Zeitung Heute : Technik, die das Leben verändert

Die digitale Revolution hat Folgen für alle Bereiche der Gesellschaft. Was das für Arbeit und Alltag bedeutet.

Wolfgang Coy
Niemals allein. Das Internet verbindet Menschen, wo immer sie gerade sind. Die Relevanz des Wohnorts löst sich auf. Foto: Matthias Heyde
Niemals allein. Das Internet verbindet Menschen, wo immer sie gerade sind. Die Relevanz des Wohnorts löst sich auf. Foto: Matthias...Foto: alle Rechte

Dem Physik-Nobelpreisträger Nils Bohr wird der Satz zugeschrieben: „Prediction is very difficult, especially if it’s about the future.“ (Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen). Mit der technischen Entwicklung sind wir immer wieder an Umbrüche geraten, die die weitere gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung entscheidend verändert haben und die niemand in ihrer Gänze vorhergesehen hat. Im 19. und 20. Jahrhundert waren dies die Transportrevolution, zuerst durch die Eisenbahn, dann durch das Automobil; oder die Revolution der elektrischen Kommunikation, von Telegraf, Telefon, Rundfunk oder Fernsehen. Einzelne Erfindungen wurden gelegentlich vorhergesagt, die umfassenden gesellschaftlichen Auswirkungen blieben jenseits aller Vorstellungskraft.

Die vergangenen Jahrzehnte sind geprägt von einer digitalen Revolution, die, beginnend mit Konrad Zuses Rechenmaschinen, zu den allgegenwärtigen PCs auf den Schreibtischen führte, gefolgt von ihrer Vernetzung durch das Internet und der persönlichen Zuordnung von Rechnern mittels Mobilfunk als Smartphones und Tablets. Das Internet verbindet so nicht nur Arbeitsplätze und Wohnungen, sondern Menschen, wo immer sie gerade sind. Wir sind zu beweglichen Knoten des Internets mit eigenen IP-Adressen geworden – überall und zu jeder Zeit erreichbar. Informatik hat eine Fülle von Kombinationen von Hardware und Software zu Systemen, Algorithmen und Programmen zu Anwendungen, Organisationen und Prozessen zu neuen Nutzungen und Umgangsformen erzeugt. Die großen Entwicklungslinien der Informatiksysteme erweisen sich dabei als „enabling technologies“, als Techniken, die neue Techniken und Verwendungen ermöglichen – enorme Quellen der Innovation.

Mikroelektronik und Informatik lassen diese Technik allgegenwärtig erscheinen – und gleichzeitig unsichtbar, „transparent“ werden. Sie wird „mobil, lokal und sozial“, wenn man auf die Werbung der Industrie hört. Freilich heißt „mobil“ zuerst einmal, überall und jederzeit erreichbar zu sein. Dass dabei so nebenbei die Trennung von Arbeit und Freizeit nicht nur gelockert, sondern für viele aufgehoben wird, ist ein Effekt, der meist erst bewusst wird, wenn der Eingriff in die früher freie Zeit den Chefs und Kunden als völlig selbstverständlich erscheint. Auch das Versprechen der digitalen Lokalisierbarkeit heißt letztlich, Wohn- und Postadressen durch den jederzeit erreichbaren Aufenthaltsort zu ersetzen. Dagegen hülfe nur noch, die Geräte auszuschalten, aber dann verpasste man eventuell einen ersehnten Anruf (fortgeschrittene Technik erlaubt immerhin das positive Ausfiltern eingehender Anrufe). Die Sprechweise von den „sozialen Netzwerken“ führt schließlich völlig in die Irre, denn hier ist „sozial“ nicht so zu interpretieren wie etwa beim „sozialen Netz“; es wird wohl besser mit „gesellig“ wie beim Rockkonzert oder im Fußballstadion übersetzt. Noch irritierender mag die Umwertung des Begriffes „Freund“ erscheinen, wie sie Facebook vornimmt.

Wir haben es also mit gewaltigen Brüchen in unserer Lebens- und Arbeitswelt zu tun. Und dieser Prozess ist keineswegs abgeschlossen, denn mittels Smartcards, Funketiketten und RFIDs werden um die digital vernetzten Menschen herum auch die Orte und Dinge mit Netzadressen versehen.

