Zeitung Heute : Tatort Hochbett

Der Tagesspiegel

Mit dem früheren Lehrer André L. an ihrer Seite fühlte sich die Frau sicher. „Er war der Mann meines Lebens", sagte die gelernte Erzieherin gestern vor dem Berliner Landgericht. Für eine gemeinsame Zukunft mit dem Angeklagten gab sie ihren Beruf auf. Ihre Tochter Julia (Name geändert) sollte ihn als Ersatzvater annehmen. Der Traum endete jäh mit der Mitteilung des Kindes: „Mami, er hat mich angefasst.“

Die Staatsanwaltschaft ging zunächst von 105 Fällen des sexuellen Missbrauchs innerhalb von acht Monaten aus. Jedesmal sei der Angeklagte ins Hochbett des Kindes geklettert, um die damals Neunjährige zu berühren. Der 34-jährige André L. wollte den Richtern nicht erklären, wie es dazu kam. Über seine Anwältin ließ er erklären, dass es „nur" im Sommer 1999 zu sexuellen Übergriffen gekommen sei. Dreimal wöchentlich.

Julia schwieg monatelang. Erst Ende 1999 offenbarte sie sich ihrer Mutter. Die 34-jährige Kathrin P. reagierte sofort. „Ich stellte ihn zur Rede", sagte Frau aus Hellersdorf. Der Mann, der in der DDR Freundschaftspionierleiter war und bis 1991 als Unterstufenlehrer an einer Hellersdorfer Schule unterrichtete, habe aber alles abgestritten. Mit der Begründung, er liebe Kinder und sei deshalb schließlich Lehrer geworden.

Die Mutter aber glaubte der Tochter. Sie warf André L. sofort aus ihrer Wohung. Ein Jahr zuvor war er zu ihr gezogen. Sie wollten sich gemeinsam etwas aufbauen, hatten eine Gaststätte eröffnet. Dafür hatte Kathrin P. ihre Anstellung aufgegeben. André L. war zum Bett des Mädchens geschlichen, wenn sich die Mutter abends um das Geschäft kümmerte. Im Gerichtssaal vermied er jeden Blickkontakt mit seiner früheren Lebensgefährtin. Er hat im vergangenen Jahr eine andere Frau geheiratet und arbeitet jetzt als Rettungssanitäter.

„Ich bemerkte nichts", sagte Kathrin P. im Prozess. Erst hinterher konnte sie sich erklären, warum ihre Tochter nach den Sommerferien nicht mehr allein sein wollte mit dem Ersatzvater, warum sie plötzlich ihre langen Haare abschneiden lassen wollte. Der Angeklagte habe das Vertrauen der Mutter und des Kindes „erheblich missbraucht", hieß es im Urteil. Wegen sexuellen Missbrauchs in 21 Fällen wurde André L. zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Die Richter hielten ihm zugute, dass er dem Mädchen durch sein Geständnis die Qual einer Aussage vor Gericht erspart hatte. Kerstin Gehrke

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