Zeitung Heute : Taurus Diesel: Keine Sorge - Diesel ist ganz richtig!

Andy Schwietzer

Ich werde das Gesicht der jungen Dame nicht vergessen. Sie kam wohlmeinend hinter der Kasse hervorgestürzt, denn ihr war der Schreck in die Knochen gefahren als ich die Diesel-Zapfpistole in den Motorradtank hängte. Ihr Wunsch Ungemach für Mann und Maschine durch die falsche Kraftstoffsorte zu verhüten, ehrte die Euskirchnerin, aber ich konnte die Dame beruhigen. Was ich an der Diesel-Säule tat, hatte durchaus Sinn. Wenn man sich nicht bei Aldi in die Schlange stellen mag, um Pflanzenöl zu kaufen, fährt die Taurus Diesel wunderbar mit Diesel-Kraftstoff. Immerhin prangt es sogar selbstbewusst stolz auf den Deckeln der Werkzeugkästen, dass der gebläsegekühlte Viertakter zwischen den schmalen 19er Rädern zur Familie der Selbstzünder gehört. Nun war das Interesse der Kassiererin geweckt und ich konnte mein Wissen über das seltsame Gefährt ausbreiten.

Vor uns stand eine Taurus Diesel wie sie im indischen Madras zu Tausenden von den Bändern der Firma "Enfield India" purzelt. Uneingeweihte halten die Maschine nicht für ein Fahrzeug des dritten Jahrtausends, sondern für einen Oldtimer und liegen prinzipiell damit nicht falsch. Das Fahrgestell mitsamt Drumherum erblickte - einst ausgestattet mit einem langhubigen 350er Viertaktsingle - als "Royal Enfield Bullet" 1949 im britischen Bradford-on-Avon das Licht der Welt.

1967 nach Einstellung der britischen Bullet-Bauerei wanderten die Produktionswerkzeuge nach Indien und die Bullet feierte dort genau wie die deutschen Vehikel "Tempo Hanseat" und "Matador" oder die "Victoria 155" fröhliche Urständ. Bis heute hat sich an der Bullet ("Geschoss"), die es als 350er und 500er gibt, wenig geändert, so dass sie einen charakterstarken Oldtimer darstellt, der heute noch immer vom Band rollt.

Für das ländliche Indien entwickelten die dortigen Techniker unter Zuhilfenahme eines italienischen Lombardini-Stationärmotors mit 325 ccm aus der Bullet die Taurus Diesel. Hierzulande importiert die Firma Udo Haubrich in Zülpich die indische Spardose. Der 33-jährige Udo Haubrich, der auch die Benzin-Bullet feilbietet und sibirische Ural-Boxermaschinen vertreibt, hat ein Herz für Inder. Immerhin verkaufte er letztes Jahr neben mehreren Hundert Ural-Gespannen auch jeweils rund 100 Enfields mit Diesel- als mit Benzinmotor. Das Vertriebsnetz für die nostalgischen Kräder besteht mittlerweile aus mehr als 100 Vertragshändlern mitsamt funktionierender Ersatzteilversorgung und einem Jahr Garantie.

Die ausgiebige Fahrt mit dem Serienselbstzünder überzeugte mich, dass das italienisch-indische Mischlingskind nicht nur eine Alternative für Reisbauern am Ganges darstellt. Vor dem Trip ängstigen sich zarte Gemüter vor der Startprozedur des 18 : 1 verdichtenden Singles. Nach Altväter Sitte reckt sich dem Fahrer nur ein Kickstarthebel entgegen. Mit dem serienmäßigen Dekompressor und Einhalten der Regel, den Kolben sanft über den oberen Totpunkt zu heben, startet auch die winterkalte Taurus nach zwei, drei schwungvollen Tritten zuverlässig. Eine jahrzehntelang nicht gehörte, polternde Geräuschkulisse lässt Umstehende schmunzeln. Erinnerungen an süße Horex Regina-Zeiten werden wach.

