Zeitung Heute : Techniker, die auch wirtschaften können

THOMAS MERSCH

"Früher gab es schon mal Probleme mit der Akzeptanz von Wirtschaftsingenieuren. In manchen Abteilungen fragten die Verantwortlichen: Sind das überhaupt richtige Ingenieure?" Ein Vorurteil, das längst überholt ist, so Roland Schneider, Leiter Personalmarketing bei der Ford-Werke AG in Köln. "Mittlerweile hat es sich rumgesprochen: Es sind echte Ingenieure, und es sind echte Wirtschaftswissenschaftler." Und diese doppelte Qualifikation macht sich für Wirtschaftsingenieure zunehmend bezahlt. "Dank ihrer interdisziplinären Ausbildung können sie leichter zwischen Unternehmensbereichen wechseln und umfassend Erfahrung sammeln. Deshalb rechne ich bei Wirtschaftsingenieuren auch zukünftig mit exzellenten Karrierechancen."Gute Perspektiven für Wirtschaftsingenieure beim Sprung in die Führungsebenen bestätigt auch die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt am Main. "Sie wurden im vergangenen Jahr wesentlich häufiger für die Unternehmensleitung und die technische Leitung gesucht als andere Ingenieure", sagt ZAV-Experte Wolfgang Henniger. Die Zentralstelle registrierte nach dem Aufschwung der vergangenen Jahre eine weitere Belebung auf dem Arbeitsmarkt für Wirtschaftsingenieure: "Die Lage war erneut sehr gut. Es gab auch insgesamt deutlich mehr Stellenangebote als im Vorjahr." Die Zahl der arbeitslosen Wirtschaftsingenieure verringerte sich im vergangenen Jahr um 14 Prozent auf 2500."Wirtschaftsingenieure sind begehrt, weil sie mit technischen und kaufmännischen Sachverhalten gleichermaßen gut zurechtkommen", sagt Henniger. Die stärksten Impulse kamen laut ZAV aus der Elektroindustrie sowie dem Fahrzeug- und dem Maschinenbau - sie machten zusammen mehr als ein Drittel der gesamten Offerten aus. Lebendige Nachfrage hat es laut Henniger auch bei der IT- und der Telekommunikationsbranche gegeben. Zudem hätten die Beratungsgesellschaften ihren Bedarf erhöht - sie beschäftigen inzwischen mehr als ein Fünftel der Wirtschaftsingenieure. Neben dem technischen und betriebswirtschaftlichen Know-how legten die Unternehmen zunehmend Wert darauf, daß auch rechtliche Fragen eingeschätzt werden könnten. Versicherungen schließlich fragten Wirtschaftsingenieure für Risikoanalysen nach, außerdem, um Programme zur Schadensvorsorge zu entwerfen und Industriekunden zu beraten. In der Industrie selbst bezog sich der Großteil der Offerten auf Vertrieb und Marketing, Materialwirtschaft und Logistik.Die Ford-Werke setzten, so Personalmann Schneider, Wirtschaftsingenieure vor allem an den Schnittstellen zwischen technischen und kaufmännischen Bereichen ein. Besonders im Einkauf, Marketing und Vertrieb sowie in der Produktentwicklung seien die doppelt Qualifizierten gefragt. Der Trend zum Interdisziplinären werde sich laut Schneider weiter verstärken: "Es reicht meist nicht mehr, Spezialist in einem Bereich zu sein."Die hohe Flexibilität könnte den Wirtschaftsingenieuren vor allem dann nutzen, wenn auf die Wirtschaft wieder schwerere Zeiten zukommen. Derzeit sorgt der allgemeine Ingenieurmangel für einen insgesamt entspannten Arbeitsmarkt. Wie schnell sich die Lage ändern kann, zeigte sich jedoch Anfang der 90er Jahre: Viele Industrieunternehmen verschlankten ihre Unternehmen und bauten massiv Stellen ab - auch bei Ingenieuren und Führungskräften. "Wirtschaftsingenieure sind universeller einsetzbar und damit krisenfester", sagt Robert Kleinevoss, Mitglied der Geschäftsführung der Düsseldorfer Personal- und Unternehmensberatung PA Consulting Group. "Das setzt aber auch voraus, daß die Leute keine Berührungsängste mit dem Vertrieb haben."Kleinevoss sieht die besten Chancen für Wirtschaftsingenieure derzeit in der Investitionsgüter- und Maschinenbauindustrie. "Sie sind vor allem dann gesucht, wenn es um kommerzielle Güter geht", sagt der Personalberater. Zwar entscheide weniger der Studienabschluß als die Persönlichkeit darüber, wer für eine Führungsposition in Frage komme. Ein Vorteil für die Wirtschaftsingenieure sei jedoch, "daß sie von vornherein ein breiteres Interesse mitbringen".Auch beim Gehalt der Führungskräfte werde "nicht mehr differenziert, welchen Studienhintergrund der Betreffende hat", sagt Holger Scheepers von der Kienbaum Vergütungsberatung in Gummersbach. Für die zweite Führungsebene im Vertrieb berechnete das Consulting-Unternehmen branchenübergreifend einen Schnitt von 183 000 Mark pro Jahr. Die Gesamtleitung des Außendienstes kommt auf jährlich 223 000 Mark. Zum Vergleich: Ein Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung kommt nach den Erhebungen von Kienbaum auf exakt den gleichen Schnitt.Professor Hartwig Steffenhagen, Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen ist alljährlich Zeuge des wachsenden Bedarfs an Wirtschaftsingenieuren - sie werden in Aachen auch an seinem Lehrstuhl ausgebildet. "Die meisten haben schon eine Stelle, bevor sie die Ergebnisse ihrer Diplomprüfungen bekommen", sagt Steffenhagen."Die Unternehmen verlangen mehr und mehr, daß die Ingenieure das kaufmännische Handwerkszeug mitbringen", sagt Steffenhagen, der in Aachen den Lehrstuhl für Unternehmenspolitik und Marketing hält. Viele Ingenieure müßten die BWL-Kenntnisse zur Not in betriebsinternen Seminaren nachholen. "Wer sich dieses Wissen vor dem Eintritt in das Berufsleben verschafft hat, braucht nicht nachzuarbeiten", berichtet Steffenhagen.An seiner Fakultät wird weiter an der Ausbildung der Wirtschaftsingenieure gefeilt. Das Studium - es schließt sich an die Ingenieurausbildung an - wurde gestrafft, damit es in höchstens vier Semestern abgeschlossen wird. "Die Leute sollen beim Einstieg nicht zu alt sein", sagt der Professor. Andere Universitäten schaffen das, indem die Studenten Ingenieurwesen und Wirtschaftswissenschaften parallel studieren.Einen entscheidenden Vorteil erarbeiten sich die Wirtschaftsingenieure auch gegenüber reinen Kaufleuten. "Es ist für Nicht-Ingenieure schwieriger, sich in die technische Materie einzudenken", sagt Steffenhagen. "Das technische Verständnis kann ein enormer Wettbewerbsvorteil sein." Auch bei Consulting-Firmen seien die Chancen gut, wenn es um die Beratung von Industriekunden gehe. Für selbständige Wirtschaftsingenieure sieht Steffenhagen das größte Potential, wenn sie sich als Anbieter von IT-Lösungen etablieren wollen.Auch zukünftig erwartet der ZAV-Arbeitsmarktexperte Wolfgang Henniger für die Wirtschaftsingenieure eine gute Konjunktur - gerade für die Top-Positionen. Eine Gruppe von Ingenieuren mit wirtschaftlichem Zusatzstudium macht der Zentralstelle allerdings Probleme: Die über 55 Jahre alten Wirtschaftsingenieure schaffen - wenn sie arbeitslos gemeldet sind - nur schwer den erneuten Einstieg in die Arbeitswelt. "Das liegt auch daran, daß die Ingenieur-Ökonomen aus den ehemaligen GUS-Staaten einen recht großen Anteil von ihnen ausmachen", sagt Henniger. "Für sie ist die Stellensuche nicht nur schwierig, weil sie nicht gut genug Deutsch sprechen. Auch die Ökonomie-Kenntnisse sind wenig brauchbar." HB

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