Taxistreit : Die Schlacht um Tegel

Zeternde Taxifahrer, angefahrene Aufpasser, überforderte Polizisten: An einem Berliner Flughafen spielt sich Merkwürdiges ab. Es geht um 50 Cent: einen Sonderzuschlag, der mehr Komfort bringen soll. Manche Chauffeure befürworten, andere boykottieren ihn. Eine Branche im Aufruhr

Anna Sauerbrey
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BerlinIn der prallen Mittagssonne steht ein Mann mit gelber Schirmmütze auf dem oberen Deck des Flughafens Tegel und brüllt. Er ist Taxifahrer, und das Geschrei gilt einem Kollegen, der lieber gar nicht erst aus seinem Wagen aussteigt, einem leicht verbeulten Mercedes, den eine verblasste Deutschlandfahne schmückt. Eine Stunde habe er gewartet, brüllt der Mann mit der Mütze, und jetzt drängle sich der andere einfach vor. „Der hat hier doch gar nichts zu suchen!“, schreit er. „Der hat doch gar keinen Transponder!“ Ein Flughafenpolizist tritt hinzu, beschwichtigt, bis der Bemützte wieder in sein Auto steigt.

Szenen, wie sie sich derzeit täglich abspielen in Tegel.

Auslöser des Streits, bei dem sich Flughafengesellschaft und Taxifahrer, aber auch Taxifahrer und Taxifahrer gegenüberstehen, ist ein unscheinbarer schwarzer Plastikkasten, etwa so groß wie ein Eishockeypuck, ein sogenannter „Transponder“. Seit dem 1. Juli gilt für Fahrer, die Tegel ansteuern, eine neue Regelung, mit der die Flughafengesellschaft die Qualität des Taxigewerbes auf ihrem Gelände verbessern will. Das neue System sieht vor, dass die Fahrer für 25 Euro den kleinen schwarzen Kasten kaufen, mit dem die Fahrzeuge an der Flughafeneinfahrt registriert werden. Statt pauschal 70 Euro im Jahr für die Flughafenzulassung zu zahlen, werden jetzt 50 Cent pro Fahrt fällig, die die Fahrer als Tegel-Aufschlag an die Kunden weitergeben sollen. Mit den Mehreinnahmen will die Flughafengesellschaft Kontrolleure bezahlen, die die Qualität der Fahrzeuge überwachen sollen: Blitzblanke Taxis und serviceorientierte, möglichst polyglotte Fahrer schweben dem Flughafenbetreiber vor. Fahrer, die den Transponder und damit die Einfahrterlaubnis erhalten, sollen auch garantieren, dass sie Kurzstreckenfahrten nicht ablehnen und bargeldlose Zahlung ermöglichen.

Dagegen laufen viele Taxifahrer seit Anfang Juli Sturm. Die Mehrzahl der Fahrer boykottiert die Regelung: Rund 1000 haben bislang den Transponder gekauft, an der alten Einfahrtsregelung waren 3000 beteiligt. Viele umgehen nun einfach die Schranke, an der die Transponder kontrolliert werden: Während die registrierten Kollegen sich brav in der Nachrückschlange einordnen, steuern sie direkt die Terminals an. Die einen warten, die anderen nicht. Stoff für Zoff.

Den Wutausbruch des Fahrers mit der gelben Mütze beobachten außer der Polizei an diesem Nachmittag vor allem Urlauber in bunten T-Shirts, die eine letzte Zigarette vor dem Flug rauchen und Eis essen. Geschäftsreisende sieht man kaum. Auf der kleinen Verkehrsinsel in der Taxizufahrt stehen zwei Ordner. „Qualitätskontrolle im Auftrag der Berliner Flughäfen“ steht auf den orangefarbenen Westen der beiden kahl geschorenen jungen Männer. Dass zwei ihrer Kollegen gerade erst von Taxifahrern über den Haufen gefahren wurden, wollen die beiden nicht gehört haben. Die Flughafengesellschaft aber hat reagiert und den Kontrolleuren Unterstützer zur Seite gestellt: Kräfte des Landesamts für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten patrouillieren jetzt am Flughafen, auch zwei Beamte der Flughafenpolizei sollen Gewaltausbrüche verhindern.

„Ist nicht der schlechteste Job“, sagt einer der Kontrolleure. „Kriegt man wenigstens bisschen Sonne.“ Klar, Beleidigungen bekomme er viele zu hören. „Da rein, da raus“, grinst er und wiegt den Kopf, als schüttele er ein Schimpfwort aus dem Ohr. Dann rauscht sein Funkgerät. Eine Frauenstimme gibt eine Autonummer durch. Sie meldet die Kennzeichen der Taxis, die ordnungsgemäß die Schranke passiert und sich registriert haben. Die Kontrolleure vor dem Flughafengebäude sollen sie mit den Nummern der ankommenden Wagen abgleichen – an diesem Nachmittag ein schier unmögliches Unterfangen: Zu schnell rücken die Fahrzeuge nach. Schwitzend krakelt der Kontrolleur auf seiner Liste herum.

