Zeitung Heute : Tatort Tierpark

Von Harald Martenstein

Der Berliner Zoo-Direktor sagt, dass er vier Katzen „artgerecht“ getötet habe, indem er ihnen das Genick brach. Mich fasziniert in diesem Zusammenhang das Wort „artgerecht“, das ich bisher nur im Zusammenhang mit der Haltung von Tieren kannte, hier aber handelt es sich eher um das Gegenteil. Artgerechte Tötung, diese Formulierung könnte Karriere machen, ähnlich wie „Müllentsorgung“ oder „Freisetzung von Personal“ oder „ethnische Säuberung“. Artgerechte Tötung – nach welcher Art eigentlich? Nach Art der Menschen, nach Art der Katzen, wenn sie den Freitod suchen, nach Art des Zoo-Direktors? Ein anderes bemerkenswertes Wort aus dem Tagesspiegel-Interview des Zoodirektors lautet „Fortpflanzungspflicht“. Eisbär Knut hat, wie offenbar alle Zoo-Bewohner, eine Fortpflanzungspflicht, der er nachkommen muss. Gleichzeitig hat der Zoo zu viele Tiere.

Laut Tierschutzgesetz darf man ein Wirbeltier nicht ohne „vernünftigen Grund“ töten. Wer Katzen findet, kann sie ans Tierheim geben, einen vernünftigen Grund, sie zu töten, gibt es nicht. Ein Zoodirektor aber, der den Tierschutz nicht beachtet, ist eine ebenso problematische Figur wie ein Justizminister, der das Recht bricht.

Tierschutz ist ein extrem emotionales Thema. Manche zucken da mit den Schultern. Gibt es nicht genug menschliches Leid, das wichtiger wäre? Die Natur ist unsentimental, sie besteht aus Fressen und Gefressenwerden, Löwen ernähren sich nicht von Müsli. Trotzdem gehört die Tierliebe zu den angenehmen menschlichen Eigenschaften, sie zeigt, dass unsere Gattung in ihren besseren Momenten in der Lage ist, über sich selbst hinauszudenken. Einen Widerspruch zwischen Menschenschutz und Tierschutz gibt es nicht, im Gegenteil, beides gehört zusammen, unter der gemeinsamen Überschrift „Respekt vor dem Leben“.

Warum aber regt sich jetzt halb Berlin über vier tote Katzen und ein paar angeblich verschwundene Kragenbären auf, in der Welthauptstadt der Currywurst? Tausende von Schweinen sterben täglich für den Berliner als solchen, und auch das Schwein ist ein liebenswertes Tier. Was Tiere betrifft, haben die meisten von uns ein perfektes Doppeldenken entwickelt. Man streichelt Kätzchen und liebt Knut, den Eisbären, aber es ist einem ziemlich egal, wo das Schnitzel herkommt. Ein vernünftiger Tierschutz sollte vor allem auf die Schlachthäuser, auf die Tiertransporte und in die Ställe schauen, und er muss akzeptieren, dass auch in einem Zoo manchmal Tiere getötet werden müssen, wegen Überbevölkerung zum Beispiel. Es ist sicher humaner, einen Tiger zu töten, als ihn an eine chinesische Potenzmittelfabrik zu verkaufen. Völlig unakzeptabel wäre selbstverständlich ein Zoo-Chef, der Tiere einfach verschwinden lässt, so, wie es die Mafia mit ihren Feinden tut.

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