Zeitung Heute : Tati Die Stadt des Monsieur

Jacques Tati war ein genialer Komiker. Doch in seinen Filmen steckt sehr viel mehr: In „Mon Oncle“ und „Playtime“ zeigte er, wie der Mensch zum Gefangenen einer modernen Architektur werden kann.

Susanne Kippenberger

Klack, klack, klack. Pfffft, pups. Klirr. Knall. Hall. Klick, klick, klick. Man kann sie hören, die moderne Stadt, kann sie sehen, auch wenn man die Augen geschlossen hat. Ziemlich groß ist sie offenbar und ziemlich nackt, die Sessel sind aus seufzendem Leder, die Böden, so scheint es, aus Stahl. Durch lange Flure stöckeln die Großstadtbewohner, durch riesige Flughafenhallen, über asphaltierte Gartenwege, manchmal auch durch eine der vielen Glasfassaden hindurch. Autos hupen im Stau, Abrissbohrer kreischen, die Haustür summt, der Staubsauger brummt, die Menschen reden nicht, sie brabbeln. Und ab und an pfeift einer fröhlich dazwischen: Monsieur Hulot, der Mann mit den langen Beinen, den zu kurzen Hosen und dem zerknitterten Mantel, mit Hütchen und Pfeife und windschiefem Gang. „Ein Genie des Fehl-am-Platze-Seins“, wie der französische Filmkritiker André Bazin Jacques Tatis Alter Ego nannte. Ein höflicher Anachronist, ein Anarchist aus Versehen.

Jacques Tati hat die Moderne zum Klingen – und zum Einstürzen gebracht: Am Ende der Filme bricht alle Ordnung zusammen. Symphonien der Großstadt hat er aus Bildern und Tönen aufs Raffinierteste komponiert, vor allem in „Mon Oncle“ (1958) und „Playtime“ (1967). Die beiden Filme sind heute auf der Berlinale zu sehen; sie standen auch im Mittelpunkt der Ausstellung „La ville en Tatirama“, die 2002 im Pariser Architekturzentrum und anschließend unter dem Titel „Die Stadt des Monsieur Hulot“ in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen war. Denn gerade in diesen beiden Filmen des französischen Komikers sind Stadt und Architektur weit mehr als Kulisse – sie spielen selber mit. Tatis Filmen fehlt das, was man von einem Film gemeinhin erwartet, eine richtige Geschichte zum Beispiel, sinnvolle Dialoge. Zu gucken und zu hören aber gibt es genug.

In „Mon Oncle“, Oscar-preisgekrönt, ist die hochmoderne Villa Arpel die geheime Hauptfigur. Dabei, glaubt Nils Warnecke vom Filmmuseum Berlin, in dem gerade ein großes Modell der Villa zu sehen ist, interessiert Tati nicht die Architektur selbst, das Design, das durchaus reizvoll ist. „Es ging ihm nicht darum, die moderne Architektur zu denunzieren, sondern zu zeigen, wie die Menschen mit ihr umgehen, und was die Architektur mit den Menschen macht.“ Die Villa Arpel von Monsieur Hulots Schwester und ihrem Mann ist das, was Le Corbusier sich erträumte: eine Wohnmaschine. Alles ist vollautomatisch, funktioniert auf Knopfdruck – oder auch nicht. Plötzlich ist das Paar in der eigenen Garage eingesperrt.

„Städtebau“, hat Le Corbusier 1944 gesagt, „ist die Organisation sämtlicher Funktionen des kollektiven Lebens.“ Mit seinen Filmen übt Tati Kritik an einer Architektur, die vorgibt, strikt funktional zu sein, sich aber oft als äußerst unpraktisch entpuppt. Und als unmenschlich, weil sie den Menschen seiner Freiheit berauben. So kann er nicht einfach gehen, wie er will, sondern muss sich selbst im Garten an die gepflasterten Wege halten, so absurd sie angelegt sind. Die Autos fahren genau den Weg, den ihnen die Pfeile auf dem Asphalt weisen, und sie fahren bei Tati wie auf dem Fließband, alle im gleichen Takt. „Gefangene“ hat Tati seine Figuren genannt: „weil die Architekten sie zwingen, immer auf einer Geraden zu gehen“.

