Zeitung Heute : Tanz der Vatermörder

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Susanne Güsten, Istanbul

Ein Gespenst erschien in dieser Woche im türkischen Kabinett. Mit starrem Blick schlurfte es an den schweigenden Ministern vorbei bis zum Kopfende des Tisches und ließ sich vorsichtig in den Chefsessel sinken, der seit zehn Wochen leer ist. Eine Stunde lang harrte die zusammengesunkene Gestalt auf dem Platz des Regierungschefs aus, während die Minister mit gedämpften Stimmen und vorsichtigen Seitenblicken eine normale Kabinettssitzung simulierten. Dann schlurfte das Gespenst hinaus, und die Minister wandten sich wieder ihrem Streit um die Neubesetzung des Chefsessels zu.

Dass es so zu Ende gehen muss mit dem türkischen Polit-Veteranen Bülent Ecevit, tut selbst seinen Feinden leid. Verlassen, krank und verbittert kämpft der alte Ministerpräsident noch immer um die Macht, die ihm längst entglitten ist – während alle Akteure in Ankara bereits an einer neuen Regierung zimmern.

Wie in einem politischen Erdbeben brachen in dieser Woche zunächst Ecevits Regierungskoalition und dann seine eigene Partei zusammen, doch der 77-Jährige weigert sich beharrlich aufzugeben. In ein orthopädisches Korsett und Stützstrümpfe gezwängt, wehrt er sich mit aller verbleibenden Kraft gegen das Ende seiner fast ein halbes Jahrhundert umfassenden politischen Karriere. Was er nicht bemerkt: In der türkischen Hauptstadt hat die Post-Ecevit-Ära längst begonnen.

Zäh ist der Alte. Als die Nationalisten in seiner Regierungskoalition am Sonntag ohne Vorwarnung das Bündnis verließen und Neuwahlen ankündigten, weigerte Ecevit sich einfach, das zur Kenntnis zu nehmen. Als am Montag sein engster Berater zu ihm kam und ihm den Rücktritt nahelegte, warf er ihn hinaus. Als ein halbes Dutzend seiner Minister zurücktrat, besetzte er ihre Posten kurzerhand mit ein paar übrig gebliebenen Getreuen. Selbst als eine Massenflucht von Abgeordneten aus seiner Partei einsetzte und die binnen Stunden die Stellung der stärksten Fraktion im Parlament verlor, widerstand Ecevit allen Rufen nach seinem Rücktritt.

An seine Zukunft glaubt außer ihm selbst nur seine fast 80-jährige Ehefrau Rahsan, die seit Jahrzehnten zugleich Managerin seiner politischen Karriere ist. Bis tief in die Nacht hastet die alte Frau zwischen der ehelichen Wohnung, dem Regierungssitz und der Parteizentrale hin und her und versucht, die verbliebene Truppe auf Linie zu halten und zu retten, was für ihren Mann noch zu retten ist.

Bülent Ecevit ist zu schwach, um diese politische Beinarbeit selbst zu leisten. Die Parkinsonsche Krankheit, ein angeknackster Rückenwirbel, eine Venenentzündung und ein Rippenbruch zählen zu seinen Gebrechen. Selbst mit dem Auto kann Ecevit kaum noch transportiert werden, weil er sich nicht bücken kann und durch Schlaglöcher neue Brüche erleiden könnte. Aus seiner Wohnung heraus versucht er, die noch erreichbaren Strippen zu ziehen – vergeblich: „Ecevits politische Laufbahn ist schon seit Tagen vorbei“, schrieb der angesehene Leitartikler Ismet Berkan. Ecevit ist selbst schuld daran, dass er seine Laufbahn nicht in den verdienten Ehren beenden kann. Seit Monaten ist er nicht mehr regierungsfähig und behindert die Regierungsarbeit und die so dringend nötigen Reformen für den EU-Beitritt.

Ohne ihn könne es keine Stabilität in der Türkei geben, argumentierte Ecevit. Nur ein paar Wochen Ruhe brauche er noch, fügte er dann stets hinzu, bevor er sich wieder in seine Wohnung zurückzog. Seine Koalitionspartner tanzten inzwischen auf den Tischen und benutzten das Schicksalsthema der Türkei, den EU-Beitrittsprozess, als Spielball in ihren Streitereien. Hilflos mussten die Türken mitansehen, wie die Frist für die EU-Reformen ungenutzt zu verstreichen und das Land mangels Führung seine europäische Zukunft zu verbummeln drohte.

