Zeitung Heute : Tanz den Obama

SOPHIENSAELE Der Jetset ist schwarz: Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen zetteln in „Betrügen“ ein lustvolles Gesellschaftsspiel an

SANDRA LUZINAD

Bei den Tanztagen Berlin waren sie das schrägste Gespann. Wenn Gotta Depri, Tänzer von der Elfenbeinküste, und der deutsche Schauspieler Hauke Heumann sich in „Logobi“ für den Dialog der Kulturen ins Zeug legen, bleibt kein Auge trocken. Depri demonstriert einige der traditionellen Tänze seiner Heimat, um sie dann mit den populären Tanzformen von heute in Beziehung zu setzen. Der schlaksige Hauke Heumann tritt als sein Übersetzer auf – in doppelter Hinsicht: Er überträgt Depris Erläuterungen ins Deutsche und er ahmt dessen Bewegungen nach, so gut er eben kann. Hier stehen sich nicht nur zwei unterschiedlich geprägte Körper gegenüber, hier kreuzen sich auch zwei Blicke. Heumann wirkt konsterniert bis gehemmt, etwa wenn es um den Logobi geht, den „Tanz der arroganten Männer“. Ihm käme wohl auch nie in den Sinn, einen Pakt mit einem Huhn abzuschließen, so wie Depri das schon öfters tat. Aber wo der Deutsche freundlich aufgeschlossen bleibt angesichts der fremden Kultur, da drückt der Ivorer unverhohlen sein Unverständis aus. Er könne sich partout keinen Reim machen auf den zeitgenössischen europäischen Tanz, seufzt Depri, und der werde den Afrikanern ja regelrecht aufgedrängt. Wer so tanze, dem gehe es wohl einzig um das dicke Auto. Die Schlitzohren Depri und Haumann erklären uns die kulturelle Globalisierung, und für ihr so erhellendes Duett ernteten sie viel Applaus und Gelächter.

Für die Regisseurin Monika Gintersdorfer und den bildenden Künstler Knut Klaßen war „Logobi“ eine Art Testlauf. Im Februar schon meldet sich das Künstlerduo mit einer größeren Produktion zurück. In „Betrügen“ treffen deutsche und ivorische Darsteller aufeinanander. Gotta Depri und Hauke Heumann sind wieder mit von der Partie, außerdem konnte Gintersdorfer eine schillernde Gestalt aus dem Kreis des Pariser „Jet Set“ für das Projekt gewinnen. Dabei handelt es sich nicht etwa um reiche Schnösel, sondern um Künstler aus der Elfenbeinküste, die in Paris zu gefeierten Musik- und Tanzstars avancierten. Die „Jet Set“-Gründer haben einen neuen Musik- und Tanzstil erfunden, den „Couper Décaler“, sie huldigen dem Glamour, zelebrieren einen luxuriösen Lifestyle – dabei leben sie in den Sozialwohnungen der Banlieues, kennen die prekären Lebensumstände der anderen Migranten aus eigener Erfahrung. Dieser Widerspruch interessiert die Theatermacher. Wenn DJ Arafat oder Maga Din Din Geschichten aus einer Jetset-Welt erzählten, in der die Migranten die dicken Posten okkupieren, dann folge das dem Prinzip der Aufwertung, erklärt die Regisseurin. Die schwarzen Künstler haben eigene Codes entwickelt, und da werden auch politische Aktualitäten verarbeitet. So wurde mittlerweile ein Danse Obama kreiert. Eine weitere Attraktion: Die Künstler schmeißen bei ihren Auftritten das Geld mit vollen Händen ins Publikum. Eine Ökonomie der Verschwendung, die durchaus funktioniert, denn weil sie so viele Leute anlocken, können sie wiederum höhere Gagen verhandeln.

Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen haben vor allem mit der Gruppe „Rekolonisation“ für Furore gesorgt. „Wir haben Situationen, die in anderen Gesellschaften passieren, auf Hamburg übertragen“, erzählt die Regisseurin. „Wir haben etwa Kämpfe ausgetragen, Fluchten inszeniert, sind Booten hinterhergeschwommen.“ Auch in den Pariser Banlieues haben sie Aktionen durchgeführt. Es war die Zeit der Unruhen – und so haben die Performer meist über das gesprochen, was sie am Abend zuvor erlebt hatten. Hauke Heumann erinnert sich zudem an eine besondere Intervention: Mit einem Grabenstampfer hat er eine Straße plattgemacht, um erst mal Aufmerksamkeit zu schaffen.

In „Betrügen“ zetteln sie nun ein subversives Gesellschaftsspiel an. Gintersdorfer will den Wunschrollen ihrer Darsteller nachgehen – durch das deutsch-afrikanische Ensemble kommt es zu interessanten Spiegelungen. Außerdem kann man sich darauf verlassen, dass die Ivorer eine tolle Show abziehen werden. SANDRA LUZINA

Premiere 26.2., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 27. und 28.2., jeweils 20 Uhr

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