Jacques Tati ist kein Architekturkritiker. Er ist Humorist, was heißt, er überspitzt. Und er ist Humanist. Vielleicht trägt seine Kritik auch deswegen so prophetische Züge. Manche Kritik, etwa an Stahl und Glas, an Technik und Anonymität der Hochhausarchitektur mag heute banal wirken. In seiner Zeit, als man noch Fortschrittsglauben und Technikeuphorie huldigte, war das geradezu ketzerisch. Der Filmemacher war seiner Zeit weit voraus. Als „Playtime“ 2002 in Cannes in der restaurierten 70-Millimeter-Fassung gezeigt wurde, da „galt er plötzlich als erster Film des 21. Jahrhunderts“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb.

Tati entdeckte die Langsamkeit, lange bevor es Mode wurde, war ein Advokat des Umweltschutzes, als die Grünen noch nicht erfunden waren. Der sympathische Monsieur Hulot ist Fußgänger und Fahrradfahrer, einer, der seinem eigenen Tempo folgt und dabei noch etwas sieht und hört von der Welt. Im Unterschied zu den Autofahrern. „Alle fahren. Keiner kommt an“ hat Friedrich Luft den Wahnsinn des Automobilismus beschrieben, wie Tati ihn in den Mittelpunkt seines Films „Trafic“ (1971) stellt – während seine Zeitgenossen den Albtraum noch für einen Traum hielten.

„Einen Dokumentarfilm von morgen“ hat Truffaut „Mon Oncle“ genannt. In dem Film von 1958 zerfällt Paris in zwei Teile. Monsieur Hulot wohnt in einem alten Viertel von Paris, unter dem Dach eines Hauses, das aussieht, als sei es nicht gebaut, sondern gewachsen, und zwar ziemlich krumm und schief. Hier eine Treppe, dort ein Turm, Wäsche und Kanarienvogel hängen auf dem Balkon – als hätte jeder Bewohner mit seinen Vorlieben und Bedürfnissen daran mitgebastelt. Man sieht dem Haus an, dass es alt ist, es bröckelt und blättert, ist vom Abriss bedroht: Die Bagger rücken im Laufe des Films immer näher. Eine Bedrohung, die die wenigsten von Tatis Zeitgenossen erkannten. Erst in den 60er, 70er Jahren führte der Kahlschlag in Berlin zum Beispiel, wo Altbauten durch uniforme Neubausiedlungen ersetzt werden sollten, zu großen Protesten und Hausbesetzungen. Jene Leute, die Kreuzberg vor dem Abriss retteten, hatten durchaus Ähnlichkeit mit Monsieur Hulot.

In Monsieur Hulots Viertel, wo Wohnen, Arbeiten und Freizeit sich mischen, treffen die Menschen sich auf der Straße, laufen sich auf Plätzen oder am Hauseingang zufällig über den Weg, gehen auf dem Markt einkaufen, trinken im Café einen Kaffee. Hulots Schwester dagegen wohnt in einer reinen Wohngegend, wo man sich hinter Mauern und Zäunen verschanzt. Das ist vielleicht die schärfste Kritik, die Tati an der modernen Stadt übt: dass sie Menschen voneinander trennt, statt sie einander näher zu bringen. Auch Glas, so zeigt er, wirkt ja nur transparent, ohne es tatsächlich zu sein. Dass die Stadtplaner alles planen wollen, ohne Überraschungen zuzulassen.

Für „Mon Oncle“ hat Tati in Nizza eine Villa bauen lassen, wie Le Corbusier sie nicht moderner hingekriegt hätte: Wie ein abstraktes Kunstwerk sieht sie aus. Setdesigner (und Co-Autor) Jacques Lagrange – Sohn eines Architekten, Bruder eines Architekten, Schwiegersohn eines Architekten – hat sich damals die aktuellen Wohnzeitschriften angeguckt und daraus ein Potpourri gebastelt, wie er selber sagte: „Das Nonplusultra.“

Monsieur Hulots Schwester putzt und wischt den ganzen Tag, staubt selbst die Aktentasche ihres Gatten ab und serviert ihrem Sohn das gekochte Ei mit Gummihandschuhen. Keine Spur von Leben, kein Spielzeugauto, kein Buch, kein Regenschirm, nichts steht herum. Aber die Villa Arpel ist ja auch kein Haus zum Wohnen, sondern zum Renommieren, kein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sondern vom Innenarchitekten durchgestylt bis zur Vase. Running Gag des Films ist der wasserspeiende Fisch in der Mitte des Gartens, den die Hausherrin immer schnell einschaltet, wenn ein Besucher kommt – und sofort ausstellt, wenn nur die Familie naht.

