Tanz in Berlin : Aufruhr auf dem Dancefloor

Staatsballett Berlin: Der Berliner Choreograf Tim Plegge entfesselt die Menge beim modernen Ballettabend im Club Berghain.

Wer an einem sonnigen Apriltag die Proben des Staatsballetts besucht, staunt nicht schlecht. Mal liegen die Tänzer aneinandergeschmiegt auf dem Boden wie bei einer Kuschelparty. Dann sieht man sie über den Boden robben - ganz der Schwerkraft ergeben. Des Weiteren wird eine Geste geprobt, die „Genickbruch“ heißt - Krasina Pavlova dreht dabei ruckartig den Kopf von Arshak Ghalumyan zur Seite. Und dann gibt es noch den lässigen Tina-Turner-Step. „Den hat der Tänzer Michael Banzhaf erfunden“, erzählt Tim Plegge und lacht. Der junge Choreograf, Jahrgang 1978, probt gerade für sein Stück „They“, das beim modernen Ballettabend mit dem Titel „Masse“ im Berghain uraufgeführt wird.

Nach „Shut Up and Dance! Updated“ wird Berlins angesagtester Club erneut zur Bühne. Hochkultur trifft auf Subkultur – die Choreografen lassen sich von der elektronischen Musik inspirieren, die DJs extra für den Abend komponieren – und natürlich von der Architektur des ehemaligen Heizkraftwerks. Das verbindende Thema hat das Berghain vorgeschlagen. Eigentlich ganz schön frech, die Balletttänzer, diese Virtuosen der Leichtigkeit, darauf zu stoßen, dass ihre Körper eine Masse bilden. „Am liebsten hätte ich ja mit allen Tänzern gearbeitet“, meint Plegge. Das wäre ein richtiger Massenauflauf. Nun begnügt er sich mit neun Akteuren, die aber hat er sich selbst ausgesucht. „Ich muss Lust auf die Tänzer haben und sie auf mich“, sagt er. Das scheint der Fall zu sein. Zunächst war es Plegge wichtig, dass die Tänzer ihr Gewicht spüren. „Das Klassische flirrt ja so hoch“, weiß er, und deswegen sagt er seinen Darstellern schon mal: „Runtergehen“. So was hören sie nicht oft.

Der gebürtige Berliner gilt als Hoffnungsträger unter den deutschen Choreografen. Plegge hat an der John-Neumeier-Schule in Hamburg seine Tanzausbildung absolviert und danach noch Choreografie an der Berliner Ernst-Busch-Schule studiert. Rasch fing er an, eigene Stücke zu entwerfen. Seine Karriere nahm Fahrt auf, alles lief super - als er plötzlich schwer erkrankte. Während der Proben zu „Sonett XVIII“ mit dem Staatsballett brach er zusammen. Die Diagnose lautete: akute Hepatitis B. Nur dank einer Organspende hat er überlebt.

Durch so eine extreme Erfahrung verändert sich natürlich der Blick auf das Leben und den Körper. „Ich war Mitte 20 und dachte: Was kann mir schon passieren?", erzählt Plegge. „Und plötzlich ist nichts mehr selbstverständlich. Dass man morgens aufsteht und der Körper funktioniert - diese Grundvoraussetzung ist nicht mehr gegeben. Durch diese Erfahrung bin ich sehr viel dankbarer geworden." Wenn man sieht, wie er voller Elan seine Proben leitet, kann man gar nicht glauben, dass er schon mal am Rande des Todes stand. Doch das Wissen um die eigene Verletzlichkeit schreibt sich auch seinen Körperbildern ein. „Die Verletzung ist Teil meines Lebens - auch meines künstlerischen Lebens. Denn ich schöpfe ja aus dem, was das Leben mir gibt."

Seine Stücke handeln eigentlich immer von der Suche nach Beziehungen - die ja auch zerbrechlich sind. Sie wollen zum Kern vordringen. Beim Thema Masse steht für ihn der soziale Aspekt im Vordergrund. „Wie verändert sich eine Gruppe durch die einzelnen Individuen und wie verändert umgekehrt eine Gruppe den Einzelnen?“ lautet die Ausgangsfrage. Von kulturpessimistischen Überlegungen lässt er sich nicht leiten. „Wir können Kollektive auch steuern, indem wir bestimmte Impulse hineingeben“, meint Plegge. Spannend findet er die Zusammenarbeit mit dem Maler Norbert Bisky und dem Musiker Henrik Schwarz, die schon mal bei den Proben zusehen. „Es ist beglückend, so unterschiedliche Sichtweisen auf die eigene Arbeit zu bekommen.“ Plegge hofft, dass der Abend eine starke Sogkraft ausübt. „Ich wünsche mir, dass man als Betrachter in einen Raum hineingeht, in dem man sich ein bisschen verliert. Und am Ende mit einer neuen Erfahrung wieder rausgeworfen wird."

Berghain: Premiere 4.5., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 7. - 10. und 14., 16., 18., 22. und 24./25.5

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