Beziehung. Er kam aus dem Krieg, ein völlig Fremder für mich.“ Moment, er fischt das passende Foto aus einem DDR-Karton: links oben, 1. Stock, das war ihr Daheim in der tristen Ostsiedlung. Während das Gespräch im Kölner Atelier das Vaterproblem umkreist, klingelt just sein kleiner Sohn Moritz Sturm.

Gerd Richter fühlte sich zum Maler nicht berufen, sondern erwählt, inszenierte sich stenzhaft-gekonnt. Hosen mit Schlag, eigenhändig umgefärbte Schuhe, Hang zur Bohème, Überlegenheitsgefühl. „Ca.51“ schreibt Richter mit Bleistift unter eine Aufnahme, die ihn als Halbstarken überliefert: Fluppe im Mundwinkel, Mantelkragen hochgeschlagen, unbändig-gelocktes Haar, Pausbacken wie Muttis Liebling. Jugendliches Leuchten. Von den heute harten Linien im Gesicht nichts zu bemerken.

Gerd war noch ein ziemlicher Feger, da saß ihm in der DDR die braune Eminenz Eufinger für eine Darstellung „à la Liebermann“ Modell. Fraglich, ob sie noch existiert. Geblieben ist Richter ein Belegfoto mit Zackenrand, er zeigte es noch nie her: Der Doktor im Neo-Rokoko-Rahmen,eine Pfeife in der Rechten. Am bekanntesten aus dem Verwandtschafts- Zyklus ist das Ölbild „Familie am Meer“, 1972 auf der Biennale Venedig ausgestellt: Eine Gruppe am Strand, zentral der Patriarch mit breitem Grinsen. Großer runder Kopf, hohe Glatze, besitzerstolz. Eufinger.

1966 bildet Richter den Schwiegervater in der Sommerfrische ab, ein Biedermann in Knickerbockern, Fernglas vor dem Bauch, die Siebdrucke mit frohem Grün und Rot grundiert. Er nahm ihn in den spektakulären „Atlas“ auf, eine Art Panorama seines Lebens in Malvorlagen und Skizzen. Ihrem gemeinsamen Bezugspunkt Wiener Straße 91 verlieh der junge Artist mit dem „Stadtbild“ Zeitlosigkeit. Richters Frühwerk, heute gewiss Millionen wert, entstand dort im Atelier unter Eufingers Dach.

Der Maler machte eine bestimmte Unschärfe wie kein Zweiter zu seinem Prinzip. In diesem Fall wirkt das Schemenhaft-Verfremdete, als sei Richter das eigene Wissen nicht geheuer. Ob er, wie der Kommissar in Dürrenmatts Krimi „Der Verdacht“, sagen will: „Je mehr ich das Bild ansehe, desto weniger ist er es“? Himmlers Getreuer nämlich, laut Akte begehrte Eufinger sogar das SS-Zivilabzeichen heiß, um „im öffentlichen Leben“ als deren Angehöriger „kenntlich zu sein“.

Namenlos. Parteilos. Funktionslos. So behauptet das Phantom seinen Platz in Richters Oeuvre. Im familiären Kontext malte er ihn, wie Eufinger sich wünschte, gesehen zu werden. Nahm Richter dessen Verstrickung mit den Mächten der Finsternis wirklich nicht zur Kenntnis? Es ist immerhin der Mann, von dem er abhängig war, der ihn zeitweise finanziell über Wasser hielt. 50 Jahre später sieht sich der Künstler nun durch die Recherchen des Besuchers mit Eufingers SS-Blitzkarriere konfrontiert, binnen fünf Jahren Obersturmbannführer, das ging wie geschmiert. Die Geister ruhen nicht, mit Nazi-Symbolen dekoriert, entsteigt der Untote seiner Akte. Der Vorhang reißt, gibt den Blick frei auf die Wahrheit von Haus „91“. Richter: „Ich habe immer gedacht, ich habe damit nichts zu tun.“

