Zeitung Heute : Tauziehen mit Frotteehandtüchern

Der Tagesspiegel

Von Rainer W. During

Spandau. Der Elch rief und fast alle schienen gekommen zu sein. Von den Autoschlangen an der Zufahrt über das Getümmel vor dem Eingang bis zur heißen Schlacht um die Schnäppchen verursachte die Eröffnung des neuen Ikea-Möbelhauses gestern in Spandau chaotische Szenen. Tausende stürmten gleich zu Beginn die beiden auf doppelte Größe erweiterten Shopping-Etagen an der Ruhlebener Straße und nahmen beim Run auf die Sonderangebote auch die eine oder andere Blessur in Kauf.

Während die geladenen Gäste sich drinnen an Fisch und Sekt labten, drückten sich draußen die Kunden im wahrsten Sinne des Wortes an den Scheiben die Nasen platt. Auch Spandaus Bezirksbürgermeister Konrad Birkholz (CDU) bleibt zunächst im Regen stehen, weil der Prominenten-Nebeneingang bereits wieder geschlossen war. So mussten der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Hausleiter Berthold Kempter einen Baumstamm zersägen, während vor der Tür das Gedränge bedrohliche Formen erreichte. Beherzte Kunden konnten ein Kleinkind gerade noch in Sicherheit bringen, bevor von seinem Buggy nur noch Trümmer übrig blieben. Wowereit hatte zuvor darauf verwiesen, dass durch den Ausbau die Zahl der Mitarbeiter in Berlin von 400 auf etwa 500 steige. Die Investition von 60 Millionen Euro habe sich gelohnt, sagte er.

1979 hatte Ikea die Filiale in Spandau als eine der ersten in Deutschland eröffnet. Durch den Umbau wurde die Verkaufsfläche von 9300 auf 20 000 Quadratmeter erweitert. Wenn im November alle Bauarbeiten beendet sein werden, stehen den Kunden zudem 1900 statt bisher 975 Parkplätze zu Verfügung. In Deutschland gib es derzeit 27 Ikea-Möbelhäuser.

Als fünf Minuten vor acht dann endlich der Eingang öffnete, hatte kaum jemand Augen für die herabfallende Kaskade blauer und gelber Luftballons. Auch die emsig spielende Blaskapelle fand keine Beachtung und die Dame mit dem Sekttablett wurde glatt überrannt. Die Angst, kein Schnäppchen mehr zu bekommen, war offenbar größer als der Durst. Dabei gab es Sekt für alle, obwohl Bundestagspräsident Wolfgang Thierse entgegen der Aufforderung auf den Ikea-Werbeplakaten noch immer zu den Bartträgern zählt. „Uns ist kein Zusammenhang mit dem Sektausschank und der Bartlänge unsere Präsidenten bekannt“, sagt eine Bundestags-Sprecherin.

In der Markthalle spielten sich dramatische Szenen ab. Mit aller Kraft zerrten zwei Frauen an den entgegengesetzten Enden des letzten weißen Frotteehandtuches für zwei Euro. „Ich war zuerst hier“, keuchte eine von ihnen und ging schließlich als Siegerin hervor. „Hier werden einem die Schnäppchen vom Einkaufswagen geklaut, bevor man an der Kasse ist“, stellte eine entnervte Kundin fest. Gleich kistenweise schleppten die Besucher scheußlich-blaue Baumwoll-Bettwäsche für einen Euro heim. Der Andrang war so groß, dass Mitarbeiter die Kartons in kurzen Abständen aus der Lagertür in die Menge warfen, in der teilweise mit harten Bandagen um den Besitz gekämpft wurde.

Seit sechs Uhr früh hatte Martina Liers aus Reinickendorf vor der Tür gewartet. „Das war schon Horror“, sagte sie. Aber es hatte sich gelohnt. 21 Pakete Bettwäsche und ein paar Teppiche für neun Euro waren ihre Beute. Bettwäsche hatte auch Christina Lange aus Charlottenburg gekauft und fand es „ganz prima“. Ingrid Schleu aus Nauen hatte selbst bis vor einem Jahr bei Ikea gearbeitet und wollte mit einer Freundin das neue Haus besichtigen. „Einfach mal schauen“ wollte auch Mario Laube aus Spandau, der mit Frau und Kindern gekommen war. Und während sich die Fahrzeugschlange vor dem überfüllten Parkhaus staute, stand der Dienstwagen des schwedischen Botschafters mit wehender Fahne auf dem Kotflügel im absoluten Halteverbot, werden auch hier Kartons mit Ikea-Schnäppchen eingeladen.

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