Zeitung Heute : Teams taugen nur mit guten Chefs

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Hohe Leistung, zufriedene Kunden, glückliche Mitarbeiter. Der Schlüssel, um all diese Ziele zu erreichen, heißt seit 25 Jahren Teamarbeit. Kein Geringerer als Management-Papst Peter F. Drucker hat dafür gesorgt, dass seit Mitte der 70er Jahre Befehlsketten zerschlagen, Stellenbeschreibungen abgeschafft und hierarchische Strukturen eingeebnet werden. Selbststeuernde Teams gelten als das Non-plus-ultra, Arbeitsteilung nach dem Befehl-und-Gehorsam-Prinzip des Wirtschaftswissenschaftlers Frederik W. Taylor (1856 - 1915) wird fast als "historischer Irrtum" gehandelt. Das neue Credo lautet: Kontrolle ist überflüssig.

Forschungen bestätigen, dass Druckers Botschaft in den Unternehmen gehört wurde. Das Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovation (ISI) in Karlsruhe hat 1999 für die Investitionsgüterindustrie herausgefunden: 73 Prozent der Unternehmen haben flache Hierarchieren oder arbeiten daran, 54 Prozent sind mit abteilungsübergreifenden Entwicklungsteams vertraut.

Doch plötzlich gibt es eine ganz neue Story. Und die wird ausgerechnet von dem erzählt, der den Mythos vom Team aufgebaut hat: Peter F. Drucker. Der inzwischen 90-jährige emeritierte Professor für Management der Claremont University in Kalifornien hat sein eigenes Gedankengebäude eingerissen und in seinem Buch "Management im 21. Jahrhundert" (Econ, München 1999, 272 Seiten, 58 Mark) zu einer ganz neuen Sicht von Teamarbeit aufgerufen. Der Appell des gebürtigen Österreichers hat für so viel Wirbel gesorgt, dass das Bonner Weiterbildungsmagazin "managerSeminare" Druckers Erkenntnis in der aktuellen Ausgabe die Titelgeschichte widmet. "Knock-out für Teamarbeit" heißt es da - oder auch: "Einzelkämpfer gesucht".

Das sind ganz neue Töne. Plötzlich werden die Schattenseiten von Gruppenarbeit entdeckt, plötzlich wird ein Hohes Lied auf das Individuum gesungen. Was Unternehmen vorantreibt, ist nach der neuen Erkenntnis Druckers "Nicht-Teamwork". Andere Hochschullehrer-Prominenz - wie beispielsweise der St. Gallener Managementprofessor Fredmund Malik - hat längst in das Konzert eingestimmt. Das überrascht nicht wirklich, denn sind Intrapreneure wie Ferdinand Piech (VW), Jürgen Schrempp (DaimlerChrysler) oder Sigram Schindler (Teles) etwa wegen ausgewiesenen Teamgeistes bekannt und erfolgreich geworden?

Wer an den Schalthebeln der Macht sitzt, hat dieses Ziel als Individuum erreicht. Bewertet werden immer Einzelleistungen - im Guten wie im Schlechten. Zeugnisse und Belohnungssysteme - von der Aktienoption bis zum Verbesserungsvorschlag - dokumentieren den Erfolg oder Misserfolg des Einzelnen und nur ganz selten das Team.

Selbststeuerung hin, Eigenmotivation her - auch Teams müssen geleitet werden. Das scheint schwierig zu sein. "managerSeminare" hat mit einer Leserbefragung herausgefunden, dass 84 Prozent der Mitarbeiter als gröbsten Fehler eines Teamleiters angeben: keine klare Aufgabenstellung. 76 Prozent sagen: kehren Konflikte unter den Tisch. Und 68 Prozent meinen: Chefs sind zu dominant.

Die Sozialpsychologen Günter F. Müller von der Universität Koblenz-Landau und Hans-Werner Bierhoff von der Ruhr-Universität Bochum haben noch etwas ganz anderes herausgefunden: Schlecht gelaunte Chefs machen alle Potenziale eines Teams kaputt. Die beiden Forscher haben 39 Projektgruppen in zwei Bildungseinrichtungen über vier Monate begleitet und das Stimmungsklima gemessen. Die Untersuchungsbefunde belegen eindeutig: Freiwilliges Engagement für das Projekt - etwa anderen zu helfen, Unterstützung bei der Arbeit anzubieten, zusätzliche Arbeiten zu übernehmen oder spontan für andere einzuspringen - ist auf emotionale Prozesse zurückzuführen. "Bemerkenswert" nennen die beiden Forscher, dass auch Führungsverhalten "auf dem Umweg über emotionale Prozesse wirksam" wird. In der Konsequenz bedeutet das: Projektgruppenleiter müssen in erster Linie Stimmungsmanager sein. Die Forscher haben ein aus 120 Beschreibungsmerkmalen bestehendes "Teamklima-Inventar" zusammen gestellt, das eine umfassende Diagnose gefühlsrelevanter Facetten der Teamarbeit ermöglichen und Führungskräften, Trainern oder Beratern Anhaltspunkte für gezielte Interventionen geben soll.Das "Teamklima-Inventar" kann für eine Schutzgebühr von 30 Mark bei Günter F. Müller bezogen werden: t 063 41 / 280 - 232

E-Mail: mueller@uni-landau.de .

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