Zeitung Heute : Tat, Ort, Kult

Märchen für Erwachsene? Heimatfilm? Was macht den „Tatort“ so beliebt? Zur 700. Folge: Besuche in den Werkstätten einer Krimiserie

Verena Mayer

Eine Geschichte über den „Tatort“ muss natürlich mit der Titelmelodie beginnen, dieser Schicksalssymphonie des deutschen Fernsehabends. „Ein schräger Akkord, Moll-Major-7“, sagt Klaus Doldinger und macht eine Handbewegung, als würde er in die Tasten greifen. Doldinger ist Jazzmusiker und hat die Melodie komponiert. Sie sei ihm spontan eingefallen, seinerzeit, als man ihm im Schneideraum den Vorspann gezeigt hat, das Augenpaar, das Fadenkreuz, die Beine des flüchtenden Mannes.

Klaus Doldinger sitzt im Taxi. Er ist gerade mit dem Flieger aus München gekommen und muss gleich weiter. Doldinger, ein Herr von 72 Jahren mit schütterem Haar und lebhafter Gestik, ist ein vielbeschäftigter Musiker. Er tritt mit seiner Gruppe „Passport“ auf, zudem ist er Komponist; die Titelmelodien von „Das Boot“, „Ein Fall für zwei“ oder „Die unendliche Geschichte“ stammen ebenfalls von ihm. Jetzt fährt Doldinger zu einer Sitzung der Musikverwertungsgesellschaft Gema, in deren Aufsichtsrat er ist, es wird darum gehen, wie man Urheber von Musikstücken im Zeitalter von „Youtube“ entlohnt.

Doldinger selbst erhält auch Geld von der Gema, obwohl der „Tatort“ kein Vermögen reinspiele, wie immer alle glauben. Etwa 50 Euro bekommt er für die 30 Sekunden. Wird der „Tatort“ auf einem Regionalsender wiederholt, sind es nur fünf. Das Komponieren sei ihm schnell von der Hand gegangen, „ohne Hintergedanken, heute würden sich mindestens 30 Leute für so etwas bewerben“, sagt Doldinger. „Damals hieß es, das wird eine zehnteilige Serie.“

Jetzt sind sie bei Folge 700, und der „Tatort“ ist noch immer der erfolgreichste deutsche Krimi. Statistisch gesehen hat jeder Bundesbürger im vergangenen Jahr 14 „Tatorte“ geguckt. Jeden Sonntag im Durchschnitt 7,1 Millionen.

Im Café Grundgehalt in Kreuzberg sitzen 50 von den 7,1 Millionen. Der Raum ist abgedunkelt, über eine Großbildleinwand flimmern die dadaistischen Dialoge der Münsteraner Ermittler. Hauptkommissar Thiel: „Der Klügere gibt nach.“ – Rechtsmediziner Boerne: „Ich geb doch gar nicht nach.“ Alle Stühle sind besetzt, die Leute kauern sogar auf dem Boden, wie in einem überfüllten Hörsaal. Jeden Sonntagabend wird im Café Grundgehalt der „Tatort“ im Public Viewing geschaut. Das Publikum ist gemischt, Ehepaare, Männergruppen, viele junge Leute. Eine Frau, die nach einer Radtour eingekehrt ist, sagt, das müsse einfach sein. Sie guckt den „Tatort“ am liebsten gemeinsam mit anderen, so wie man ja auch der Nationalmannschaft am liebsten gemeinsam mit anderen zuguckt.

Im „Tatort“, diesem Epos des deutschen Föderalismus in Krimiform, erzählt und erkennt sich Deutschland nun seit 38 Jahren selbst. Die deutsche Wirklichkeit hat dem „Tatort“ die Bilder geliefert, und die Bilder des „Tatort“ haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Der Proletarier Schimanski. Die junge Nastassja Kinski, die in „Reifezeugnis“ ihren Lehrer verführt. Die Schlote des Ruhrpotts, das archaische Schwabenland, die Gesangseinlagen von Manfred Krug und Charles Brauer. Und dann der Alltag der Ermittler: Wohngemeinschaften, geschiedene Väter, alleinerziehende Mütter. Das neue Leipziger Polizisten-Duo, das heute in der 700. Folge an den Start geht, war sogar mal miteinander verheiratet und muss jetzt zusammenarbeiten. Und wenn man will, kann man jeden Tag „Tatort“ gucken, in irgendeinem Dritten läuft immer einer. Selbst „Taxi nach Leipzig“, der allererste „Tatort“ aus dem November 1970, wurde diese Woche zwei Mal gezeigt, deutsche Gegenwart in Endlosschleife.