Am Montag wurde es selbst Ecevits eigenen Anhängern zu dumm: In einer Palastrevolte wollte sein Stellvertreter Hüsamettin Özkan ihn aufs Altenteil setzen, um dann zusammen mit einigen Mitverschwörern die Nationalisten aus der Regierung werfen und die EU-Reformen durchs Parlament peitschen zu können – doch Ecevit bekam Wind von der Sache. Der Alte kennt sich mit solchen Intrigen aus, hatte er doch selbst in einem ähnlichen Coup vor 30 Jahren seinen damaligen Chef Ismet Inönü ausgebootet.

„Es ist noch nicht zu spät, Herr Ministerpräsident“, soll Özkan seinen langjährigen Chef angefleht haben, als dieser ihn einbestellte und des Vatermords beschuldigte. „Lassen Sie uns gemeinsam zurücktreten. Sagen sie nur ein Wort, dann verlasse ich zusammen mit Ihnen die Politik.“ Doch Ecevit schwieg, und Özkan ging zur Türe: „Eines sollten Sie wissen“, warnte er den alten Mann zm Abschied: „Wenn ich dieses Haus verlassen habe, bin ich nicht mehr Ihr Adjutant, dann bin ich Politiker – und dann werde ich auf Gefühle keine Rücksicht nehmen, ganz wie Sie es mich gelehrt haben.“ Ungerührt ließ Ecevit ihn ziehen – und Özkan machte Ernst. Während der alte Regierungschef alleine in seiner Wohnung sitzen blieb, scharte Özkan noch am selben Abend Dutzende von Überläufern zum politischen Leichenschmaus in einem Lokal in Ankara um sich und plante den Umsturz. Stunde um Stunde verließen weitere Abgeordnete das sinkende Schiff Ecevits, um sich Özkan anzuschließen. Schlag auf Schlag traten seine Minister zurück. Überall im Land wurden die Fernsehnachrichten eingeschaltet, niemand wollte den Rücktritt des Regierungschefs verpassen. Denn das Ende seiner Ära markiert für die Türkei den Beginn einer neuen Epoche.

Doch der Überlebenskampf ist Bülent Ecevit in fünf Jahrzehnten und drei Militärcoups zum Reflex geworden. Selbst die Fahnenflucht von Außenminister Ismail Cem – sein politisches Ziehkind und langjähriger Kronprinz – konnte den Alten nicht zum Einlenken bewegen: Wenn er gehen wolle, dann solle er es gleich tun, bevor er gefeuert werde, sagte Ecevit dem Außenminister am Telefon. Cem legte auf, trat zurück, gründete eine neue Partei und wird in Ankara schon als künftiger Ministerpräsident gehandelt.

Von der Aussicht auf das letzte Gefecht aufgepeitscht wie ein altes Schlachtross beim Angriffssignal des Trompeters, erschien der Ministerpräsident am Freitag plötzlich live im türkischen Fernsehen und machte sich dort so frisch und munter über seine Gegner her, wie er schon seit Monaten nicht mehr gesehen wurde. Vom Rücktritt will er weiter nichts wissen: „Wenn wir nur Augen und Ohren fest genug schließen, dann werden wir diese Situation schon durchstehen“, sagte er dem überraschten Interviewer.

Das darf man bezweifeln, denn selbst wenn Ecevit die verbliebenen Abgeordneten halten kann, sind Neuwahlen im Spätsommer wohl unausweichlich. Spätestens dann wird Ecevits Lebenswerk Geschichte sein, denn er hat keinen Nachfolger aufgebaut. Die Partei, die er mit seiner Frau gegründet und wie ein Familienunternehmen geführt hat, kann ohne ihn nicht überleben.

Einen politischen Sinn hat Ecevits verzweifeltes Beharren nicht – er kann einfach nicht anders. Viele Türken vermuten schon lange, dass Ecevit nur auf der Bahre liegend sein Ministerpräsidentenamt verlassen wird. Und mancher Politiker in Ankara befürchtet, dass er auch danach noch im Kabinettssaal umherspuken wird.

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