So clean wie die Villa wirken auch die Gebäude in „Playtime“. Am Anfang denkt man, man sei in einem Krankenhaus, das sich aber als Flughafenhalle entpuppt. „Früher war der Metzger ein Mann mit einem Hemd voller Flecken“, hat Tati gesagt. „Heute trägt er einen weißen Overall wie ein Krankenpfleger. Die Welt wird zu einer riesigen Klinik.“ So geraten seine Filme auch zu einem komischen Plädoyer für das Chaos und den Schmutz einer Großstadt – und das, lange bevor sterile Einkaufszentren auch in Europa zur gängigen Ersatzstadt wurden.

Jahrzehnte bevor die Globalisierung zum Modewort wurde, zeigt Tati in „Playtime“ einen Trupp amerikanischer Touristinnen, die am Flughafen Orly landen, um einen Tag in Paris zu verbringen, ohne am Ende irgendetwas gesehen zu haben, was in Michigan nicht haargenauso aussähe. Hocherfreut schleppen sie ihre Souvenirs nach Hause.

Tati hat die moderne Stadt nicht einfach abgefilmt, die gab es so noch gar nicht. In den anonymen Hochhäusern von „Playtime“ erkannten die Kritiker Jahrzehnte später das berüchtigte Hochhausviertel La Defense wieder, Tati selbst hat sich spöttisch als dessen Erfinder bezeichnet.

Nein, seine Stadt hat der Filmemacher sich selbst erschaffen. Fünf Monate bauten Hunderte von Arbeitern daran, schufen aus 50 000 Kubikmetern Zement und 1200 Quadratmetern Glas Hochhausattrappen, Straßen, Läden, Drugstore, Rolltreppen und Büros. 15 000 Quadratmeter Stadt – „Tativille, wie es bald genannt wurde, hatte alles, was zu einer richtigen Stadt gehört“, schreibt der Filmhistoriker Brent Maddock in seinem Buch über Tati. „Zwei Elektrizitätswerke produzierten Strom, der für eine Stadt von 15 000 Einwohnern ausgereicht hätte. Alle Straßen waren gepflastert, die Ampelanlagen funktionierten, ebenso die Neonreklamen.“ Tativille wurde zur Touristenattraktion, der Filmemacher hätte die Stadt gern für jüngere Kollegen erhalten, aber am Ende fiel sie eben jenem Diktat des Automobils zum Opfer, das er anprangerte: Sie musste einer Autobahn weichen.

Dabei ist der Filmemacher in seinem gigantischen Perfektionismus den Architekten der modernen Stadt nicht unähnlich. Jahre seines Lebens hat er für „Playtime“ gegeben (die Angaben schwanken stark: Mal sind es fünf, mal sieben, mal neun Jahre). Er scheute keine Kosten, wenn es um die Darstellung der Uniformität ging. Nicht nur die Hochhäuser sehen alle gleich aus, „die Stühle im Restaurant und in der Bank sind die gleichen, der Bodenbelag ist der gleiche, und auch die Farbe ist überall gleich,“ so der Filmemacher. „Das kostet natürlich eine Menge Geld, aber teurer als Sophia Loren ist es auch nicht.“ So sprach Tati, bevor die Filmstadt ihn praktisch in den Ruin trieb, er sein eigenes Haus verpfändete. Neun Millionen Mark soll das Projekt gekostet haben, das im französischen Kino floppte. Später war es ausgerechnet ein Immobilienhändler, der ihn von seinen Schulden befreite.

Selbst wenn es eine Stadt wie Tativille gegeben hätte, der Komiker hätte sie nicht brauchen können. Er wollte etwas, was echter wirkte als echt, um seine komischen Effekte zu erzielen. Normale Stahlwände zum Beispiel waren dem Regisseur nicht kalt genug; also ließ er sie nachbauen aus reflektierendem stahlähnlichen Papier. In einer Szene stehen drei Frauen vor einem Fenster – aber nur eine ist echt, die beiden anderen sind Fotografien ihrer selbst. So wirkt die Stadt ebenso irritierend wie die Räume, die der Berliner Künstler Thomas Demand heute aus Pappe baut, bevor er sie abfotografiert. Der Verfremdungseffekt dieses Hyperrealismus hat etwas besonders Irritierendes.