Informatikforschung, wie sie an der Humboldt-Universität betrieben wird, baut solche Brücken zwischen den Bauelementen aus Verfahren, Algorithmen, Software und Hardware hin zu einsetzbaren Systemen, aus denen ein „Internet der Dinge und der Menschen“ entstehen kann, das der realen Welt eine digitale virtuelle Welt überstülpt. Wir erleben künftig eine Verdoppelung der sinnlich wahrnehmbaren Umgebung durch ein unsichtbares digitales Netz der Informationen, die diese reale Welt abbildet. Und es sind nicht bloß Informationen, denn die mannigfaltigen Verbindungen des Internets greifen ihrerseits in die reale Welt ein: Sie öffnen oder schließen Türen, buchen Geld ab oder informieren unseren Arbeitgeber darüber, wo wir uns gerade befinden.

Dies wird unüberschaubare Folgen haben – und wie es bei einer fortgeschrittenen Technik zu erwarten ist, werden uns manche gefallen und andere nicht. Zu den hilfreichen Auswirkungen mögen Monitorsysteme gehören, die unseren Gesundheitszustand beobachten und uns auf Wunsch Daten über unseren körperlichen oder mentalen Zustand mitteilen, also neue Wege zu Fitness und Gesundheit eröffnen. Neu ist auch der Zugriff auf umfassende Informationen über unsere unmittelbare Umgebung: Wo ist das nächste Kino? Wo ist die billigste Tankstelle in der Nähe? Wo sind unsere Bekannten? Wo hab ich meine Schlüssel liegen lassen?

Zu den weniger angenehmen, aber absehbaren und vermutlich unvermeidlichen Entwicklungen wird der lokale Spam gehören – Hinweise auf unwiderstehliche Einkaufsmöglichkeiten, Gutscheine, Werbeangebote und Fast- Food-Restaurants um die Ecke.

Doch nicht nur unser Alltag als Konsumenten wird sich radikal verändern, denn die neuen Techniken greifen auf breiter Front in fast alle menschlichen Tätigkeiten ein. Auch die Arbeitsweisen der Wissenschaft bleiben davon nicht unberührt. Neben ihren Eckpfeilern, der (vorzugsweise mathematischen) Theoriebildung und dem Experiment werden Modellbildung und Simulation mehr und mehr zur alltäglichen Arbeitsweise der Naturwissenschaften und der Technik. Das ist ein Ergebnis der Forschung und Entwicklung in der Informatik, die ihre originären Methoden und Instrumente in andere Wissenschaften exportiert. Der Umgang mit großen Datenmengen verändert gewiss nicht nur die experimentellen Wissenschaften, sondern nahezu alles, von der Analyse großer literarischer Textcorpora bis zur Analyse riesiger Messwertsammlungen in der Meteorologie oder den Geowissenschaften.

Data Driven Science ist die konsequente Fortführung des Data Mining, der Auswertung von Datenbeständen nach nicht direkt erfassten Beobachtungen und Trends. Dies ist ein Teil der E-Science, die nicht nur den Zugriff auf riesige eigene Datenmengen im Auge hat, sondern in der ebenso der Zugriff auf weltweit verfügbare, weil durch Open Access und mittels Open Source Software bereitgestellte Informationen in Bibliotheken, Akademien und Universitäten zum Alltag wird.

Parallel zu dem globalen Austausch wird die Zusammenarbeit von Arbeitsgruppen, die am gleichen Thema arbeiten, über die digitale Vernetzung erleichtert und intensiviert. Wissenschaft verlässt den lokalen Elfenbeinturm, Netze verbinden die Orte der Wissenschaft – und vielleicht entsteht ein Netz, bei dem Humboldts Parole von der „Einsamkeit und Freiheit“ des Forschers zu einer weltweiten Wissenschaft in „Gemeinsamkeit und Freiheit“ führt.

Der Autor ist Professor für Informatik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er leitet die Arbeitsgruppe „Informatik in Bildung und Gesellschaft“.

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