Zeitung Heute : Tausendundein Gerücht

„Wo wir mit den Scheichs zusammenarbeiten, ist es ruhig“, sagt Major Woody Nunis. In Ramadi aber werden die US-Truppen täglich angegriffen. Der Stammesoberste Suleiman Ali Suleiman sagt, er könne die Überfälle nicht unterbinden. Eine Geschichte über die Macht der Scheichs im Irak.

Petra Steinberger[Ramadi]

Der Scheich will nicht viel preisgeben von der eigenen Macht. „Fremde“, sagt Suleiman Ali Suleiman, „greifen die Amerikaner an. Von hier kommen sie nicht.“ Suleiman, einer der mächtigsten Scheichs vom Stamm der Dulaynis, blickt unverbindlich in sein Teeglas. Es sind Anhänger des alten Regimes, sagt er, oder vielleicht auch von den Iranern bezahlte Provokateure. Islamistische Extremisten. Al Qaida. Vielleicht kommen sie aus Syrien. Und aus Jordanien. Suleiman zieht lange an seiner Zigarette. Ein paar andere im Kreis seiner Männer unter dem Vordach des Moudhif, des landestypischen Versammlungshauses, das nicht viel mehr ist als ein nackter Rohbau, nicken bedächtig.

Jeden Tag treffen sie sich hier, ein altes Ritual. Vielleicht, sagt Suleiman nach einer Pause, seien auch ein paar Kriminelle aus Ramadi selbst darunter, die sich ihre Dienste von alten Baath-Parteigängern bezahlen ließen. Mit spitzen Fingern hält er den goldenen Zigarettenhalter vor den Mund und bietet seinen Gästen Softdrinks an.

Ramadi, Hauptstadt der Provinz Anbar, liegt eine Stunde westlich von Bagdad, mitten im so genannten Sunni-Dreieck. Hier rekrutierte Saddam Hussein viele seiner Anhänger. Hier hatte er aber auch viele Feinde, vor allem, nachdem er einen General exekutieren ließ, dessen Familie sehr angesehen ist unter den Stämmen. Auf Ramadi, Falludscha und Bagdad konzentrieren sich nun die Angriffe gegen die US-Streitkräfte. Wer dahintersteckt, darüber gibt es viele Theorien. Durchschnittlich ein Dutzend seien es in Ramadi jeden Tag, sagte vor ein paar Tagen ein Militärsprecher. Inzwischen hört man nur noch von ihnen, wenn Soldaten schwer verletzt oder getötet werden. Dann ist es ein paar Tage still. Das mag ein Zeichen dafür sein, dass sich die Lage beruhigt, kann aber auch das Gegenteil bedeuten. Doch zweifellos haben die Stämme, und damit die Scheichs, nicht wenig Einfluss darauf.

Die Hitze lähmt

Vor ein paar Tagen sei er in Bagdad gewesen, sagt Suleiman, da habe er ein paar Kinder gesehen, die betrunken durch die Straßen torkelten. Fremde Soldaten seien in Häuser eingedrungen, in denen sich Frauen unverschleiert aufhielten. So etwas dürfe einfach nicht geschehen. Friedliche Iraker würden von Dieben und Plünderern bedroht. Hätten die doch gleich zu Anfang ein paar von ihnen erschossen. Dann wäre jetzt Ruhe. Suleiman ist nicht der Einzige, der das sagt.

Die irakischen Stämme warten in diesem langen heißen Sommer, in dem selbst die Fliegen träge geworden sind, darauf, dass die Amerikaner ihre Aufgaben erledigen. Die drückende Hitze lähmt – und verstärkt das Gefühl, als belauerten sich Iraker und Koalitionstruppen geradezu und forschten sich gegenseitig aus, vielleicht in Erwartung der bevorstehenden Auseinandersetzung. Die Scheichs aus dem Stamm der Dulaynis warten darauf, dass die US-Truppen für mehr Sicherheit sorgen. Dass die Stromversorgung funktioniert, Schulen gebaut werden. Vielleicht erwarten sie zu viel. Und sie erwarten endlich den Respekt, der ihnen gebührt. „Die Amerikaner lernen“, sagt Suleiman, „aber vielleicht nicht schnell genug.“