Er habe das Frankreich der Plumpsklos verherrlicht, hat ihm ein Kritiker vorgeworfen. Aber so plump kommt Tati nicht daher, dazu sind seine Filme (und er selbst) zu ironisch und heiter, auch zu unsentimental. Das alte Paris des Monsieur Hulot ist keine liebe heile Welt, sie ist brüchig, schmutzig, faul und frech. „Hulot ist kein Reaktionär“, hat Tati im Gespräch mit der amerikanischen Kritikerin Penelope Gilliat betont. „Er ist nicht gegen Fortschritt.“ So wenig wie Tati selbst, der nur in dem Sinne konservativ war, wie es heute die Grünen sind. Und er lebte, was er predigte. Zwar hat er selber ein Auto gehabt – aber in Stockholm zum Beispiel nahm er einmal an einer Fahrraddemonstration teil gegen den wachsenden Autoverkehr.

Tati wäre gern Kommunist gewesen, „wenn die kommunistische Geschichte nicht so traurig gewesen wäre“. Gern hat er sich als Anarchist bezeichnet, hat ’68 auf der Seite der Studenten gestanden. Der Regisseur hat sich keine großen Illusionen gemacht über die Macht seiner Filme – aber Hoffnung, die hatte er schon. „Der große Diktatur“ hätte ja auch Hitler nicht verhindert und trotzdem seine Wirkung gehabt. Tati wusste, er würde den Kapitalismus nicht abschaffen. Aber wenn schon Kapitalismus, dann einen mit menschlichem Antlitz.

Deswegen wollte er „Nachhilfe in Beobachten geben, denn wenn man genau beobachtet, wird alles anders“. Der gelernte Bilderrahmenmacher wollte mit seinen Filmen ein Fenster aufs Leben öffnen, auf Komik und Poesie des Alltags. Zu Recht werden immer wieder die choreographischen Fähigkeiten des Filmemachers gerühmt, dessen Bilder und Töne so komplex sind, dass man genau hingucken und -hören muss, so viel gibt es zu entdecken. Als Choreograph hat der Regisseur Menschen und Autos zum Tanzen gebracht. Am Ende von „Playtime“ gibt es eine Szene, in der die Autos sich im dichten Kreisverkehr drehen, und plötzlich denkt der Zuschauer: Die drehen sich ja wie im Karussel. Und wirklich, da erklingt Kirmesmusik. Die Laternen am Flughafen wiederum sehen plötzlich aus wie die Blumen, die Monsieur Hulot der stillen Amerikanerin geschenkt hat (dargestellt übrigens, wie viele Rollen, von einer Amateurin, dem deutschen Kindermädchen der Nachbarn des Monsieur Tati; die anderen Amerikanerinnen wurden von Offiziersfrauen, deren Männer in der Nähe stationiert waren, gespielt). Tati wollte die Stadtbewohner wieder zum Pfeifen bringen: auf der Straße, in der Stadt.

Jacques Tati starb 1982, sein letztes Projekt konnte er nicht mehr verwirklichen. Der Film sollte in einem unterirdischen Raum spielen. Er trug den schlichten Titel: „Stadt“.

Retrospektive Special auf der Berlinale: „Playtime“ in der restaurierten 70-Millimeter-Kopie heute 12 Uhr in der Urania; „Mon Oncle“ heute 20 Uhr im Berlinale Palast, die Theatercompagnie von Deschamps & Makeieff wird dazu ein Showrahmenprogramm auf die Bühne bringen, mit Musik und Feuerwerk. Tatis Co-Autor Jean-Claude Carrière hat „Mon Oncle“ auch als Roman geschrieben; mit sehr schönen Zeichnungen von Pierre Etaix ist er auf Deutsch im Alexander Verlag Berlin erschienen (15,50 Euro). Die Ausstellung „Bewegte Räume – Production Design und Film“ mit dem Modell der Villa Arpel ist bis zum 19.6. im Filmmuseum im Sony Center zu sehen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben