Zeitung Heute : Tauschdienste: Napsters Erben

Klaus Angermann

"Wo laufen sie denn?" fragt ein Cartoon-Klassiker von Loriot auf der Rennbahn. Gleiches möchte man jetzt beim Tauschdienst Napster fragen: Tauschten noch vor wenigen Monaten Millionen Musikfans Lieder im MP3-Format aus, laufen Napster-Pionier Shawn Fanning nun die Nutzer in Scharen davon. Seit er auf Druck der Musikindustrie urheberrechtlich geschützte Lieder vom Tausch ausnehmen muss und den Dienst in einen profitablen Abo-Service umwandeln möchte, ist das Angebot rapide gesunken.

Hinter dem Erfolg des bald kostenpflichtigen Napster-Dienstes steht damit schon vor dem Start ein Fragezeichen. Es herrscht beinahe gähnende Leere. Nach Angaben der amerikanischen Marktforscher Webnoize sind die User-Zahlen von über 1,5 Millionen im Februar auf 320 000 und weniger gesunken, analog schrumpfte die Durchschnittszahl angebotener Song-Versionen von 220 auf 1,5. Eine neue Software schließt ältere Napster-Versionen vom Tausch aus, denn nur in der neuen Version 10.3 ist ein Filter eingebaut, der derzeit allerdings auch nicht geschützte Songs vom Austausch abhält. Die Skepsis der Nutzer scheint überdies angebracht. Der Informationsdienst CNet berichtete am Dienstag, dass die neue Napster-Software mehr macht als nur besser filtern. Vielmehr verhindert das neue Programm, dass andere Tauschbörsen wie OpenNap genutzt werden können. Napster hat dies inzwischen bestätigt.

Kostenloses Herunterladen aus dem Netz steht dennoch nicht vor dem Aus, denn nicht nur im Napster-Chat wird über Alternativen wie beispielsweise Audiogalaxy diskutiert. Um Audiogalaxy zu nutzen, wird ein kleines Programm aus dem Internet geladen, gesteuert wird über den Webbrowser. Abgesehen von der ungewöhnlichen Navigation bietet Audiogalaxy interessante Funktionen wie die Wiederaufnahme unterbrochener Musik-Downloads. Clever ist die Offline-Funktion, die gerade nicht vorhandene Titel vormerkt und bei Verfügbarkeit automatisch herunterlädt. Das verführt eigentlich dazu, Audiogalaxy im Hintergrund während des Surfens laufen zu lassen - wenn in die Software nicht eine so genannte Spyware integriert wäre, die unsichtbar Daten über das Nutzerverhalten sammelt. Auch andere Clients wie etwa iMesh spionieren unbedarfte User aus. Da helfen nur noch kostenlose Tools wie Ad-aware von Lavasoft, die die Festplatte nach Spionage-Software durchsuchen und säubern.

Aber wozu auf das Napster-Feeling verzichten? Der optisch ähnliche Dienst WinMX kann sogar mehr. Zusätzlich zur Musik greift WinMX auf angebotene Videos und Programme zu und nutzt dafür eine simultane Verbindung zu mehreren Netzwerken. Das Tool zeichnet sich durch umfangreiche Funktionen wie Mehrfachsuchen, Wiederaufnahme unterbrochener Downloads oder einen Chat aus - da vermisst niemand Napster mehr. Ähnliches gilt für den dezentralen Dienst Kazaa, der mit bis zu 400 000 Usern eine gute Alternative ist. Das Besondere an Kazaa ist, dass man einerseits mit einer Software ähnlich wie bei Napster mit Benutzernamen im Kazaa-Netz angemeldet wird, andererseits auch direkt über die Homepage ohne Einloggen Musik oder Videos abrufen kann. Die Homepage bietet meist eine höhere Trefferquote und Geschwindigkeit, dafür kann der Kazaa-Client abgebrochene Download-Versuche wiederaufnehmen.

Neben WinMX und Kazaa lohnt sich vor allem das dezentrale Gnutella-Netzwerk, das die Benutzer direkt miteinander verbindet und mit unterschiedlichen Programmen ohne Zusatz-Computer Wunschtitel austauscht. Mit seiner einfachen Bedienung macht Limewire das Tauschen kinderleicht: Einfach auswählen, ob man Video oder Audio sucht, dann Titel oder Interpreten eintippen und los geht die weltweite Recherche. Auch andere Gnutella-Programme wie Bearshare oder Gnotella besitzen ähnliche Features wie Limewire, letztlich ist die Auswahl Geschmackssache. Hoch im Kurs stehen derzeit neben Top-Ten-Hits von R.E.M, Depeche Mode oder Manu Chao übrigens Hörversionen vom Zauberlehrling Harry Potter. Für Cartoon-Freaks ist das Gnutella-Netz eine einzige Fundgrube: egal ob die Simpsons, Futurama oder Southpark, nahezu alle Folgen lassen sich herunterladen. Gleiches gilt für Serien wie "Raumschiff Voyager" oder komplette komprimierte Kinofilme wie "Traffic" oder "American Beauty". Dank zunehmend verfügbarer Bandbreite via DSL sind auch 700 Megabyte in wenigen Stunden auf der Festplatte.

Allerdings hat das große Angebot auch einen Haken, denn genauso einfach wie an einen Song von den Girlies "No Angels" gelangt man an rechtsradikale Titel indizierter Platten. Ebenso werden sich Eltern kaum freuen, dass ihre Kinder mit der frei zugänglichen Software an pornografische Videoschnipsel gelangen können.

Napsters Nachfolger haben den einstigen Primus überholt, wie die Auswahl vorgestellter Dienste im Praxistest gezeigt hat. Zwar erreichen sie längst nicht Napsters Besucherfrequenz aus besseren Tagen, aber wachsende Teilnehmerzahlen, komfortablere Funktionen sowie die Angebotserweiterung auf Filme, Bilder oder Dokumente sprechen für die Konkurrenz.

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