Zeitung Heute : Tanzen - ja immer, Techtelmechtel - nimmer

Kurt Ulrich

"Darf ich bitten?" Bill Brunk, ein sportlicher Mittsechziger, führt die rundliche Spätfünfzigerin auf die Tanzfläche, legt mit ihr temperamentvoll einen Rumba hin, begleitet seine Partnerin zum Tisch zurück, schaut sich um und fordert eine Dame vom Nebentisch zum Tanz auf. Der Nasa-Wissenschaftler im Ruhestand ist im Dienst, denn er hat auf dem Kreuzfahrtschiff "Seabourn Sun" als so genannter Gentleman Host angeheuert. An Bord von Musikdampfern der gehobenen Preisklasse sind erfahrungsgemäß bis ein Viertel der Passagiere weibliche Singles gesetzteren Alters. Damit sie sich nicht langweilen, verpflichten Reedereien wie Cunard, Holland America Line und Crystal Cruises alleinstehende Herren, die pensioniert sind oder sich aus dem Geschäftsleben zurückgezogen haben, als "Hosts" (Gastgeber).

Am zweiten Kreuzfahrttag hat der Cruise Director alle Alleinreisenden zu einer Single Party mit Drinks und Appetithäppchen eingeladen und dabei die sechs "Gastgeber", fünf Amerikaner und ein Engländer, mit Vornamen vorgestellt. Seither sind sie von früh bis spät aktiv, immer korrekt gekleidet und frisiert, stets freundlich, zuvorkommend und guter Laune. "Das Tanzen mit alleinreisenden Damen, aber auch mit Ehefrauen, deren Gatten tanzunwillig sind, gehört zu unseren Hauptaufgaben", erklärt William, Ex-Polizeichef von Liverpool. Das Sextett bewegt die "Golden Age"-Ladys nicht nur vor und nach dem Abendessen unermüdlich übers Tanzparkett, sondern auch bei den nachmittäglichen Tanzkursen.

Wenn Gentlemen Hosts, die je nach Reederei auch Social-, Guest- oder Ambassador Hosts genannt werden, sich nicht gerade im Drei- oder Viervierteltakt drehen, sitzen sie beim Mittag- und Abendessen mit weiblichen Alleinreisenden am Tisch, machen Konversation und schenken Wein nach. Sie leisten Singles bei Bingo, Bridge und Shuffleboard, in der Bar oder auf dem Promenadendeck Gesellschaft und begleiten sie, falls gewünscht, auf Landausflügen. "Dann müssen wir nach einer ausgedehnten Shoppingtour gelegentlich ein halbes Dutzend Pakete aufs Schiff schleppen", klagt Ed, der früher eine Ladenkette für Frauenschuhe gemanagt hat.

"No hanky-panky!", frei übersetzt: Tanzen ja, Techtelmechtel nein, kommentiert Lloyd, emeritierter Professor der George Washington University, den Verhaltenskodex. Alles in Ehren also, denn der Vertrag schreibt strikte Kleidungs- und Verhaltensregeln vor: tags weder T-Shirts noch Shorts, sondern weiße Hose und dunkelblauer Blazer, abends ist Anzug mit Krawatte selbstverständlich, bei "Formal Nights" Smoking oder Dinner Jacket obligatorisch. Nie zwei Mal nacheinander mit derselben Partnerin, nie mit jungen Frauen tanzen, die untere Altersgrenze liegt bei 50 Jahren. Vertraulichkeiten zum anderen Geschlecht sind strikt tabu, also keine Kabinenbesuche. Wer dagegen verstößt, muss im nächsten Hafen von Bord und auf eigene Kosten nach Hause fliegen.

Ob es nicht trotzdem mal funke? "No comment", meint der eine, "Da bin ich zu alt", ein anderer. Nur der Texaner Reginald, früher College-Lehrer und Football-Coach, gesteht, dass komme schon mal vor, denn: "Wir sind auch nur Menschen." Allerdings würden persönliche Kontakte erst nach der Kreuzfahrt vertieft; er erzählt von Brieffreundschaften, gegenseitigen Besuchen und vereinzelten Eheschließungen. Walter Matthau und Jack Lemmon, die in der mäßig lustigen Filmkomödie "Out to Sea" auf der "Westerdam" als Gentlemen Hosts durch die Karibik kreuzen, sahen ihre Tätigkeit frivoler. Matthau, der mit zerknautschtem Dackelcharme einen gewissenlosen Zocker spielt, will "schlemmen, trinken und reiche Bräute aufreißen", der biedere Lemmon verliebt sich unglücklich in seine erste Tanzpartnerin. Natürlich kommt alles ganz anders, hollywoodlike mit Happy-End und Doppelhochzeit. "Völlig unrealistisch", urteilen die sechs Profis der "Seabourn Sun".

Was reizt die finanziell abgesicherten Herren - drei von ihnen sind längst Großväter - als Gentlemen Hosts über die Weltmeere zu schippern? Einhellig erklären sie, sich zu Hause gelangweilt und isoliert gefühlt zu haben. Sie suchten Gesellschaft, wollten ihrem Hobby Tanzen nachgehen und die Welt bereisen. So kontaktierten sie eine Agentur wie The Working Vacation im kalifornischen Santa Clara, die "Gastgeber" auf Musikdampfern vermittelt und reisten zum Vorstellungsgespräch an. Da alle sechs über eine gepflegte Erscheinung, tadellose Umgangsformen und gute Kenntnisse von mindestens fünf Standardtänzen verfügen und bereit waren, wenigstens sechs Wochen auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs zu sein, erhielten sie ihren "Job". Die Reederei übernimmt lediglich die Kosten für An- und Rückflug, offeriert Gratisgetränke und eine Zweierkabine im Passagierbereich.

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