Zeitung Heute : Tanzschritte ins Leben

Die meisten von ihnen haben noch nie klassische Musik gehört, jetzt studieren die Schüler aus Weißensee und Kreuzberg ein ganzes Ballett ein. Die Idee stammt von Simon Rattle, es spielen die Philharmoniker. Ravels Komposition finden die Jugendlichen okay, nur: Sie „hat halt keine Beats“.

Deike Diening

Es riecht nicht gut in der Arena in Treptow. Das müssen Problemfüße sein, das merkt man sofort. 208 Kinder und Jugendliche tanzen barfuß zu „Daphnis und Chloé“ von Maurice Ravel. 208 Berliner Jugendliche, mit denen man nicht reden darf, jedenfalls jetzt noch nicht. Erst später wird man erfahren, warum daran eigentlich Dieter Bohlen schuld ist. Sie werden beschützt und verteidigt wie Frischlinge unter der Wärmelampe. In sechs Wochen Arbeit haben englische Choreographen nämlich mit ihnen einen Zustand hergestellt, der zu kostbar und zu fragil ist, um ihn jetzt auch nur mit einer einzigen Frage zu gefährden: einen Zustand, in dem man nicht redet. Stille. Konzentration.

Als Simon Rattle 2002 nach Berlin kam, brachte er aus England eine Idee mit: „Education“ sollte an der Philharmonie passieren. Arbeit mit Jugendlichen. Das Orchester sollte seine langen, tönenden Arme in die Stadt strecken und dazu beitragen, deren offene Wunden zu heilen. Wieso, sagte da das Orchester. Machen wir doch schon. Wir geben Unterricht. Aber Rattle hatte etwas Größeres im Sinn: Ganze Schulen, solche mit möglichst großen Problemen, sollten sein Orchester kennen lernen. Und zu der Musik tanzen. Integrationsschulen. Jugendliche, die man schwer erziehbar nennt. Die Heinz-Brandt-Oberschule aus Weißensee ist dabei, die Eberhard-Klein- und die Hermann-Hesse-Schule aus Kreuzberg. Dazu zwei freie Tanzgruppen, eine aus dem Märkischen Viertel. Die Jüngeren sind zwölf, die Ältesten aus den Tanzgruppen über 20. Rattle und die Berliner Philharmoniker würden ihnen Musik anbieten. Musik als Rettung.

Musik als Vehikel

Das ist keine ganz neue Idee: Jugendliche entledigen sich mittels einer völlig neu entdeckten Welt – Musik und Tanz – einer bedrückenden Situation. Musik als Vehikel für die Erweiterung des Horizonts. Vielleicht die erste Form von Abstraktion, in die man die Gefühle aus der Welt der Anschauung überträgt. Der Rapper Eminem erfand sich einen Soundtrack zum Leben, auch wenn er das nie so ausgedrückt hätte. Im Film „Billy Elliot“ tanzt sich ein Junge aus dem englischen Reihenhaushorror. Tanz ist größer als Alltag. Finde Musik und lass das Ghetto hinter dir. Hip-Hop ist so entstanden. Breakdancer fanden einen ästhetischen Kanal für überschüssige Energie. So etwas als Konzept könnte penetrant pädagogisch werden.

„Focus!“, schreit Susannah Broughton, die Choreographin. Sie besteht aus Energie mit Locken drauf. Disziplin fordert sie allein durch Körperhaltung ein. Kontrolliert und aufrecht. Die Schüler versuchen, das Zappeln zu lassen. Denn sie lieben Susannah, sagt eine Lehrerin. „Disziplin beginnt, wenn ich den Raum betrete“, sagt die, und: „Es ist großartig, was man mit Gruppendruck erreichen kann.“ Broughton ist zusammen mit Volker Eisenach dafür zuständig, dass die Jugendlichen, die zum Teil noch nie einen Tanzschritt gemacht haben, eine gute Figur abgeben. Bei dem Projekt im letzten Jahr hat sie das bei Royston Maldoom geübt, dem britischen Choreographen, der eigentlich hätte hier sein sollen, und nun krank geworden ist. Jetzt müssen Susannah und Volker das alleine machen: jeden direkt angucken, in jedem Moment aufmerksam sein. Sie müssen den Klassen begreiflich machen, dass es nicht cool ist, Clown zu spielen. Dass es im Gegenteil cool ist, wenn eine Choreographie funktioniert. Sobald die Mehrheit ihrer Meinung ist, regelt sich der Rest durch Gruppendruck von allein: kein Beifall mehr für Störer.