Bisweilen wiederholen sich dabei die Straftaten, es gab schon zwei Pädophiliefälle an aufeinanderfolgenden Sonntagen. Die einzelnen Sender müssen ihre „Tatort“-Pläne nun beim WDR, wo die Filme koordiniert werden, anmelden. Mit Delikt und mit Milieu.

Josephine Schröder-Zebralla ist seit 1996 Redakteurin beim RBB und für den Berliner „Tatort“ zuständig. Sie schafft die Geschichten heran, verhandelt mit den Regisseuren und überwacht auch die Produktionen. Ihr Büro sieht aus wie das klassische „Tatort“-Kommissarbüro: total unscheinbar, und Schröder-Zebralla, eine Dame mit hellem, halblangem Haar im nüchternen Hosenanzug, wirkt darin, als sei die taffe Staatsanwältin zu Besuch. Jeden Montagmorgen findet sie in ihrem Postfach unzählige Mails von Zuschauern. Viele beschweren sich. Dass im „Tatort“ zu viel geraucht oder getrunken wurde oder jemand „dasselbe“ und „das gleiche“ verwechselt hat. Oder dass schon wieder ein Bäcker der Mörder war, jetzt seien mal die Fleischer dran. Andere wollen etwas wissen. Welches Bild im Film an der Wand hing oder was das für ein Hund war oder wem die Augen im Vorspann gehören. Sie sind, genau wie die Beine, von Horst Lettenmayer, einem Schauspieler, der seinerzeit 400 Mark dafür bekam. Heute verkauft er Lampen.

Josephine Schröder-Zebralla bekommt aber auch Drehbücher zugeschickt, von Hausfrauen oder Lehrern, manche schicken ihre Tagebücher. „Der Tatort stärkt das Verlangen, sich selbst zu betätigen“, sagt Schröder-Zebralla. Fast alle, die mal mitspielen wollen, möchten die Leiche sein. Und viele Regionen würden sich darum bewerben, endlich auch einmal im „Tatort“ vorzukommen, alle wollen sie sich einschreiben in die große deutsche Erzählung. Die Kommissare werden daher jetzt immer öfter durch die Gegend geschickt, von München nach Traunstein, von Kiel nach Sylt, von Dresden nach Grimma. Die Landkarte, auf der zwei Geografen für den zwölfteiligen „Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland“ alle Einsatzorte der „Tatort“-Kommissare seit 1970 eingezeichnet haben, weist als größere blinde Flecken nur mehr Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern auf.

Aus Berlin kommen jedes Jahr zwei Filme. Früher ging es vor allem um Puffgeschichten, Russenmafia oder Westberliner Filz. Inzwischen spielt der Berliner „Tatort“ immer öfter in der Politik. Erfolgreichster „Tatort“ war aber der, in der ein Familienvater Steine von einer Autobahnbrücke warf, um seine Ex-Frau zu töten und das Sorgerecht für die Kinder zu bekommen. Schröder-Zebralla kann auch nicht sagen, warum. Tatsache ist, dass der Mensch sich im TV-Krimi, aber vor allem im „Tatort“, selbst entdeckt. Er kann sich mit dem Opfer identifizieren und noch ein bisschen mehr mit dem Täter. Und am Ende kommt die Polizei, das Über-Ich, und bringt alles ins Reine.

Schröder-Zebralla weiß jedenfalls, was nicht so ankommt: wenn man den Täter von Anfang an kennt.

Die meisten Drehbücher für den „Tatort“ hat der Krimi-Autor Felix Huby geschrieben: 32 Stück. Huby, Vollbart, buschige Augenbrauen, heißt eigentlich Eberhard Hungerbühler und war früher „Spiegel“-Redakteur in Stuttgart. Heute schreibt er im Arbeitszimmer seines Hauses in Berlin-Grunewald, einer Gegend mit Villen und dicken Autos, eher selten eine „Tatort“-Kulisse. Sein erstes Drehbuch hatte er für einen Schimanski-Pilotfilm verfasst. Er hat viel mit Götz George an der Figur herumgesponnen, der wollte erst schwul sein, dann zumindest eine Klaustrophobie haben.

