Zeitung Heute : Technische Redakteure entscheiden, ob Produkte zur Lust oder Last werden - drei Ausbildungswege

Walter Schmidt

"Nur mit Fabrik stellen Sie videomodus kann diese Funktion verwenden ein" - viele Kundeninformationen sind satireträchtig. Doch das Lachen darüber bleibt im Halse stecken, wenn der Anrufbeantworter oder der Rasenmäher nicht oder nur eingeschränkt zu bedienen ist, weil die Betriebsanleitung unverständlich ist. Oder wenn der Beipackzettel eines Medikamentes verschleiert statt erklärt, welche Allergien das Schlucken einer Pille verbieten.

"Gebrauchsanweisungen müssen sein wie die Bergpredigt - jeder muss sie verstehen können", sagt Gerd Götz vom Hifi-Geräte-Hersteller Philips. Sein Wort in Gottes Ohr! Oder vielleicht besser in das der so genannten Technischen Redakteure. Sie sind gesuchte Leute und ihre Arbeit ist enorm wichtig. Denn sie entscheidet darüber, ob Produkte zur Lust oder zur Last werden - und zwar beileibe nicht nur für den Käufer.

Zum Glück werden Gebrauchsanleitungen immer seltener, die von irren Übersetzungs-Programmen stammen. "Die sind in den letzten Jahren immer besser geworden", urteilt Godehard Pötter, Sachverständiger für technische Verbraucher-Information in Recklinghausen. "Schlimmer sind die Fehler in Anleitungen, die so tun, als seien sie auf Deutsch verfasst". Was zum Beispiel soll sich ein Verbraucher unter "Aktivieren Sie die Dienste!" vorstellen? Ein großes Übel sei, dass Anleitungen "oft an der Zielgruppe vorbeigehen", sagt der Experte. Technische Redakteure müssten deshalb unbedingt zweierlei beachten: das Sprachvermögen der Käufer und deren Gefahrenbewussstein.

"Der gebräuchliche Wortschatz eines durchschnittlichen Erwachsenen ist nach Untersuchungen von Sprachforschern in den letzten 25 Jahren von etwa 1700 auf 1300 Wörter gesunken", führt Pötter aus - ein Rückgang um ein knappes Viertel. Schuld daran sei die moderne Informationsflut, die das Zusammenspiel beider Hirnhälften überlaste. Zudem gebe es in Deutschland etwa 15 Prozent sekundäre Analphabeten, die Lesen und Schreiben zwar gelernt, dann mangels Übung aber wieder verlernt hätten.

Auch das Wissen um mögliche Gefahren ist zentral für einen sicheren Umgang mit Geräten. "Vor 50 Jahren wussten die Leute noch nicht unbedingt, dass elektrischer Strom gefährlich sein kann", sagt Pötter. Doch Wissen kann auch schwinden - etwa das des Mikrowellen-Kochs um giftige Pilze.

"Technische Redakteure müssen Gefahren vorausahnen", sagt Jens Oliver Kystof, selber einer aus der Zunft. Für sie bietet der Arbeitsmarkt in einer zunehmend technisierten und komplexen Welt große Chancen. Claus Noack, Vorsitzender der Gesellschaft für technische Kommunikation (tekom) in Stuttgart, schätzt, dass derzeit von 15 000 offenen Stellen für Technische Redakteure auszugehen ist. Und jährlich kämen 1 000 hinzu, vor allem in den Bereichen Software, Telekommunikation und Automobile.

Unternehmen sind gut beraten, an guten Produkt-Infos nicht zu sparen. Das Produkthaftungs- und das Produktsicherungsgesetz legen fest, dass die Benutzer-Information "Bestandteil" des Erzeugnisses ist. Wenn die Produkt-Info fehlt, leitet sich daraus laut Pötter ein Rechtsanspruch auf Geldrückgabe, Preisminderung oder Umtausch in vollständige Ware ab. Und nicht nur das: "Wenn etwa nicht ausdrücklich und verständlich beschrieben ist, dass man ein Gerät nicht unter brennbaren Materialien wie Gardinen aufstellen soll und das Haus in Flammen aufgeht, dann muss der Hersteller meist zahlen", sagt der Sachverständige. Gut ausgebildete Technische Redakteure könnten dies verhindern.

Doch was zeichnet "gute" Vertreter der Zunft aus? Laut Pötter kommen sie ohne Technikverständnis nicht aus, "doch sie sollten keine Techniker sein, das wäre hinderlich". Gebrauchsanleitungen sollen schließlich nicht aufführen, "was ein Gerät alles kann", sondern was der Kunde davon hat. Die Europäische Union hat die Anforderungen an gute Gebrauchsanweisungen und die Gesetze zum Verbraucherschutz deutlich verschärft. Was zu leisten ist, wissen Technische Redakteure erst nach sorgfältiger Ausbildung. Drei Wege sind gängig: Erstens kann sich technisches Personal in Kursen privater Anbieter weiterbilden lassen, die in der tekom organisiert sind. Zweitens bieten die selben oder andere private Institute mehrmonatige Lehrgänge an. