Zeitung Heute : Tatjana und das Schicksal

Wie eine Studentin vergeblich ihren Professor bestach

Verena Mayer

Ach, Tatjana! 37 Jahre alt ist die Angeklagte, sie studiert noch immer, und es ist kein Ende in Sicht. Und dann hat sie auch noch versucht, einem Professor Geld zuzustecken, damit sie an einem Kurs teilnehmen kann. Am Montag wurde Tatjana H. im Amtsgericht Tiergarten wegen Bestechung zu einer Geldstrafe verurteilt. „Möchten Sie noch etwas sagen?“, fragt der Richter abschließend. Die Studentin schüttelt den Kopf. „Was soll ich denn sagen, ich kenne mich doch nicht aus“, schnieft sie leise. Sie sitzt alleine vor dem Richter, selbst ihr Verteidiger hat sie im Stich gelassen. Offenbar hat er den Termin verpasst.

Tatjana H. ist eine zierliche Person mit langem blond gefärbtem Haar. Als sie von der Protokollführerin aufgerufen wird, geht sie erst nebenan zum Pförtner und erkundigt sich, ob das erlaubt sei, dass Journalisten sie fotografieren. Im Gerichtssaal stellt sie umständlich Tasche und eine Tüte neben sich und beginnt dann ebenso umständlich zu erzählen, was es mit ihrer Universitätskarriere auf sich hat. Tatjana H. gehört zu den Menschen, deren ganzes Tun darauf ausgerichtet ist, alles richtig zu machen, und denen am Ende gar nichts glückt, ja, gegen die sich sogar das Schicksal verschworen zu haben scheint.

Verflixte Zahnerhaltungskunde

Tatjana H. wurde in Karaganda in Kasachstan geboren, 1992 kam sie nach Deutschland, ging aber zwei Jahre später wieder zurück in ihre alte Heimat, um Pharmazie zu studieren. Daraus wurde nichts, also kehrte sie zurück und schrieb sich in Berlin an der FU für Zahnmedizin ein. Nebenbei jobbte sie bei Zahnärzten, um etwas für die Praxis zu lernen, einige Semester lang ging das gut so. Bis Zahnerhaltungskunde an der Reihe war.

Die Lehrveranstaltung „Zahnerhaltungskunde und Parodontologie“ ist eine Voraussetzung, um das Studium fortzusetzen. Tatjana H. belegte den Kurs und schaffte ihn nicht, sie belegte ihn noch einmal und schaffte ihn wieder nicht. Eigentlich darf man an dem Kurs nur zweimal teilnehmen, danach wird man nur noch zugelassen, wenn freie Plätze übrig sind. Tatjana H. schaffte es, noch ein drittes Mal hineinzukommen. Nebenbei arbeitete sie, um ihr Studium zu finanzieren, sie ging putzen und nahm eine Stelle bei Karstadt an. Als sie eines Abends müde von der Arbeit auf die Straße trat, wurde sie von einem Auto angefahren. Sie musste krankgeschrieben werden, das war das Ende von Zahnerhaltungskunde.

Als sie wieder gesund war, wollte sie mit ihrem Professor Kontakt aufnehmen. Sie rief erst bei der falschen Sekretärin an, kam dann zu spät zur Anmeldung, und als sie endlich einen Termin hatte, wollte sie nicht wieder etwas falsch machen. Deshalb erkundigte sie sich bei der Vorzimmerdame des Professors beflissen, was sie anziehen solle. Und wie sie sich verhalten solle, um den Professor wohlwollend zu stimmen. Die Sekretärin, als Zeugin vor Gericht, fand dies gar nicht angebracht, so wie überhaupt in diesem Fall von Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde zwei sehr unterschiedliche Körperwelten aufeinander getroffen zu sein scheinen. Jedenfalls hatte der Professor plötzlich nicht nur eine herausgeputzte Studentin mit russischem Akzent vor sich, sondern auch ein Kuvert, in dem mindestens vier 500-Euro-Scheine steckten.

Ein fataler Umschlag

Der Professor, 40 Jahre alt und wie so viele Vertreter seiner Zunft ein attraktiver Mann mit sanfter Stimme, ist ebenfalls als Zeuge geladen. Tatjana H. kannte er zunächst nur aus ihren Arbeiten, die sie nicht bestanden hatte. Am 23. April des vergangenen Jahres habe er dann mit ihr 20 Minuten über ihre Zukunft gesprochen, erzählt er. „Schwerpunktmäßig ging es darum, was sie besser machen solle. Das Gespräch verlief unauffällig, ich habe ihr geraten, konzentriert zu arbeiten.“ Was die Zahnerhaltung betrifft, so sagte der Professor, dass sie den Kurs nur noch ein weiteres Mal machen könne, wenn Platz sei. Darauf sei Tatjana H. zu ihrer Tasche gegangen und habe einen Umschlag herausgenommen. Der Umschlag war nicht zugeklebt, der Professor sah Geldscheine und schickte die Studentin postwendend hinaus. „Ich war so konsterniert, das ist mir noch nie passiert.“ Der Professor erzählte der Sekretärin davon, dann schrieb er ein Gedächtnisprotokoll und wandte sich an den Rechtsbeistand der Universität. Tatjana H. wurde angezeigt.

Vor Gericht leugnet Tatjana H. alles, und die Umständlichkeit, mit der sie das tut, macht alles noch viel schlimmer. Warum sich der Professor so etwas hätte ausdenken sollen, fragt der Richter schlecht gelaunt und verhängt eine Geldstrafe von 900 Euro, das ist viel für eine Studentin, die derzeit von Sozialhilfe lebt. Das Studium der Zahnmedizin musste Tatjana H. abbrechen, jetzt macht sie eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin und versucht, ihr Studium der Pharmazie wiederaufzunehmen. Der Richter sagt, dass sie gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen könne, dies aber innerhalb einer bestimmten Frist tun müsse. „Was für eine Frist?“, fragt Tatjana H. mit leiser Stimme. Man merkt, dass diese Verhandlung nicht ihr letztes Problem gewesen sein wird.

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