Jede Gruppe übt zu einem Abschnitt der Musik eine Choreographie ein. Es sieht aus wie Wasserballett ohne Wasser: Synchron heben sich die Arme, biegen sich die Rücken. Die Deutsche Bank bezahlt das Projekt. Für drei Jahre jedenfalls. Und so haben die Jugendlichen schon seit Tagen keine Schule mehr, stattdessen kommen sie mit hüpfenden Rucksäcken zur Probe. Es ist ja nicht so, dass sie zu wenig Energie hätten. Im Gegenteil. Richtungslos und ungefragt schießt sie aus ihnen heraus. Arme und Beine bewegen sich, als hätten sie einen eigenen Willen. Auf der Bank sitzen die, die gerade nicht dran sind und massieren sich gegenseitig. Die Mädchen lungern, und die Jungs boxen sich in die Rippen. Heute ist die erste Probe mit allen Gruppen. Jede sieht also, welche Teile des Stücks die anderen einstudiert haben. Gespannte Stille.

Simon Rattle kommt im weißen Schafswollpulli und nennt seine Helfer Hirten. Die Kinder begrüßen ihn frenetisch. Man hat ihnen gesagt, wer Rattle ist. Ein Star, unter anderem. Damit konnten sie was anfangen. Aber jetzt ist Stille. Dann die ersten Töne. „Daphnis und Chloé“. Rattle hat nur einen grünen Bleistift in der Hand mit einem Radiergummi oben drauf, der hört in seiner Hand nicht auf zu zucken. Und jetzt, was tut die Jugend? Sie rennt, gruppiert sich zu geordneten Haufen. Sie formiert sich zu Pyramiden und mehrarmigen Wesen. Sie rollt auf dem Boden. Jungs sind dabei, die sonst in Kreuzberg aufs Pflaster spucken. Nie im Leben fiele es ihnen ein zu tanzen. Nicht so. So zart. Romantisch beinah. Aus ihrem Gesicht spricht noch der Unglaube darüber, was der Körper tut. Rattle wiegt sich wie ein glückliches Schilfrohr am Rand.

Wenn also Musik Rettung ist: Aus welcher Situation müssen die Kinder überhaupt gerettet werden? In diesem Jahr anscheinend aus einer völlig anderen als im letzten, als das Tanzprojekt zum ersten Mal stattfand. „Es gibt sehr viel weniger Angst in diesem Jahr“, sagt Rattle. Ein Drittel der Kinder, die heute tanzen, waren schon im letzten Jahr dabei. Ermutigung war damals die Hauptaufgabe. Die Choreographen mussten sie aus ihrer Befangenheit befreien, Selbstbewusstsein wecken. Die Kinder trauten sich kaum etwas zu und waren doch zu so viel fähig. Am Ende tanzten sie Strawinskys „Le Sacre du Printemps“. Die 3000 Plätze der Arena waren ausverkauft, wie in diesem Jahr für die Aufführung am kommenden Montag. Doch seitdem gab es zum Beispiel „Deutschland sucht den Superstar“. „Wir mussten ihnen sagen, dass sie keine Stars sind, dass sie erst am Anfang stehen.“ Die Kinder trauten sich nämlich alles zu und waren zu nichts fähig. „Das ist die Arbeit von einem Jahr Bohlen und Co“, hatte Andreas Knapp, Rattles Assistent, kulturkritisch gesagt. Vielleicht muss die Musik also die 14-Jährigen in diesem Jahr davor retten, ein Star werden zu wollen.

In der kühlen Arena klatschen die nackten Füße auf den Boden. Ravels Ballettmusik fährt den Kindern in die Körper. Hinter den konzentrierten Gesichtern versuchen sie sich daran zu erinnern, was sie vor Aufregung vergessen zu haben glaubten. Es sind Kreuzberger Mädchen in Kopftüchern dabei, deren Mütter und Väter bei einem Elternabend entschieden haben, wie viel man von ihren bewegten Körpern sehen darf. Wie im Rausch würden diese Kinder tanzen, hatte der Orchestervorstand der Philharmoniker gesagt. Und es wirkt, seltsam ergreifend.