Ein magerer Junge in der Uniform der neuen irakischen Polizei verbeugt sich vor den Scheichs und legt die Hand auf sein Herz. Atemlos berichtet er, seine Einheit habe jemanden verhaftet, betrunken sei er gewesen und hätte zwei Granaten dabeigehabt. „Lass ihn nicht laufen“, sagt Suleiman, „bringe ihn den Amerikanern.“ Der Junge rennt zu zwei wartenden Kameraden, auch sie neue Offiziere, die die Amerikaner im Schnellverfahren ausgebildet haben. Die noch kleine Polizeitruppe soll nun Kriminelle verhaften, auf Patrouille gehen, für Sicherheit sorgen. Aber ohne die Einwilligung der Scheichs hätten die Amerikaner zumindest von dieser Verhaftung wohl nie etwas erfahren. Das Wort der Scheichs gilt bei all jenen viel, die zur Familie gehören, zum Clan, zum Stamm. Die Dulaynis, das sind fast vier Millionen Iraker.

Suleiman in seinem langen weißen Gewand mag in westlichen Augen provinziell erscheinen, er trägt die Kefiye auf dem Kopf und eine verspiegelte Brille, das Lieblingsaccessoire arabischer Männer. Aber die Koalitionstruppen haben inzwischen erkannt, dass Suleiman bestens Bescheid weiß. Denn genau das ist seit Jahrhunderten die Aufgabe der Scheichs. Allein in dieser Provinz mögen es 100 bedeutende Scheichs, zu deutsch Älteste, sein. Sie vermitteln, sind Richter und Berater. Saddam Hussein versuchte, den Tribalismus für sich zu nutzen, hat sie gegeneinander ausgespielt und ihm genehme Scheichs ernannt. Jetzt kontrollieren sie eine Gesellschaft, die nach vier Monaten extremer Unsicherheit erstaunlich stabil geblieben ist. Deswegen fährt der Provinzgouverneur auch persönlich im klimatisierten Wagen vor, um sie zum Treffen abzuholen.

Die Angreifer kommen von außerhalb, sagt auch Abdul Karim Birges, der Gouverneur, obwohl er eigentlich wissen müsste, dass das nicht ganz richtig ist. Die Scheichs können viel bewirken, wenn es ihren eigenen Interessen entspricht. Es ist keinesfalls ausgeschlossen, dass ihnen die Angriffe ins Konzept passen. Genau darüber hat er mit den Scheichs gerade stundenlang im Audienzsaal des etwas heruntergekommenen Verwaltungssitzes verhandelt. Vor den Blicken, die ihm die vier noch verbleibenden Scheichs aus der Tiefe der weißgoldenen Sofas zugeworfen haben, kann ihn auch sein überdimensionaler Schreibtisch nicht schützen. Abdul Karim Birges verdankt diesen Männern seinen Posten, weil sie ihn in jenen chaotischen Apriltagen, als die Statthalter des Regimes einfach verschwanden und die Amerikaner vor den Toren der Stadt standen, zum neuen Gouverneur ernannt haben. Ebenso informell und verbindlich könnten sie ihm diese Macht wohl auch wieder entziehen.

Ob der Widerstand, ob die Angriffe auf die Koalitionsstreitkräfe organisiert sind oder nicht, ob sie von innen kommen oder von außerhalb, ist nicht nur eine theoretische Diskussion. In den letzten Tagen haben US-Militärs und auch der Chef der Zivilverwaltung im Irak, Paul Bremer, mehrmals betont, dass terroristische Gruppen in den Irak zurückkehrten. Man fürchtet, dass sich die Überfälle, die bisher vor allem auf lokaler oder regionaler Ebene organisiert sind, das Land koordiniert überziehen – und dass sich eine aufgebrachte Bevölkerung dem Widerstand anschließen könnte. Die Amerikaner begreifen, dass die Scheichs eine wichtige Rolle spielen dabei, wie sich das Volk verhält.

