Zeitung Heute : Tasten nach Höherem

KONZERTHAUS Der Berliner Pianist Martin Helmchen sucht die großen Wahrheiten

JÖRG KÖNIGSDORF

Gibt es böse Musik? Martin Helmchen zögert ein wenig, bevor er langsam mit dem Kopf nickt. Ja, die Sonaten des Russen Aleksandr Skriabin zum Beispiel hätten für ihn etwas Destruktives, Herunterziehendes. Das sei das Gegenteil von dem, was er mit Musik erreichen wolle. Und auch bei Prokofjews zweitem Klavierkonzert habe er lange gebraucht, um eine innere Einstellung für den letzten Satz zu finden. „Da herrscht nur noch Chaos, ohne Hoffnung auf Erlösung. Doch irgendwann habe ich begriffen, dass ich auch vor dem Elend die Augen nicht verschließen darf, sondern Anteil nehmen muss“, sagt er mit treuherzigem Augenaufschlag hinter den kleinen Gläsern seiner Schubert-Brille.

Dass einer mit 26 Jahren der Musik solche moralischen Maßstäbe anlegt, ist ungewöhnlich – erst recht in der Pianistenzunft, in der es meist nur noch darum geht, wer am schnellsten und am lautesten spielt. Es ist diese Ernsthaftigkeit, die den jungen Berliner von den meisten Virtuosentalenten unterscheidet, deren Karrieren oft schon vorbei sind, bevor sie richtig angefangen haben. Helmchen sucht die großen Wahrheiten bei Beethoven, Schubert und Mozart, doch er sucht sie mit Seelenruhe und dem festen Vertrauen, sie auch irgendwann zu finden. Irgendwann vielleicht heranzureichen an die großen Vorbilder am Pianistenhimmel, an Wilhelm Kempff und Edwin Fischer, oder auch an seinen Mentor Alfred Brendel. Und wie Brendel bahnt er sich seinen Weg nicht mit Tastendonner und Draufgängertum, sondern mit den leisen Tönen, dem aufmerksamen Horchen auf den Pulsschlag der Musik. Gerade ist seine zweite CD mit Schuberts später A-Dur-Sonate herausgekommen, und der singende, empfindsame Anschlag, die uneitle Natürlichkeit, mit der sich das Stück bei ihm entfaltet, zeigen, wie weit er es auf diesem Weg gebracht hat.

Woher nimmt einer diese innere Ruhe in einem Alter, in dem andere noch kaum wissen, was sie vom Leben wollen? Bei Helmchen ist es der Glaube an Gott, der ihm diese Sicherheit gibt. Als er mit seinen Eltern in den neunziger Jahren aus Berlin in den Brandenburger Speckgürtel gezogen sei, habe es die ganze Familie erwischt, erzählt er: Ein rühriger Pastor, eine lebendige Gemeinde hätten die bis dahin in Glaubenssachen nicht besonders engagierten Helmchens zu überzeugten Christen gemacht. Und Martin, der zu diesem Zeitpunkt langsam als talentierter Schüler des Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Musikgymnasiums von sich reden machte, nahm sich vor, von nun an zur Ehre Gottes zu spielen. Ohne Zwang seitens seiner Eltern seien diese Jahre verlaufen, betont er: Von Anfang an habe ihm das Klavierspiel einfach Spaß gemacht – und dass er Pianist werden wollte, habe er ohnehin schon seit seinem siebten Lebensjahr gewusst.

Und der liebe Gott meinte es gut mit Martin Helmchen: 2001 ließ er ihn den internationalen Clara-Haskil-Klavierwettbewerb in der Schweiz gewinnen. Keiner von den ganz großen Wettbewerben, aber dennoch eine Eintrittskarte für die großen Konzertsäle und Agenturen. Für den 19-Jährigen war der Erfolg aber auch eine Möglichkeit, sich durch den Kontakt mit anderen Musikern weiterzuentwickeln. Viel war er in dieser Zeit als Kammermusiker aktiv, und auch das ECHO-Klassik-Gütesiegel, das die Klassikindustrie jedes Jahr ihren Hoffnungsträgern verleiht, bekam er 2006 für die CD, die er gemeinsam mit dem Cellisten Danjulo Ishitzaka aufgenommen hatte.

An Anfang und Ende seiner Saison als Artist in Residence am Konzerthaus stehen freilich die großen romantischen Klavierkonzerte – das Feld, auf dem sich letztlich jeder Pianist irgendwann beweisen muss. Mit Dvorak hat er im September begonnen, mit Schumann wird er im Juni aufhören. Das Finale von Schumanns Klavierkonzert gehöre für ihn zur glücklichsten Musik überhaupt, sagt er. Und wird damit sicher auch die hartnäckigsten Gottesleugner überzeugen.

JÖRG KÖNIGSDORF

2.11., 11 Uhr, Kleiner Saal: Werke von

Berg, Mozart, Schubert und Schönberg

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