Und jeder staunt darüber, was er selbst für das Unwahrscheinlichste hält. Die Erwachsenen haben nämlich auch noch etwas dazugelernt. Veronika Peters, die Sportlehrerin, hat bei der Probe eine Gänsehaut bekommen. „Die finden plötzlich die anderen Tänzer phänomenal. Ich frage mich, wo haben die das Wort her?“ Ihr kommt es so vor, als würde die Musikerziehung auch gleich den Wortschatz erweitern. Und vielleicht ist das so. Der Unterricht ist auf Englisch und wird übersetzt. Andreas Knapp bemerkt, dass nun Leute in den Konzertsaal kommen, die tatsächlich „noch nie in der Philharmonie waren“. Richard McNicols, der britische Vater der Education-Idee weiß nun, dass man, wie die Jugendlichen, „Le Sacre du Printemps“ auch auf einem Walkman hören kann.

Nur Simon Rattle selbst, mit seiner ihm vorauseilenden Milde hat schon immer gewusst, dass in 14-Jährigen ein ungeheures Potenzial steckt. Zu jedem Thema hätten sie eine elaborierte Meinung, vorausgesetzt, man fragt sie. Und: „Oft haben Kinder, die etwas neben der Spur sind, das viel größere Potenzial, außergewöhnliche Dinge zu leisten. Sie können häufig weitergehen als diejenigen, die nur deshalb nicht auffallen, weil an ihnen nichts Außergewöhnliches ist.“

Die Philharmoniker als Cowboys

Insofern haben diese Jugendlichen hier alle eine großartige Zukunft vor sich. Ein paar sind echt neben der Spur. Mit ihnen zu sprechen ist wie Tauben füttern: Kaum hat einer die Krume entdeckt, kommen die anderen angeflattert. Sie sprechen auch nicht mehr als Tauben. „Is’ das hier’n Interview? Cool.“ Dann stehen sie da und gucken auf die Füße. Man muss sie, wie Betrunkene, allein mit Ruhe beruhigen. Es wäre ja auch komisch, hinter der Bühne plötzlich Tänzer zu vermuten. „Manche kloppen sich hinten“, sagt Eric Ganze. „Ich habe am Montag Geburtstag“, sagt Paul Welnick, „Scheiße.“ Was hättest du sonst gemacht? „Nichts“. „War erst komisch, barfuß tanzen,“ sagt ein Blonder. „Ich habe letztes Jahr auf die Fresse gekriegt“, sagt einer, der sich Ricardo Fanta nennt. Erst haben sie gemacht, was man ihnen sagte. Jetzt finden sie es toll. Soll man warten, bis sie von alleine so alt geworden sind, dass man sie erwachsen nennen kann? Was hilft es, sie zum Tanzen zu bringen?

„Viele Menschen nehmen Musik zuerst über Bewegung wahr,“ sagt Rattle. Die Musik beherrscht den Körper und ist zugleich in ihm. Intimer, als dazu zu tanzen, kann man mit einem Stück nicht werden. Es tut jetzt nichts zur Sache, dass Rattles Frau den Dirigenten fragt: „Wie ist es möglich, dass du so viel Rhythmus im Körper hast – aber überhaupt keinen unterhalb der Knie?“ Die Philharmoniker jedenfalls lieben das Projekt. „They like being cowboys“, sagt Rattle. Und dann fangen sie mit ihrem musikalischen Lasso die Kinder ein.

Für die Philharmonie gewonnen, für Bohlen verloren also? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ricardo Fanta fühlt sich als Star. „Und ein bisschen ist das ja auch so.“ Seine Mutter in Pankow findet ihn jetzt schon großkotzig. Weil er sich so wichtig vorkommt, wenn er nach der Probe nach Hause kommt. Dabei macht er den Rest des Jahres höchstens mal Liegestütze in seinem Zimmer. Und die Musik? What about Ravel, man? „Ist schon in Ordnung. – Hat halt keine Beats.“

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