Obwohl die Taurus laut ist, stört sich niemand daran. Der bollernde Sound piekt nicht hochfrequent ins Bürgerohr und ergänzt die nostalgische Optik. Man sitzt wie Opa am Schreibtisch: Mit geradem Rücken aufrecht und nur um 90 Grad gewinkelten Knien. Nach wenigen Kilometern beginnt man Freundschaft mit der warm werdenden Maschine zu schließen. Gewöhnungsbedürftig sind nur der kurze Gasweg (bei 6,5 PS hochwillkommen, gefahren wird oft digital!) und die Rechtsschaltung mit dem klassischen Schema, bei dem der vierte Gang unten und der erste oben liegen. Doch keine Angst, das Getriebe schaltete sich trotz langer Wege präzise und außerorts erledigt der Einspurbulldog alles im Vierten! Bei "20", "40" und "60" kann man im Normalfall die Schaltpunkte setzen, wenn es leidlich zügig vorangehen soll. Das Temperament ist bescheiden doch weniger lahm als die nominellen 6,5 PS vermuten lassen. Dank des Hubraum bringt die Taurus ungefähr die Fahrleistungen einer BMW "R 25/2" oder einer "Touren-AWO" und versetzt so den Piloten in die Verkehrswelt der 50er Jahre. Einmal in Fahrt gekommen, kurbelt die schier unerschöpfliche Schwungmasse Mann und Maschine mit der Elastizität einer Dampfmaschine durch die Umgebung. Mit einer Spitze, die nach Steigungsprozenten, Anlauf und Windrichtung irgendwo zwischen 60 und 100 km/h liegt, wird man auf Schnellwegen rasch zum Verkehrshindernis. Daher sollten Autobahnen tabu sein.

Spaß macht die Maschine auf gewundenen, kleinen Landstraßen, die Fahreigenschaften des 50 Jahre alten Chassis sind untadelig, wer die Taurus schmeißt, ist dümmer als Hein Blöd. Auch die Trommelbremsen (vorn Duplex!) reichen stets voll aus und der Spaß wird durch das Bewusstsein verstärkt auf 100 km mit weniger als zwei Mark Kraftstoffkosten rechnen zu dürfen. Berlin- München geht mit einer Tankfüllung, die kostet bei Aldi zirka 16 Mark. Für den ICE sind 277 Mark - fällig! Noch Fragen, Herr Mehdorn? Die Taurus läuft "super" mit Pflanzenöl zu 1,09 Mark pro Liter! Fahrkomfort und Federung in ihrer Preisklasse genügen auch gehobenen Ansprüchen, das Trockengewicht von 170 kg ist nie lästig. Der Enfield-typsiche Leerlauffinder ist ein souveränes Ding für sich und wer selbst schraubt, braucht von Elektronik nichts zu verstehen. Windiges Plastik sucht man vergebens und für Philosophen kann die überraschend gut verarbeitete Taurus ein Freund fürs Leben werden. Nur darf Zeit eben nicht Geld sein. Unterwegs hat man Muße sich transzendentale Gedanken zu machen. "Wer bin ich?", "Wo will ich hin?" und "Werde ich als Bundesumweltminister wiedergeboren?", sind typische Geistesblitze auf Taurus-Touren. Hier wabert der fernöstliche Ursprung, der - wie passend! - nur in grün lieferbaren Maschine durch das Kleinhirn des Reiters.

Als nüchternes Fazit bleibt festzustellen, dass im Lande von Audi, BMW und Porsche auch weit höheren Kraftstoffpreisen die geringe Leistung der Taurus einem großen Erfolg entgegen stehen wird. Wer jedoch zum Motorradfahren Zeit und Muße mitbringt, kleine Dörfer, große Wälder und schmale Weg im stillen Winkel sucht oder jeden Tag sparsam über Land pendeln möchte, findet hier eine Alternative die im Kleid von gestern die Antwort auf Fragen von morgen gibt. Die Fixkosten der 7990 Mark teuren Maschine sind wunderbar niedrig, jedoch steht zu befürchten, dass die Steuerreform für Zweiräder die zarte Pflanze Diesel-Motorrad wieder brutal zertritt. Schade, dass Taurus-Fahrer keine Lobby haben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!