Zeitung Heute : Tanz das neue Deutschland

„Steht auf, wenn ihr Deutsche seid“, sangen ihre Geschwister bei den Spielen der Nationalmannschaft. Asli Bayram ist deutsche Staatsbürgerin türkischer Herkunft. Heute ist die Miss Deutschland 2005 das Gesicht der Abschlussfeier im Olympiastadion – und träumt von einer Karriere wie ihre Vorbilder Halle Berry und Sharon Stone

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Wie viel Zukunft passt in 25 Lebensjahre? Asli Bayram ist deutsche Staatsbürgerin türkischer Herkunft. Die Schauspielerin lebt in Frankfurt am Main, Wien und Istanbul. Im Herbst will sie eine Wohnung in Berlin beziehen, „weil es hier noch internationaler ist“. Heute soll Asli Bayram in ihrer zukünftigen Heimatstadt als Symbol des neuen weltoffenen Deutschlands auftreten. Sie wurde ausgewählt als Gesicht der Abschlussfeier im Olympiastadion, die weltweit eine Milliarde Menschen verfolgen werden. Ob sie aufgeregt ist? Sie schüttelt ihre dunklen Locken, lacht. „Warum? Das ist doch eine Ehre.“ Eine Ehre als Schauspielerin? „Als Deutsche“, antwortet sie.

Vor dem Finale zwischen Italien und Frankreich wird Bayram mit einem Ball in der Hand die Stufen am Marathontor heruntertanzen, ihr folgen 120 ausgewählte Darsteller. Danach soll die Gruppe den Rahmen für Shakiras Musikshow bilden und schließlich eine La Ola anstoßen. Eine kleine symbolische Rolle. Asli Bayram ist noch kein Star, sie will erst einer werden.

Sie hat Vorbilder, die keine Deutschen sind. Halle Berry. Sharon Stone. Die beiden haben auch als Models angefangen. Asli Bayram ist Miss Deutschland 2005, mit ihrer Schärpe tingelte sie ein Jahr lang über Festivalteppiche und durch Fernsehstudios. Asli Bayram ist „eine Miss von früher“, wie es ihr Manager Robert Hofferer ausdrückt. Sie soll, sie darf keine Miss bleiben. In Deutschland haben es noch nicht viele Models ins seriöse Schauspielfach geschafft. Auf Bayrams Homepage sind trotzdem ihre Körpermaße vermerkt.

Man sieht ihr die türkische Herkunft an. „In der Schule in Frankfurt wurde ich manchmal komisch angeguckt, da wusste ich, dass ich doppelt lernen muss“, erzählt Asli Bayram. „Das habe ich dann getan.“ Auch jetzt arbeitet Bayram unerbittlich an sich selbst. Sie schwimmt und kämpft Karate, um fit zu bleiben. Sie nimmt Schauspielunterricht, um besser zu werden. Sie lernt Französisch, weil sie bisher nur Deutsch, Englisch und Türkisch kann. Sie studiert Jura, drei Wochen nach WM-Abpfiff schreibt sie ihre Abschlussklausur im Fach Öffentliches Recht. Asli Bayram geht kaum noch aus. „Früher war ich öfter unterwegs“, sagt die 25-Jährige. Im Frühjahr will sie es in den Filmwettbewerb von Cannes schaffen.

Arbeit hat Vorrang – ist das die Botschaft einer globalen Welt, die sich bei der Fußball-Weltmeisterschaft kurz entspannt hat? „Den Türken geht es mehr um das Leben und die Familie“, sagt Asli Bayram. Die Deutschen hätten erst bei der Weltmeisterschaft richtig Spaß an der Lockerheit gefunden. Asli Bayram hat gefallen, dass sich vor allem die in Deutschland lebenden Türken zu ihrer neuen Heimat bekannt hätten. In Kreuzberg standen sie mit deutschen Fahnen auf den Straßen und weinten nach der Niederlage gegen Italien im Halbfinale. Und in Bayrams Familie sangen die vier Geschwister „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid.“ Bayram findet das normal: „Für wen sollen sie denn sonst sein, wenn die Türkei nicht dabei ist?“

Asli Bayram gibt heute Deutschland ihr Gesicht. Es wird ein kleiner symbolischer Gruß an die Welt. Er soll von der Zukunft erzählen. Robert Ide

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