Ein Fahrer im karierten Hemd, auf dessen Taxi der Aufkleber „Gegen Abzocke auf TXL“ prangt, weigert sich auszusteigen, er schimpft und gestikuliert. Andere Fahrer mischen sich ein, wieder entsteht Geschrei. Schließlich steigt der Mann doch aus, redet aufgeregt in sein Handy, seine Papiere will er nicht zeigen. Erst als die beiden Polizisten hinzukommen, willigt er ein, ein Formular zu unterschreiben, er nutzt dazu die Motorhaube des Taxis hinter ihm. „Schreib auf deinem eigenen Auto!“, raunzt der Fahrer.

Rund 40 solcher Formulare werden die beiden Ordnungskräfte am Ende ihrer Zwei-Stunden-Schicht eingesammelt haben – 40 Taxis ohne Transponder. Sie bezeichnen die aggressiven Reaktionen der Fahrer diplomatisch als „unbefriedigend“, ansonsten sind sie angewiesen, nicht mit der Presse zu sprechen. Die Kontrolleure der Flughafengesellschaft immerhin lassen durchblicken, dass die Überprüfung der Fahrzeugqualität bisher nicht stattfindet. „Ich schau nicht in die Taxis“, gibt einer zu, dazu sei keine Zeit.

Das Symbol der Freiheit, auf die sich die Boykotteure berufen, ist blau, weiß, rot und rechteckig: Das Verkehrsschild, das Taxihaltestellen ausweist. Dort, wo es steht, so die Boykotteure, sind öffentliche Taxihalteplätze, auf denen jeder halten kann, der eine Taxikonzession und den Personenbeförderungsschein hat. Auch „auf C“, also im unteren Abholbereich des Flughafens, steht so ein Schild. Wer hier den Konflikt anspricht, ist schnell umringt von Menschen, die ihre Wut loswerden wollen. Hier wird nicht kontrolliert, hier stehen die Fahrer ohne Transponder. Gerade ist ein Flugzeug gelandet, Frauen mit Kopftüchern schieben hoch beladene Trollis mit Koffern und Taschen vorbei, das Geschäft rollt.

Dennoch ist die Stimmung gereizt. Die Frage, warum er keinen Transponder habe, beantwortet einer so: „Soll ich hier die Nutte für den Flughafen machen?“ Die Liste der Beschwerden ist lang. Die Karten, die bislang die Zufahrt zum Flughafengelände ermöglichten, seien noch gültig bis Ende des Jahres, es gebe keine ordentliche Kündigung des Vertrags. Außerdem bringe die neue Regelung nur Vorteile für den Flughafen, aber keine Rechte für die Taxifahrer.

Dietmar fährt sein eigenes Taxi. Sein Haar ist nach hinten gegelt, er trägt ein Poloshirt mit Tropenmuster und eine Goldkette. Er rechnet vor, dass der Flughafen an der neuen Regelung bestens verdient. „Mindestens fünf Fahrten pro Fahrer pro Tag, 365 Tage im Jahr, 3000 Taxis, da kommt was zusammen.“ Von „Diktatur“ ist die Rede – und davon, dass das Modell Schule machen könnte, dass bald jedes Hotel eine Einfahrtgebühr fordert.

Doch der Ärger geht weit über den aktuellen Konflikt hinaus. Die Fahrer fühlen sich von der Stadtverwaltung verraten: Auch die Ökologisierung der Verkehrspolitik ist aus ihrer Sicht Anti-Taxi-Politik. Auf die Grünen sind sie besonders schlecht zu sprechen. Die Fahrer schimpfen über die Feinstaubplakette, die viele zwang, neue Wagen anzuschaffen. Ihre Erzählungen handeln von einem idyllischen „Früher“, in dem immer grüne Welle herrschte in der Stadt, die Fahrgäste beim Trinkgeld spendabler waren und es die vielen Rad- und Rollerfahrer auf den Busspuren noch nicht gab. Viel zu viele Konzessionen seien außerdem vergeben worden, es gebe einfach nicht genug Kunden für die ganzen Taxen in der Stadt. „In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Stadt gedreht“, sagt einer.

