Zeitung Heute : Tauben, Wachteln und Trichinen

Die Freie Universität Berlin bildet asiatische Wissenschaftler zu Spezialisten für internationale Tiergesundheit aus

Barbara-Ann Rieck

„Wenn die Vogelgrippe auf unserer Geflügelfarm ausbrechen würde, verlöre meine Familie die Existenzgrundlage“, erzählt die Thailänderin Sangvatanakul Phengjai. Die 27-jährige Tierärztin ist eine von 13 asiatischen Studierenden, die sich zurzeit am Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin weiterbilden und den „Master in Veterinary Public Health“ erwerben wollen. Sangvatankul Phengjai hat in den Jahren 2003 und 2004 in der thailändischen Geflügelindustrie und auf der elterlichen Geflügelfarm gearbeitet. Die Udomchai Farm blieb zwar bislang von der Geflügelpest verschont, aber der Absatzmarkt im Land ist inzwischen zusammengebrochen. Früher war der Geflügelexport einer der Hauptindustriezweige des Landes, ein Sechstel des Weltexports von Hühnchen kam aus Thailand, allein 30 Prozent des von der EU importierten Geflügelfleisches war thailändischen Ursprungs. Als die thailändische Regierung im Januar 2004 den Seuchenausbruch offiziell bestätigte, verhängte die EU einen Importstopp. Thailand gehört zu den Ländern, in denen das H5N1-Virus auch auf Menschen übergesprungen ist. Bislang hat es dort 14 Todesfälle gegeben. „Ärzte müssen heutzutage nicht nur die Tiere, sondern auch die Menschen schützen“, sagt Sangvatanakul Phengjai. „In Thailand gibt es bislang niemanden, der in diesem übergreifenden Bereich arbeitet.“

Tierhygiene ist in Südostasien schon seit langem ein existenzielles Thema. Nicht zuletzt die Vogelgrippe setzt Behörden und Regierungen unter enormen Handlungsdruck, denn im Bereich des tierärztlichen Verbraucherschutzes hinkt Asien den europäischen Standards hinterher. Hier setzt der Aufbaustudiengang „Veterinary Public Health“ an. Er ist ein Gemeinschaftsprojekt der Freien Universität Berlin und der Chiang Mai Universität in Thailand. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der asiatischen Länder im globalisierten Tierhandel zu verbessern und die Lebensmittelsicherheit für die lokale Bevölkerung zu erhöhen. Zulassungsvoraussetzungen sind ein Hochschulabschluss in Tiermedizin oder einem anderen mit Nahrungsmittelsicherheit befassten Bereich und drei Jahre Berufspraxis. Das zweijährige Programm kostet pro Teinehmer 18 000 Euro. Um den Norden Thailands und die Provinz Chiang Mai als internationale Drehscheibe für andere asiatische Länder zu etablieren, hat das thailändische Erziehungsministerium für den Durchgang 2005–2007 sechs Vollstipendien vergeben – auch an Teilnehmer aus Bhutan, Myanmar, Nepal und Vietnam.

Sechs weitere Stipendiaten werden vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) finanziert, darunter auch die Chinesin BeiBei Jia. Die 26-jährige Hochschuldozentin kommt vom chinesischen Henan Institute of Science and Technology und ist auf Fragen der internationalen Tiergesundheit spezialisiert. „Einige chinesische Gesetze müssen in Bezug auf Fleischhygiene und Fleischinspektion dringend verbessert werden“, erklärt BeiBei Jia, „da möchte ich von den europäischen Ländern lernen.“ In China ist es Tradition, Tiere, die gegessen werden sollen – Gänse oder Enten, aber auch Tauben und Wachteln – lebendig zu kaufen und dann zu Hause zu schlachten. Solche jahrhundertealten Konsumgewohnheiten zu verändern, ist schwierig. Die riesigen Vogelmärkte in den großen Städten, auf denen Mensch und Tier engen Kontakt haben, sind Brutstätten für viele Krankheiten, auch für die aviäre Influenza. Und so ist es kein Zufall, dass BeiBei Jia den Masterstudiengang mit einer Arbeit über die Rolle von Tauben bei der Übertragung von H5N1-Viren abschließen wird – einem Bereich, der bislang noch wenig erforscht ist.

Etwa 60 bis 70 Prozent aller menschlichen Krankheitserreger – Viren, Bakterien und auch Parasiten – sind tierischen Ursprungs. „Das Thema ist mit der Vogelgrippe noch lange nicht erschöpft“, sagt Professor Karl-Hans Zessin. Für den Leiter des Masterstudienganges ist die Etablierung des Forschungsbereiches „Veterinary Public Health“ in den asiatischen Partnerländern nur der Anfang eines langen Prozesses. „,One Medicine‘ heißt das Ziel“, erklärt der Veterinärmediziner und Epidemiologe, „die künstlichen Grenzen zwischen Landwirtschaft, Tier- und Humanmedizin müssen überwunden werden.“

In dem Himalayastaat Nepal beispielsweise steckt die Entwicklung eines öffentlichen Gesundheitswesens noch in den Kinderschuhen. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Nahrungsmittelkontrollen ist nicht sehr ausgeprägt. 87 Prozent der nepalesischen Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, die Zucht und der Handel mit Tieren sind die Haupteinnahmequelle der nepalesischen Bauern. Zoonosen, also Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden, stellen schon seit langem ein großes Problem dar. Verantwortlich dafür sind die schlechten hygienischen Verhältnisse: Schweine und Büffel werden an Flussufern geschlachtet, sodass Blut und Eingeweide in die Gewässer hinein geraten; streunende Hunde und spielende Kinder tragen Krankheitserreger weiter. In ganz Nepal gibt es bislang nur vier Fachleute, die sich mit dem Bereich „Veterinary Public Health“ auseinander setzen – einer von ihnen ist Santosh Kumar Karn: „Später möchte ich auf Regierungsebene dazu beitragen, Zoonosen zu bekämpfen und Maßnahmen zur Fleischkontrolle einzuführen“, sagt der 30-jährige gelernte Tierarzt und Hochschuldozent. In seiner Magisterarbeit – ein Pionierprojekt für Nepal – wird er die Verbreitung von Trichinen in seinem Heimatland untersuchen. Trichinen sind Fadenwürmer, menschengängige Fleischparasiten, die in Europa fast nur noch bei Wildtieren auftreten. Zu menschlichen Infektionen kommt es vor allem in Ländern ohne Fleischbeschau.

Die europäische Lebensmitteltechnologie wird die Produktionstechniken im asiatischen Raum zunehmend beeinflussen. Das international akkreditierte Masterprogramm kombiniert deshalb die klassische Vorlesung mit Gruppenarbeit und praktischen Übungen im Labor. Die Ausbildung findet in Berlin, Wien und Chiang Mai statt. Nach einführenden Seminaren an der Chiang Mai Universität in Thailand erlernen die Teilnehmer an der Freien Universität Berlin vier Monate lang die Grundlagen der Lebensmitteluntersuchung: „Das geht bis hin zur Einführung in molekulare Testsysteme“, erläutert Karl-Hans Zessin. Auch Exkursionen stehen auf dem Programm. So hat der Kurs kürzlich einen großen Schlachthof der „Vion Food Group“ in Brandenburg besucht, um den Teilnehmern Einblick in modernste EU-zugelassene Schlachttechniken zu gewähren. „Wir wollen zeigen, was wir hier in Deutschland haben“, sagt Geschäftsführer Maximilian Baumann, „nur der Vergleich macht klar, woran es zu Hause mangelt.“

Nach einem dreiwöchigen Laborpraktikum an der Universität Wien geht es für vier weitere Monate zurück nach Chiang Mai. Im zweiten Studienjahr stehen Vorbereitungen und Feldstudien für die Forschungsprojekte in den Heimatländern der jeweiligen Studierenden im Vordergrund. Deren Ergebnisse fließen dann in die Abschlussarbeit ein. Die „Graduation Ceremony“ und die Verleihung der Urkunden für den „Dual Award“ durch die thailändische Prinzessin Maha Chakri Sirindhorn stellen den krönenden Abschluss der Ausbildung dar.

An der bislang so erfolgreichen Strategie, den Ausbildungscharakter an die spezifischen Bedürfnisse der jeweiligen Regionen anzupassen, möchten Karl-Hans Zessin und Maximilian Baumann auch in Zukunft festhalten. Die Konzepte für zwei weitere internationale Masterkurse liegen fertig in der Schublade: das Programm „Epidemiologie“ für die Niltal-Länder Sudan, Äthiopien und Uganda und der Studiengang „Lebensmittelketten“ für die lateinamerikanischen Länder Argentinien, Brasilien und Uruguay. 2006 beziehungsweise 2007 kann es losgehen – wenn die beantragten EU-Drittmittel bewilligt werden.

Weiteres im Internet:

www.vetmed.fu-berlin.de

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