Im Kölner Domizil, man sitzt unter abstrakter Kunst wie unter Kaskaden rauschhaft-psychedelischer Farben, wird es still und stiller. Es ist, als ob von fern ein altes Thema hereinweht. Ohnehin ein karger Chronist, unterstreicht Richters Vollbart die Verschlossenheit: „Vom Nazi-Rang habe ich nichts gewusst. Die Familie erzählte mir das nie, oder geschönt.“ Es habe geheißen, Eufinger sei SS-Ehrenmitglied gewesen, dafür habe er als berühmter Mann nichts gekonnt. Der Arzt habe auch Goebbels oder Görings Frauen behandelt, vielleicht beide. „Man sagte: Er konnte nichts dafür, dass er in der SS war.“ Und: „Ich mochte Ema. Nicht ihn!“

Richters Schilderung klingt unendlich vertraut. Die Deutschen, ein Volk von Tauben und Stummen, auf der Flucht vor Schuld und Schande, zwischen fanatischen Sieg-Heil-Rufern und Nachgeborenen war die Wirklichkeit tabu. 38 Jahre Unterschied standen zwischen ihnen, warum sollte sich Eufinger dem künftigen Schwiegersohn als Hitlers williger Helfer zu erkennen geben? Selbst wenn Richter aus Liebe und Selbstschutz nicht blind gewesen wäre (und die Abgründe geahnt hätte), auf diesen Punkt zu insistieren, lag außerhalb des ihm Möglichen. Er warb um Ema, wild entschlossen die Professorentochter zu kriegen. Sie war ihr gemeinsames Band.

Die vom Krieg verschonte Villa bot dem Stipendiaten in den schlechten Jahren ein schönes Gehege. Eine Trutzburg des Schweigens und erbitterten Beschweigens; Stuck, Kamin, Richter fühlte sich geborgen, mochte das Verhältnis zum Professor gespannt sein. Herrisch, autoritär, legte der Wert auf Titel, begegnete ihm anfangs „mit Skepsis“, behandelte ihn „von oben herab wie ein Offizier“. Maler setzte er mit Nichtstuer gleich. Emas Freund spürte Verachtung. Was er sich alles anhören musste, er schüttelt noch heute den Kopf. Aber dann kamen erste Erfolge, das Diplom, ein Wandbild im Dresdner Hygiene-Museum. Typisch, im gleichen Maß söhnte sich der Alte mit dem Jungen aus. Die Eufingers wurden zur „Ersatzfamilie“, der Maler „der einzige Sohn“.

1956 wechselte der Gynäkologe ins niedersächsische Sande. Ema und Gerd feierten ihre Vermählung ein Jahr später drüben bei ihnen. Eufingers zahlten Richters Hochzeitsreise nach Worpswede. Der Künstler machte seine Ema zur Ikone der Moderne, malte die Liebste für den „Akt auf einer Treppe“ nackt. Am „17. März 1982“ wurden sie geschieden, er überprüft es zur Vorsicht im Kalender.

Beim Blick aus der Wiener Straße durfte sich der Diplomand in eine Freiheit hinaus denken, die er mit der „Republikflucht“ Anfang 1961 wählte. Zum „Rübermachen“ chauffierte ihn ein Kumpel im „schnittigen, schneeweißen Skoda- Coupé“ nach Ost-Berlin, Richter stieg in die S-Bahn, nur Thomas-Mann-Bände im Einkaufsnetz. Die Koffer warteten in West-Berlin.

