Zeitung Heute : Tauschaktion: Die Bundesbahn nimmt alte Autos an

Joachim Göres

Rostige Renaults, klapprige Fiats, betagte Volkswagen - sie und ihre Besitzer warten derzeit in langen Schlangen in vielen deutschen Städten geduldig, um von kritischen Dekra-Prüfern in Augenschein genommen zu werden. So jüngst auch in Osnabrück, wo knapp 40 Pkw - vor allem Kleinwagen - auf ihre Fahrtauglichkeit überprüft wurden. Dabei wollen die Besitzer ihren fahrbaren Untersatz gar nicht durch die Hauptuntersuchung bringen, sondern hoffen darauf, ihn loszuwerden - gegen eine Bahnfahrkarte!

"So eine Aktion hat es bislang noch nicht gegeben, und die Resonanz übertrifft unsere Erwartungen", sagt DB-Sprecher Norbert Girsdorff. In 29 deutschen Städten verlost die Deutsche Bahn bis Ende Oktober insgesamt 200 DB-Netzkarten an Autofahrer, die bereit sind, ihren Pkw gegen diese für ein Jahr auf allen deutschen DB-Strecken gültige Bahnfahrkarte zu tauschen.

Sie hat einen Wert von 6500 Mark, ist sowohl in der S-Bahn als auch im ICE (zweite Klasse) gültig, ermöglicht sogar die kostenlose Mitnahme eines Fahrrades und scheint auch auf notorische Bahn-Muffel einen gewissen Reiz ausüben. "Nachdem die Aktion in den ersten Städten gelaufen ist, wird immer mehr darüber berichtet und das Interesse wächst", sagt Girsdorff. So mussten die sechs in Osnabrück zu vergebenden Netzkarten unter den 37 Bewerbern verlost werden.

Autofahrer in Berlin und Brandenburg, die kostengünstig auf die Bahn umsteigen möchten, haben noch gute Chancen: am 10. Oktober wird in Cottbus und einen Tag später in Berlin eine Tauschaktion stattfinden. Der Termin für die geplante Veranstaltung in Potsdam steht allerdings noch nicht fest. Und wer kann teilnehmen? Alle Besitzer eines Pkw, der gültige Prüfplaketten für Haupt- und Abgasuntersuchung aufweist und noch in verkehrssicherem Zustand ist - der wird von Dekra-Mitarbeitern "durch Augenschein" überprüft.

Der Fahrzeughalter muss persönlich teilnehmen und das Auto muss mindestens acht Monate auf seinen Namen zugelassen sein. Neben dem Personalausweis sind Fahrzeugschein und Kraftfahrzeugbrief mitzubringen, eine Vollmacht reicht nicht aus. Unter allen Teilnehmern, die die Kriterien erfüllen, werden an Ort und Stelle die Netzkarten verlost - in Cottbus vier und in Berlin neun.

Klar muss jedem Gewinner sein: das Auto ist er auf der Stelle los, das wird von der Bahn weiterverkauft. Jedem ist aber unbenommen, sich einen neuen Wagen anzuschaffen. Kleiner Wermutstropfen: die Netzkarte gilt nur für eine Person und ist nicht übertragbar.

Wer keine Netzkarte ergattert, darf seinen Pkw natürlich wieder mitnehmen und bekommt mit etwas Glück noch einen Trostpreis. In Osnabrück waren vor allem Frauen und junge Leute auf Netzkarten-Jagd gegangen. "Viele hätten ihren Pkw vermutlich ohnehin bald stillgelegt, für sie ist es ein Schnäppchen-Effekt. Doch es gibt auch Bewerber, die jahrelang nicht mit der Bahn gefahren sind und sich nun überlegen, ein Jahr ganz auf ein Auto zu verzichten. Für uns ist diese Aktion ein Versuch, Leute anzusprechen, die wir sonst nie über unsere Werbung erreichen würden", erläutert Girsdorff die Hintergründe.

Und er hat auch schon "Stammkunden" kennengelernt: nachdem eine Frau aus Hannover bei Tauschaktionen in Mainz und Koblenz leer ausging - in Koblenz war sie zu spät angekommen, weil sie auf der Autobahn stundenlang im Stau stand -will sie nun bei mehreren "Netzkarten-Börsen" in Ostdeutschland ihr Glück versuchen. In Cottbus und Berlin werden Bewerber auf ihr Kommen vermutlich nicht besonders erpicht sein - ein Konkurrent mehr.

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