Es scheint, als sei der Transponder nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Um den Taxifahrer ranken sich Mythen. Da ist das romantische Bild des Taxi-Philosophen, der sich durch nächtliche Personenbeförderung die Freiheit zur schöngeistigen Betätigung erarbeitet. Da ist Robert de Niro, der in „Taxi Driver“ als selbsternannter Racheengel gegen eine dekadente Welt antritt. Die Zufälligkeit, mit der im Taxi Fahrer und Passagier auf engstem Raum für eine begrenzte Zeit zusammenkommen, inspirierte Jim Jarmusch zu seinem Taxifilm „Night on Earth“.

Die Taxifahrer in Tegel berichten von Lebenssituationen, denen jede Romantik, Schöngeistigkeit und Metropolenmelancholie abgeht. Bernd aus dem Wedding etwa wird nächstes Jahr 60, 32 Jahre sitzt er schon am Steuer. Er hat die Statur von Gérard Depardieu, ein freundliches Gesicht voller Bartstoppeln, um seinen Hals hängt Indianerschmuck. Neulich hatte er einen Totalschaden, „Gott sei Dank“, sagt Bernd, der ohnehin einen neuen Wagen hätte kaufen müssen. Das Geld von der Versicherung ist allerdings noch nicht da. Zu Hause stapeln sich die Rechnungen, und wenn er abends nach Hause kommt, ist er zu müde, um sich um irgendetwas zu kümmern. „Ich darf mich nicht in den Sessel setzen, dann schlafe ich sofort ein.“

Gerade ist „Mittagsloch“. Bis zu zweieinhalb Stunden wartet Bernd da auf die nächste Fahrt. Er raucht Filterlose und sagt, ihm fehle der Nachrückplatz, den er jetzt, ohne Transponder, umfahren muss. Das Schlimmste am Taxifahrerdasein sei nämlich die Langeweile zwischen den Fahrten, und in der Nachrückschlange haben sie immer Karten gespielt oder Schach, man konnte ein bisschen auf- und abgehen, die Zeit vergessen. „Das fehlt mir“, sagt Bernd. Er erzählt auch vom Bruder seines besten Freundes, der am Steuer seines Taxis gestorben sei. „Der ist einfach nicht mehr aufgerückt.“

Die Boykotteure fühlen sich wie Outlaws. Eine neue Konfliktlinie geht durch die Fahrergilde: Es gibt jetzt die mit und die ohne Transponder. Letztere sagen, bisher habe an den Taxisteigen „Cliquenwirtschaft“ geherrscht, erst die Transponder hätten so etwas wie Solidarität erzeugt. „Klar, ich bin begeisterter Anhänger“, sagt einer der Fahrer auf dem oberen Deck. Und dass die wahren Gründe der Boykotteure bloß steuerrechtlicher Natur seien: Viele machten Fahrten an der Umsatzsteuer vorbei. Andere hätten Angst, dass ihre Arbeitszeiten kontrolliert werden, denn eigentlich dürfen sie nur acht Stunden pro Tag fahren, manche aber schöben Zwölf-Stunden-Schichten. Kontrolliert wurde das bislang kaum, was sich mit dem Transponder ändern könnte: Der Flughafen stellt den Fahrern am Monatsende eine Rechnung, auf der alle Einfahrten mit Uhrzeit festgehalten sind.

Immer wieder kam es in den vergangenen Tagen zwischen den Fahrern zu Wortgefechten, bisweilen sollen sogar Fäuste geflogen sein. Auch andere, ältere Fronten tun sich dabei auf, sagt einer: „Hier reden die Russen nur mit den Russen, die Araber nur mit den Arabern, und die Polen sind die einzigen, die auch mit den Deutschen reden.“ Der Transponder-Streit scheint diese Ressentiments zu verstärken: Dass es vor allem „die Ausländer“ seien, die die Transponder boykottieren, hört man immer wieder, obwohl ganz offensichtlich viele Deutsche unter den Aufständischen sind.

Am Freitag sammelten die Verweigerer am Flughafen Unterschriften für eine Petition an die Bundeskanzlerin. Auch mehrere Anträge auf einstweilige Verfügung liegen dem Landgericht vor – einer wurde gestern zuungunsten der Flughafenbetreiber entschieden. Der Kläger hatte argumentiert, die alten Verträge seien nicht ordnungsgemäß gekündigt worden – und bekam Recht. Seit gestern muss der Flughafen die Schranke deshalb auch wieder für Inhaber der alten Zugangsberechtigung öffnen. Vorerst.

Die meisten Passagiere finden das Gerangel am Flughafen bloß „kurios“. Ein Geschäftsreisender auf dem Weg nach Zürich erzählt, als er in Tegel angekommen sei, habe sich eine Frau vom Ordnungsdienst vor sein Taxi gestellt und ihm die Zufahrt versperrt. Dass es um eine „Qualitätsoffensive“ ging, wusste er nicht. Er fand das Erlebnis vor allem „crazy“.

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