Zeitung Heute : Tanz der Eierköpfe - Die Zeitschrift wird 35 Jahre alt

Jörg Plath

Es ist eine Crux mit der aufklärerischen Kritik. Beschwört man ihre wohltuende Wirkung, guckt sie beleidigt. Hält man ihr zur Feier die Tür auf, tritt sie nicht ein. Und flicht man ihr einen Kranz, flieht sie entsetzt.

Nur widerstrebend, als ihr Stellvertreter, nahm Karl Markus Michel am Dienstagabend auf dem verwaisten Stuhl Platz, um mit dem Zeit-Journalisten und Enzensberger-Biografen Jörg Lau im Literaturhaus über 35 Jahre der Zeitschrift "Kursbuch" zu sprechen. Gegründet worden war sie - ebenso wie die Zeitschrift "Transatlantik" - 1965 von Hans Magnus Enzensberger, dem die laufende Ausstellung des Literaturhauses gewidmet ist.

Michel zeichnete die Geschichte des "Kursbuch" als eine von Missverständnissen nach. Während der Verleger Siegfried Unseld einen "Suhrkamp-Kultur-Beutel" wünschte, dachte der Herausgeber an Texte, die in anderen Medien keinen Platz fanden. Die redaktionelle Autonomie wurde gleich beim ersten Heft auf die Probe gestellt: Grass hatte Enzensberger einen Akt aus "Der Aufstand der Plebejer" in der DDR 1953 zugesichert, an dessen brechtkritischen Szenen Unseld seine Lizenzverhandlungen mit den Erben des Heiligen Bertolt scheitern sah. Die Existenz des Verlages wie der unbestechliche Ruf des Herausgebers standen auf dem Spiel. Ein Geheimemissär namens Uwe Johnson rettete beides.

Als Suhrkamp-Lektor und "Aufpasser" für das "Kursbuch" verfolgte Karl Markus Michel die Ereignisse. Sein programmatischer Essay in Heft 1 wirft linken wie rechten Intellektuellen vor, in seltener Einigkeit das Bestehende sich selbst zu überlassen. Das "Kursbuch" wollte also aufklärerisch eingreifen, und von der Apo bis nach der RAF galt es Staatsschützern und der nach Orientierung suchenden Szene als Zentralorgan.

Gleich zwei Missverständnisse, meinte Michel und schrieb sie dem ökonomischen Erfolg des "Kursbuch" zu. Die Hefte wurden in den siebziger Jahren 50 000 mal verkauft, manche sogar 100 000 mal. "Wenn ein elitäres Produkt zu einem Massenprodukt wird, strahlt es so etwas wie Gültigkeit aus." Michel litt sichtlich unter der Institutionalisierung der Kritik als Glaubensersatz. Das "Kursbuch"-Ideal ist der Eiertanz der intellektuellen eggheads, nicht der Tanz ums goldene Kalb. Bisweilen wurden auch noch ungelegte Eier bebrütet - Utopien, Zukunftsspekulationen.

Seit 30 Jahren betreibt Michel nun dieses Hakenschlagen mit dem Zeitgeist als Herausgeber, seit 20 Jahren sind Ingrid Karsunke und Tilman Spengler dabei. Das ist für Zeitschriften, die der Diskontinuität verpflichtet sind, eine Kontinuität methusalemischen Ausmasses. Erst sie hat wohl dem Enzensbergerschen Modell intellektueller Selbstverwaltung zum Erfolg verholfen, der den Wechsel von Suhrkamp zu Wagenbach, Rotbuch und Rowohlt Berlin unbeschadet überstand. Die Verlage sind nur Dienstleister für die Intellektuellen. Und wie immer der neue Rowohlt Verleger mit dem Berliner Ableger seines Hauses umspringen wird, das "Kursbuch" hat gerade einen weiteren Fünfjahresvertrag unterzeichnet. Lässig sah Michel daher in die Zukunft. Weder das Ende der Zeitschriften "Freibeuter" und "Alltag" noch die Themen- und Umfangserweiterungen in den wichtigen Feuilletons lassen ihn an Veränderungen denken. Allerdings sei es nicht mehr gelungen, Debatten auszulösen, wie 1968 mit dem vermeintlich verlautbarten Tod der Literatur oder nach dem Deutschen Herbst 1979 mit den "Memoiren eines im Amt ergrauten Stadtindianers".

Themen aber, nein, die hätte das "Kursbuch" nicht versäumt. So wehte zum Abschluss doch noch ein wenig Weihrauch durch den Raum. Wer ihn vermisst hatte, war freilich einem letzten Missverständnis aufgesessen. Schließlich sollten ja nicht 35 Jahre "Kursbuch" gefeiert werden. Das "Kursbuch" beging ein Dienstjubiläum, und niemand ist im Amt ergraut. Understatement pflegt eine Institution, wenn sie keine sein will und darf.Tanz der Eierköpfe

Die Zeitschrift "Kursbuch" wird 35 Jahre alt

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