Die Auseinandersetzung mit dem Hitler-Komplex nahm er im Kopf mit. Das Thema war nicht allein durch Verdrängung zu bewältigen. Richter musste es sich von der Seele malen. Seine Familie war eine ganz normale deutsche Familie, Vater Horst NSDAP-Mitglied. In den 60ern war die Zeit endlich reif für das Unausgesprochene, wie unter Zwang bedeckte er Leinwand um Leinwand, porträtierte zunächst, schwarz-weiß, Adolf Hitler. Richter stellte danach 1965 „Onkel Rudi“ im knöchellangen Wehrmachtsmantel dar: Das viel diskutierte Dokument eines Mitläufers; der Held vieler Erzählungen daheim in Dresden war an der Front gefallen. Alles was im Künstler rumorte, tritt schließlich im Werk „Herr Heyde“ aus dem Hintergrund, Heyde, Stratege des Euthanasieprogramms, hatte 100 000 Menschen auf dem Gewissen. Dieses Bild von Richter funktioniert wie eine klassische Deckerinnerung. Sie erlaubt ihm, etwas zu zeigen, ohne es zu offenbaren. Zielte das Motiv auf Eufinger, der wie Heyde Hitlers Losung „SS-Mann. Deine Ehre heißt Treue“ verpflichtet war?

„Tante Marianne“ vollendet als Figur des Todes Richters einzigartiges Museum der Schatten. Niemand, der ihren Kreuzweg kennt, vermag den Blick von dem Gemälde zu wenden, einem berührenden Denkmal für die Kranke. Die Trauerarbeit markiert vielleicht den emotionalsten Moment des Malers. Einmal dabei, sucht er jetzt noch das elterliche Hochzeitsfoto von 1931 heraus, die 15 von der Kamera im Sonntagsstaat gebannten Festgäste könnten ebenso wirklichkeitstreu von ihm gemalt sein. Rechts Marianne, schicker als die Braut, mit Schnittkleid und Rosenstrauß. Unverwandt blickt sie in die Zukunft, bald führt ihr Weg in eine furchterregende Tiefe. Onkel Rudi sieht ihr über die Schulter.

Endstation Großschweidnitz. Richters Tante kommt am 27. August 1943 mit dem Transport aus Arnsdorf, Nummer 826 im Zugangsbuch. Verbürgt durch seine Unterschrift begegnet sie dort Ernst Leonhardt, 1947 im Dresdner Euthanasie-Prozess als besonders grausamer Täter zum Tode verurteilt. Für ihre Mutter sind es mit dem Zug nun 87 Tarifkilometer zur Tochter, einfache Fahrt 3,50 Mark in der billigsten Klasse. Mit Marianne erreichen weitere 75 Kranke den Ort der Qual. In ihrer von Ängsten erfüllten, entrückten Welt näht sie Knöpfe an, ist stumpf, erstarrt, dann hyperaktiv, wie von der Feder geschnellt, verliert sich in Gedanken. Die Zeit ist ohne Bedeutung, das Heimweh bleibt. Sie frage oft, „ob sie nach Hause könnte“, überliefert die Akte. 1944 vermerkt die Rubrik „Beobachtung“: „Herz leise, aber rein.“ Es ist Eufingers Jahr: Zum 50. wird der „gute Kamerad“ SS-Obersturmbannführer.

Am 9. März 1945 teilt Anstaltspfarrer Axt Mariannes Mutter mit, ihr Kind sei an einer „plötzlichen Kreislaufstörung“ verstorben. „Wollen Sie, sehr geehrte Frau Schönfelder, aber auch bedenken, dass der Tod … dieser die Erlösung von einem … nicht mehr lebenswerten Dasein gebracht hat.“ Er habe die Trauerfeier gehalten, „sie war in unserer schönen Kapelle mit großer Sorgfalt aufgebahrt. Auch lagen eine Reihe Kränze auf ihrem Sarge.“