Es habe da einige unangenehme Vorfälle gegeben, sagt auch der Gouverneur. Alte, würdige Männer, manchmal sogar Scheichs selbst, seien vor ihren Familien zu Boden geworfen und gefesselt worden. Das dürfe nicht geschehen. Soldaten hätten Türen eingetreten. Man müsse sich doch anmelden. Wo bleibe der Respekt?

In einer Gesellschaft, in der während der jahrzehntelangen Unterdrückung Informationen meist in Fom von Gerüchten verbreitet wurden, kann ein einziger derartiger Vorfall eine riesige Wirkung haben. Die Amerikaner hätten Geld gestohlen, heißt es inzwischen, sie hätten ganze Häuser verwüstet, sogar geplündert. Sind solche Geschichten einmal im Umlauf, wird es unerheblich, ob und wie oft so etwas vorgekommen ist.

Hinten im unbeleuchteten Gang des Gouverneurssitzes, in einem kleinen, aufgeheizten Zimmer, hat Major Woody Nunis sein Büro, der amerikanische Civil-Affairs- und Liaison-Offizier zwischen den Irakern, der vorläufigen Regierung der Alliierten und den US-Streitkräften. „Es ist nicht ganz so“, sagt der 41-jährige Reservist, im normalen Leben Immobilienmakler in Texas, gedehnt, „wie die Scheichs es darstellen. Wir werden keineswegs nur von Fremden angegriffen. Vielleicht sind einige Leute nicht sehr glücklich darüber, wie wir uns auf Patrouillen verhalten. Aber wenn wir uns jedesmal anmelden, bevor wir durchsuchen, dann hat die Sache nicht mehr viel Sinn.“

Eine sanftere Taktik

Die Amerikaner denken auch an ihre eigene Sicherheit. Major Nunis hat Helm und Schutzweste griffbereit vor seinen Schreibtisch gelegt. Auf einem riesigen Satellitenbild von Ramadi zeigt er, woher die meisten Angriffe kommen: aus jenem Stadtteil, weil dort noch ein paar alte Baathisten sitzen; und aus dem anderen, ganz in der Nähe des Hauptquartiers, weil er in der Nähe zur Autobahn liegt und Angreifer dort leicht hineingelangen. Wie viele die Truppen verhaftet haben, darf er nicht sagen. Aber Nunis hat vor einiger Zeit entschieden, dass die Verwandten erfahren sollen, wohin verhaftete Angehörige gebracht werden: in die Base der US Air Force im Norden des Irak beispielsweise oder in ein Gefängnis nach Bagdad. „Sonst wären wir doch nicht besser als das alte Regime.“

General Ricardo Sanchez, der Oberbefehlshaber der Truppen im Irak, hat in den letzten Tagen eine sanftere Taktik der US-Truppen angekündigt – die die Briten im Süden schon länger anwenden: mit Fußpatrouillen, um in engeren Kontakt mit der Bevölkerung zu kommen, mit Taktiken wie „Cordon and Search“, in der die Abriegelungen und Durchsuchungen von arabischen Übersetzern angekündigt werden. Und nach Beendigung der Aktion soll dann über Lautsprecher der Zweck der Aktion erklärt werden – außer die Situation wird brenzlig und die Truppen müssen sich schnell zurückziehen.

Nunis wirkt erschöpft, er will nach Hause. Aber er will auch den Leuten hier helfen. „Sie lassen sich nur nicht in die Karten blicken“, sagt er, „und ein bisschen mehr Initiative könnten sie zeigen. Dort, wo wir mit den Scheichs gut zusammenarbeiten“, sagt er, „ist es schnell erstaunlich ruhig. Ein Zufall?“

Suleiman sagt nicht viel über die Rolle der Scheichs. Wozu auch? „Die Amerikaner haben Angst“, sagt er, „wir nicht. Wir können das aushalten. Wir haben Zeit.“

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