Zeitung Heute : Tauschgeschäft Geld gegen Hass

Stephan Kimmig beleuchtet in „Ol“ von Lukas Bärfuss Profitgier, Schuld und die Naivität der Europäer

PATRICK WILDERMANN D

Es gab da eine einschneidende Erfahrung im Künstlerleben des Stephan Kimmig, die erzählt viel über diesen Mann, und mit hoher Wahrscheinlichkeit hat sie ihn zu einem besseren Regisseur gemacht. Es war die Zeit, als Kimmig in den Niederlanden lebte und arbeitete, eine Frühphase seiner Karriere, und weil er noch unerfahren war – und weil es in der autoritären Theatervätergeneration Usus war und auch in seiner Generation verbreitet ist –, dachte er, nun müsse er sich als Regisseur mal kenntlich machen, und brüllte seine Schauspieler an. „Daraufhin traten zwei nette Holländer vor und sagten: ‚Was ist denn los, Stephan, du musst hier nicht schreien, sag doch einfach, was du willst, dann können wir das doch tun.’“ Im Rückblick amüsiert sich Kimmig kopfschüttelnd über seinen Kommunikations-Fauxpas. Und spricht mit Verachtung über jene diktatorischen Theatermacher, die auf der Bühne Herrschafts- und Gewaltverhältnisse kritisieren, aber auf der Probe eine Politik der Angst und Unterdrückung betreiben.

Das Schlüsselwort für das Verständnis des Theaters, für das Kimmig heute steht, lautet Empathie. Der Regisseur, der zu Beginn der 90er Jahre nach Deutschland zurückkehrte, ist ein großer Humanist, ein Liebender in der Arbeit, in jeder Hinsicht. Bisweilen mischt sich in den professionellen Blick auf seinesgleichen dabei ein leises Staunen, darüber etwa, in welch neurotische Verhältnisse die Menschen sich verstricken, wie im Falle seiner Hamburger „Hedda Gabler“-Inszenierung. Manchmal das blanke Entsetzen, wozu der Mensch fähig ist, so in seiner Stuttgarter „Thyestes“-Bearbeitung, die unter dem Eindruck des 11. September entstand. Bloß unbeteiligt erscheint seine Haltung nie, auch nicht ironisch oder distanziert.

Kimmig vermeidet in seinen vielschichtigen Verhaltensstudien die offensichtliche Lesart von Stücken, aber er findet stets zu einer plausiblen, die durchaus polarisieren kann. Unlängst entfachte beispielsweise seine „Maria Stuart“ während des Gastspiels bei den Mannheimer Schillertagen Diskussionen unter Zuschauern, die irritiert waren, dass nicht das klassische Stutenbeißer-Drama zweier Königinnen verhandelt wird, sondern sich Fragen nach Folter, Todesstrafe und einer hysterisierten Gesellschaft aufdrängen. Kimmigs Aufführungen, das zeichnet sie vor allem aus, sind immer durchlässig für die politische Gegenwart, in der sie entstehen.

Das dürfte auch für seine jüngste Inszenierung gelten: Die Uraufführung „Öl“ von Lukas Bärfuss, mit dessen Endzeitgroteske „Der Bus“ Kimmig am Thalia-Theater reüssierte, folgt einer Gruppe westlicher Hasardeure in ein vermeintliches Rohstoff-Eldorado. Wobei nicht die schnöde Profitgier am Pranger steht, das wäre zu simpel. Sondern es stolpern zwei Männer und zwei Frauen fern der Heimat durch ein diffuses Beziehungsdickicht und einen sehr zeitgemäßen moralischen Nebel. Mithin: Es werden einmal mehr komplizierte, widersprüchliche, liebesbedürftige Menschen zu beobachten sein, in den weiblichen Hauptrollen von Nina Hoss und von Kimmigs Stammdarstellerin Susanne Wolff verkörpert.

Der Regisseur steht in dem Ruf, ein außergewöhnliches Faible für starke Frauenfiguren zu hegen. Die Reihe seiner Inszenierungen lege das nahe, bestätigt er selbst. Das sei jedoch kein verstandesmäßiger, kontrollierter Vorgang. „Lange Zeit haben mich Frauen einfach mehr interessiert, und damit meine ich hier nicht das Erotische – sondern als komplexere, suchendere, anders kommunizierende Wesen, für die der Begriff des Scheiterns auch eine ganz andere Rolle spielt.“ Was das betrifft, vollzieht sich allerdings just eine Wende in Kimmigs Schaffen. Wie spannend, dass die Ausweitung der Geschlechterrecherche nun zusammenfallen wird mit seinem künftigen Wirken am DT: „Ich merke, dass mich Männer – die ja erst mal viel verschlossener sind, viel weniger preisgeben – jetzt mehr zu interessieren beginnen“, sagt Kimmig. „Warum haben wir permanent Panik, das Terrain zu verlieren, warum ist unsere Handlungsfreiheit so eingeschränkt?“ Die Antworten stehen aus, der Regisseur lacht herzlich: „Ein weites Feld.“ PATRICK WILDERMANN

Premiere 18.9.,

19.30 Uhr

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