Huby ist 70 Jahre alt, und man kann bei seinem Leben nie genau sagen kann, was Wirklichkeit ist; manches klingt wie aus einem „Tatort“. Allein die Geschichte, wie Huby zum Krimi kam. Einmal wollte er für den „Spiegel“ einen Skandal aufdecken und stapfte beim Atomkraftwerk Obrigheim mit einem Geigerzähler herum, um die Strahlung zu messen. Irgendwann wurde er dabei verhaftet, und der Polizist, der ihn verhörte, gefiel ihm irgendwie. Jovial – aber listig! Da dachte Huby bei sich, der wäre ein guter Krimi-Kommissar. Also schrieb er einen Krimi. Bienzle nannte er den Polizisten. Später wurde Bienzle dann „Tatort“-Kommissar.

Wie schreibt man also ein gutes „Tatort“-Drehbuch? Huby lacht dröhnend auf. „Wenn ich das sagen könnte, wäre ich Millionär. Obwohl, das bin ich auch so.“ Huby hat nicht nur den schwäbelnden Bienzle, sondern auch den Saarbrücker „Tatort“-Kommissar Palu erfunden, und die ersten 260 Folgen von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ sind ebenfalls von ihm. Es gibt, was die goldenen Regeln für „Tatorte“ angeht, jedenfalls das sogenannte Witte-Papier, benannt nach Gunther Witte, dem ehemaligen WDR-Fernsehspielchef und Erfinder des „Tatorts“. Der hatte einst notiert: Gegenwart, keine Rückblenden, keine wilden Kamera-Aktionen. Die Leiche am Anfang, der Mörder am Schluss.

Felix Huby findet einen „Tatort“ gelungen, „wenn er die Mentalität einer Region trifft und die Gefühle der Leute echt sind“. Je tiefer seine Geschichten in einer Region verwurzelt gewesen seien, desto besser seien sie angekommen. Wie sein Bienzle-Fall „Der Tod im Teich“ über ein kleines schwäbisches Dorf. Inzwischen werde im „Tatort“ kaum mehr Dialekt gesprochen, bedauert Huby, jeder könne eigentlich überall spielen. Die neuen Leipziger Ermittler sächseln nicht einmal. Felix Huby wünscht sich, „dass man sich wieder darauf besinnt, dass das eigentlich Heimatfilme sind“.

Im Café Grundgehalt, wo jeden Sonntag „Tatort“ geguckt wird, schmiegt sich ein Pärchen aneinander, Studenten. Er ist aus Lüneburg und freut sich immer, wenn er die Heimat wiedersieht, und sei es nur im Film. Sie erinnert sich beim „Tatort“ an ihre Kindheit, an die Geborgenheit in der Familie. Das gemeinsame „Tatort“-Gucken sei ein Ritual, das dazu gehöre wie Weihnachten, „ich hatte nie Angst, obwohl immer jemand umgebracht wird“.

Aber das Böse wird einem im „Tatort“ ja eigentlich nie zugemutet. Selbst wenn Korruption, Waffenschieber oder Müllmafia vorkommen – den Mord hat dann meistens eine eifersüchtige Ehefrau begangen oder der neidische Nachbar. Die undurchsichtigen und dunklen Aspekte der Kriminalität, an denen der Mensch verzweifeln könnte, werden im „Tatort“ sorgfältig unter dem Deckel gehalten. Der Täter und das Motiv stehen dem Zuschauer nahe. Das macht das Verbrechen begreifbar, und damit verliert es auch seinen Schrecken. Die viel düstereren Schweden-Krimis seien jedenfalls keine Konkurrenz für den „Tatort“, sagt Redakteurin Schröder-Zebralla. „Die Leute wandern eher zu Rosamunde Pilcher oder zum Traumschiff ab.“ Das Gute, der Rechtsstaat, siegt immer am Sonntag, der „Tatort“ ist das Märchen für Erwachsene.

Märchen enden immer mit dem Satz „Und wenn sie nicht gestorben sind“ – der „Tatort“ endet immer mit dem Abspann. Klaus Doldinger hört sich seine Musik manchmal an, und er kann sie „absolut noch hören“. Er spielt die „Tatort“-Melodie gerne als Zugabe bei seinen Konzerten, und dazu werde immer wild getanzt. Es sei „ein anfeuernder Schluss“, sagt Doldinger, eine Musik, die „Mut für die Zukunft“ ausdrücke. Redakteurin Schröder-Zebralla erzählt, manchmal würden Regisseure ankommen und ein anderes Ende verlangen. Aber das sei unmöglich, vieles am „Tatort“ sei einfach eine feste Größe. „Man weiß, was kommt, und es soll so bleiben, wie es ist.“ Ein 700. und irgendwann vermutlich auch ein 800. Mal.

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