Teach-First-Programm : Nach dem Studium bewusst an eine "Problemschule"

Beim "Teach-First"-Programm gehen Top-Studenten verschiedenster Fächer direkt nach dem Studium erst mal an "Problemschulen", um sich dort sozial zu engagieren.

Marc Herwig
Lena Löll hätte auch gleich in den angestrebten Beruf gehen können. Stattdessen gab sie nach ihrem BWL-Studium erst einmal Unterricht an einer Hauptschule. Foto: privat/dpa/tmn
Lena Löll hätte auch gleich in den angestrebten Beruf gehen können. Stattdessen gab sie nach ihrem BWL-Studium erst einmal...Foto: dpa-tmn

Lena Löll hätte sofort durchstarten, schnell viel Geld verdienen und Karriere machen können.

Mit Bestnoten hatte die BWL-Studentin die Uni verlassen. Doch statt sich einen gut bezahlten Job in der Wirtschaft zu suchen, ging die Betriebswirtin an eine Hauptschule. Dort arbeitete sie zwei Jahre lang mit Kindern, die Probleme mit dem Lernstoff hatten - für 1750 Euro brutto im Monat. „Teach First“ nennt sich die Initiative, die Top-Studenten nach der Uni an Problemschulen schickt. Nicht allen Lehrern ist diese Verstärkung recht, doch der Erfolg scheint der Initiative recht zu geben.

In den USA hat sich die Teach- First-Idee in den vergangenen 20 Jahren weit verbreitet. Dahinter steckt vor allem ein sozialer Gedanke: Wer in seinem Leben viel Glück hatte und zur Bildungselite zählt, hilft denen, die am unteren Ende der Gesellschaft stehen und kaum Zukunftsperspektiven haben. Mehrere tausend Uni-Absolventen machen jedes Jahr in den USA einen bewussten Bruch in ihrem Lebenslauf und gehen als sogenannte „Fellows“ an eine Problemschule.

In Deutschland gibt es Teach First seit zwei Jahren. Lena Löll zählte zu den ersten, die an dem Programm teilnahmen. „Ich hatte so viel Glück durch mein Elternhaus, bin beim Abitur und im Studium unterstützt worden. Deshalb wollte ich etwas zurückgeben und anderen helfen, die diese Unterstützung nicht erhalten“, erzählt sie.

Bei vielen „Fellows“ sei die Motivation ähnlich, sagt Ulf Matysiak, Geschäftsführer von Teach First Deutschland. Ihr Leben lang hätten sich die meisten auf ihre Karriere vorbereitet. Aber wenn sie dann nach der Uni eigentlich durchstarten könnten, entschieden sie sich für ein soziales Engagement. „Viele wollen nach dem Studium einmal ganz andere Erfahrungen sammeln und etwas Praktisches machen“, sagt Matysiak.

Rund 700 Bewerber gibt es in Deutschland jedes Jahr für die gut 50 Plätze. Neben Top-Noten erwartet Teach First von den Bewerbern auch, dass sie schon Erfahrungen im sozialen Bereich gesammelt haben – etwa als Mitarbeiter in Vereinen oder in Hochschul-Organisationen. Drei Monate lang bereitet die Organisation ihre „Fellows“ auf ihren Einsatz vor. Dann geht es an die Schulen. Lena Löll kam in die Hauptschule Ahornweg in Bergisch Gladbach. „Ich war direkt mit Herzblut dabei“, erinnert sie sich. „Der Einsatz ist kaum vordefiniert. Am Anfang haben sich erstmal alle zusammengesetzt und überlegt, was die Schule braucht und was ich mit meinem Profil bieten kann.“ Schließlich machte sich die Betriebswirtin mit den Schülern daran, einen Kiosk aufzubauen. Eine extra gegründete Schülerfirma kümmert sich nun um den Betrieb.

Aber auch beim Schulunterricht konnte sie schnell mitarbeiten. „Wir Fellows haben weniger fest eingeplante Stunden als Lehrer und sind dadurch sehr flexibel“, erzählt die 28-Jährige. Sie gab Nachhilfe, kümmerte sich um die Probleme einzelner Schüler. Und dabei ging es nicht nur um den Lernstoff. „Man kann sich zum Beispiel mal eine ganze Stunde mit einem Zehntklässler darüber unterhalten, wie seine Bewerbungen laufen, oder man geht seine Bewerbungsmappe durch.“ Trotzdem kamen die Fellows in Deutschland gerade am Anfang längst nicht überall gut an. Die Lehrergewerkschaften in einigen Bundesländern sahen die Teach-First-Kräfte als Konkurrenz und übten massive Kritik an dem Modell. Die Schüler bräuchten keine BWL- oder Jura-Studenten, sondern ausgebildete Lehrer, kritisierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin. Schulen seien kein Abenteuerspielplatz, auf dem angehende Manager „Social Scills“ erwerben könnten.

Der Bielefelder Pädagogik- und Psychologie-Professors Rainer Dollase hält diese Kritik für unberechtigt. Im Auftrag von Teach First und den beteiligten Bundesländern hat er das Programm an zehn Schulen untersucht. Sein Fazit über die „Fellows“: „Sie machen Lehrern keine Konkurrenz, sondern entlasten diese, weil sie Aufgaben übernehmen, zu denen den Schulen die Zeit fehlt.“ An den Schulen, die einen „Fellow“ abbekommen hatten, gab es auch bei den Schulleitern und den Lehrern viel Lob. Und ein Großteil der Schüler gab an, „sehr viel“ oder zumindest „einiges“ von den „Fellows“ gelernt zu haben.

Das sei auch das Wichtigste bei Teach First, betont Geschäftsführer Matysiak. „Die Zielgruppe sind nicht die Fellows, sondern die Schülerinnen und Schüler. Wer nur aus Karrieregründen in das Programm geht, der macht etwas falsch. Die Sozialkompetenzen kann man sich woanders sicherlich leichter besorgen.“ (dpa)

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