Fromme Lügen. Niemand kann ihr das letzte Geleit gegeben haben, Großschweidnitz war ein Vernichtungslager. Richters Tante starb 27-jährig: „heute Freitag den 16. 2. 1945, 5, 45 Uhr“, meldete Oberschwester Wedel, als Mitwirkende „an den Ausrottungsmaßnahmen“ im Euthanasie-Prozess ebenfalls schuldig gesprochen. Ein halb verblichenes, mit Bleistift angefügtes Kreuz beschließt Akte 428. An besagtem 16. Februar gibt es in Raum und Zeit eine letzte Überschneidung mit SS-Eufinger. Nach Luftangriffen ergeht in seiner Klinik der Befehl zur Verlegung in die Anstalt Arnsdorf. Richters Oma bleibt nichts anderes, als per Postanweisung 12,50 Mark für „zweimalige Grabpflanzung“ zu schicken. Die Beerdigung kostete 70,10 Mark.

Über dem nunmehrigen sächsischen Krankenhaus Großschweidnitz spannt sich ein blauer Himmel. An der Bushaltestelle nahe der Pforte klebt die NPD-Parole „Arbeit zuerst für Deutsche“. An der Klinik-Kirche die Losung „Dienet dem Herrn mit Freuden“. Zweite Straße links, zweites Haus, die Nummer 11. Dort lebte, nein, vegetierte Marianne. Ein Spitzahorn überragt den Bau. Verharrte sie unter seiner Krone, unrettbar dem Siechtum überlassen, dann mutmaßlich mittels der „Schweidnitzer Vitaminkur“ umgebracht? So nannten Nazi-Schergen die Kombination von Mangelkost und Medikamentenüberdosierung bei der planmäßigen Tötung. Gewalt und Zerstörung verloren sich im schönsten Grün. Allein zwischen dem 1. Januar und 3. Mai 1945 kamen 1012 Patienten um. Todesrate: 67,8 Prozent.

Im Wurzelholz-Schrank hütet die Verwaltung ein zerfleddertes Totenbuch. Auf Seite 16 Mariannes Name, in „Reihe 8, Grab 42“ des Friedhofsquartiers 42 verscharrt. Sie liegt beim Mahnmal für die ermordeten Patienten, Tausende Margariten stehen hoch auf der Wiese. „Es blühe über den Gräbern Euer Herz, Aber vergesst uns nicht“, bittet die Inschrift. Gerhard Richter war noch nie da.

Kriegsende. Sachbearbeiter Drechsler vom Kriminalamt Dresden untersucht die braunen Flecken auf Eufingers Doktorkittel. Aktenzeichen V-4/2520/48, es heißt: Zu seiner Zeit seien in der Frauenklinik „über 900 Sterilisierungen“ an Patientinnen vorgenommen worden. Der Generalstaatsanwalt verwies darauf, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwere Körperverletzung müssten „als erfüllt angesehen werden“.

Doch im Lager Mühlberg rettet der Arzt bei einer komplizierten Geburt die russische Kommandantenfrau. Die Kripo hielt fest: Eufinger werde von den Sowjets „als Kapazität gedeckt“, ein Verfahren gegen ihn scheine noch nicht erwünscht, von den „vorliegenden Belastungen“ (gemeint: Zwangssterilisierungen) hätten die Besatzer keine Kenntnis. Sie entlassen ihn Ende 1948, strafrechtlich bleibt er ungeschoren, praktiziert munter hüben und drüben, reiht sich ins Tätervolk ein, redet wehleidig von der Unbill, die ihm widerfahren sei, erzählen Dresdner. Ema habe sogar Schneiderin lernen müssen. 1988 stirbt der Professor hoch geachtet in Wilhelmshaven. Auf der Entbindungsstation im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt hängt noch sein Porträt, ein Halbgott in Weiß, der alle Ideologien überdauerte.

In der Wiener „91“ richtete die Stasi in den 80er eine konspirative Wohnung ein, Tarnname „Konsul“. Eufinger wurde enteignet. Nach der Wende ging das Anwesen per Rückübertragung an die Töchter. Eine Firma bietet das Haus von Richters „Stadtbild“ für 490 000 Euro an.

In Köln klappt der Künstler seine Fotoalben zu.

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