Tanz : Komisch, klassisch, avantgardistisch

Ein Rundgang durch die Hauptstadt des zeitgenössischen Tanzes.

Kostproben. Das Staatsballett Berlin zeigt Szenen – hier aus „Onegin“ – in der Komischen Oper Berlin. Foto: Enrico Nawarath
Kostproben. Das Staatsballett Berlin zeigt Szenen – hier aus „Onegin“ – in der Komischen Oper Berlin. Foto: Enrico Nawarath

Wer Ende März bei Karstadt am Hermannplatz einkaufen ging, glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Da saust ein junger Mann in Kaninchenkostüm vorbei, Promotion-Jobber zeigen ein Hummerballett und eine ondulierte Frau tanzt einen Tango mit dem Securitymann. Die Tanzperformance „Alice im Wunderland“ von MS Schrittmacher nahm die Zuschauer mit auf eine aberwitzige Reise durch die Welt des Konsums.

Zwei Wochen zuvor hatte „gefaltet“, die neue Arbeit von Sasha Waltz, im Radialsystem V Premiere. Mit Verblüffung sah man, wie die Geigerin Carolin Widmann von dem Tänzer Edivaldo Ernesto emporgehoben und gekippt wird – und dabei makellos weitergeigt.

Verrückte Aktionen oder künstlerische Höhenflüge, komisch, klassisch oder avantgardistisch – in Berlin kann man Tanz in allen Facetten und Stilen erleben. Die Hauptstadt ist ein Mekka des zeitgenössischen Tanzes. Sie zieht junge Tänzer und Choreografen aus aller Welt an. Entsprechend kosmopolitisch geht es in der Szene zu. Die Tänzer sind gut miteinander vernetzt und treten in unterschiedlichen Konstellationen auf. Der Tanz in Berlin hat sich immer neue Räume erkämpft. Und die Szene befindet sich in permanentem Umbruch. Da ist es nicht leicht, im Dickicht der Bewegungen und Strömungen den Überblick zu behalten.

Die Spielorte reichen von der winzigen Ada Tanzbühne bis zur Deutschen Oper mit ihren über 1800 Plätzen. Im HAU in Kreuzberg, im Radialsystem V oder in den Sophiensälen in Mitte sind die angesagtesten Choreografen sehen. Junge Talente kann man in den Uferstudios im Wedding und im Dock 11 in Prenzlauer Berg entdecken. Vor allem die dezentralen Spielstätten haben den Ruf von Berlin als lebendiger Tanzstadt begründet.

Tanz made in Berlin ist auch international sehr gefragt. Die Berühmteste unter den Choreografen ist Sasha Waltz. Ihr Ensemble Sasha Waltz & Guests wird überall gefeiert. Von Anfang an entstanden ihre Kreationen in Auseinandersetzung mit anderen Künsten, prägend ist vor allem der Einfluss von Architektur und bildender Kunst.

In den letzten Jahren kam aber auch der Musik – ob barock, klassisch oder zeitgenössisch – eine große Rolle zu. Zu ihrem Markenzeichen sind die „Dialoge“-Projekte geworden. In „Dialoge 09 – Neues Museum“ weihte sie mit 70 Tänzern und Musikern den großartigen Museumsbau von David Chipperfield in Berlin ein.

Internationale Anerkennung genießt auch Constanza Macras. Die gebürtige Argentinierin arbeitet derzeit an einem spannenden Tanztheater-Projekt: In „Open for everything“ treffen 17 Roma-Tänzer und -Musiker aus Osteuropa auf die verwegenen Performer von Macras' Compagnie DorkyPark. Das Stück ist eine Annäherung an die Kultur der Roma und will mit weit verbreiteten Vorurteilen aufräumen. Beim Showing im Studio 44, dem Probenort von Constanza Macras, herrschte jedenfalls eine ausgelassene Stimmung. Das wird eine wilde Party!

Auch Toula Limnaios hat sich international einen Namen gemacht. Die aus Athen stammende Choreografin hat die Ästhetik des Tanztheaters weiterentwickelt. Ihre Arbeiten sind rätselhaft und poetisch – und kreisen um Grundfragen der Existenz.

Das Staatsballett unter Vladimir Malakhov begeistert die Anhänger des klassischen Balletts – und auch davon gibt es viele in Berlin. Die Platzauslastung liegt bei fast 85 Prozent , ein treues Publikum folgt dem Ensemble zu den unterschiedlichen Spielstätten.

Die Ballettenthusiasten müssen aber tapfer sein. Denn Malakov, der bislang das Zugpferd der Compagnie war, hat vor kurzem bei einem Pressegespräch erklärt: „Ich bin nicht mehr der klassische Prinz.“ Malakhovs aktive Laufbahn als Tänzer neigt sich dem Ende zu – er begreife sich inzwischen mehr als Intendant denn als Tänzer, betont er. Doch bei der Premiere des modernen Ballettabends Ende April ist er selbstverständlich mit dabei. Als einer der acht Tänzer, mit denen Mario Goecke, Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts, die Uraufführung „and the sky on that cloudy old day“ zu Musik von John Adams erarbeitet hat. Für alle Malakhov-Fans ein absolutes Muss.

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