Zeitung Heute : Technik, die begeistert

Im „ProMint-Kolleg“ sollen zukünftige Lehrer der Natur- und Technikwissenschaften besser ausgebildet werden – und neue fächerübergreifende Konzepte für den Unterricht entstehen

Ljiljana Nikolic
Errechnet. Schüler jeder Altersstufe sollen profitieren. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Errechnet. Schüler jeder Altersstufe sollen profitieren. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Naturwissenschaften sind unter Schülerinnen und Schülern in der Regel nicht sonderlich beliebt. Dabei werden Naturwissenschaftsbegabte händeringend gesucht: Die Wirtschaft klagt über Nachwuchsmangel. Die Didaktiker der Humboldt-Universität gehen das mangelnde Akzeptanzproblem jetzt an. „Wenn wir das Image der Naturwissenschaften verbessern wollen, müssen wir vor allem die Lehrerbildung in den so genannten MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, verbessern“, sagt Lutz-Helmut Schön, Physik-Didaktiker und Sprecher des kürzlich eröffneten „Humboldt-ProMINT-Kollegs“. Das Kolleg verfolgt genau dieses Ziel: die Ausbildung der zukünftigen Lehrer zu verbessern, aber auch mit Lehrern gemeinsam entwickelte Lehr- und Lernkonzepte in die Schule zu tragen.

Das Kolleg, das von der Deutsche Telekom Stiftung mitfinanziert wird, hat seinen Sitz im Johann-von-Neumann-Haus auf dem Campus Adlershof. Wenn man den Raum betritt, fällt als erstes ein großer Tisch ins Auge, an dem viele Menschen lebhaft diskutieren. Das Kolleg bringt Doktoranden aus den MINT-Fächern, sieben Lehrer von Berliner Schulen, von der Grund- bis zur Oberschule, Fachdidaktiker der Humboldt-Universität und studentische Hilfskräfte an einen Tisch. Jeder soll von dem Wissen des Anderen profitieren.

So werden Lehrer mit Fachdidaktikern Seminare für Studierende abhalten, freuen sich aber auch auf Einblicke in die neuesten Forschungsergebnisse. „Unser Konzept sieht vor, dass die Doktoranden fachliche Fragestellungen in enger Zusammenarbeit mit einem Lehrer bearbeiten“, sagt Schön. Doktorand und Lehrer bilden ein Tandem, das in nebeneinander liegenden Büros arbeitet. Die neuen Konzepte sollen anfangs in den Schulen der abgeordneten Lehrer zum Einsatz kommen.

„Was nützt ein neues Unterrichtsmodul, wenn es mehr als die Hälfte des vorgesehenen Zeitbudgets in Anspruch nimmt, der Lehrer aber noch neun andere Themen durchnehmen muss“, erklärt der Doktorand Harald Musold die Probleme mancher am Schreibtisch entwickelten Unterrichtsmaterialien. Musold möchte Physikmaterialien erarbeiten, die fächerübergreifend ohne größeren Aufwand eingesetzt werden. „Wenn wir in der Physik das Thema Auto bearbeiten, kommen ganz schnell chemische Aspekte ins Spiel.“

Nicht nur der fächerverbindende Ansatz ist bedeutend. „Es ist eine uralte Beobachtung, dass sich Naturwissenschaften in der 5. und 6. Klasse großer Beliebtheit erfreuen, mit dem Übergang in die Sekundarstufe das Interesse für die naturwissenschaftlich-technischen Fächer langsam aber sicher abnimmt“, sagt Fachdidaktiker Schön. Warum das so ist, daran scheiden sich die Geister. Ausschlaggebend ist auch, dass die Grundschulpädagogik in den vergangenen Jahren neue Wege beschritten hat. Schön vermutet, dass der stark fachorientierte Ansatz, der in der Sekundarstufe vorherrscht, manchem Schüler die Freude verdirbt.

Auch diese Frage wird untersucht. Mit einer neuen Lehrergeneration wird der Unterricht nicht automatisch lebendiger. Junge Lehrer gestalten ihren Unterricht so, wie sie ihn von ihren Lehrern erfahren haben. Viele machen dafür die universitäre Ausbildung verantwortlich, die einen geringen Praxisanteil enthält und auf das Beherrschen der Fachinhalte setzt. Aber Letzteres sieht Schön als Voraussetzung für eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Fachdidaktik. „Es geht nicht nur um mehr Praxis, sondern um mehr reflektierte Praxis, um das Finden von neuen, ansprechenden methodischen Ansätzen.“

Damit die Studierenden und Lehrer Impulse für ihre Arbeit bekommen, werden sie im Rahmen des Kollegs auch in den technologieorientierten Unternehmen in Adlershof hospitieren und sich von aktuellen, praxisorientierten Forschungsthemen inspirieren lassen.Ljiljana Nikolic

Mehr im Internet:

www.promint.hu-berlin.de

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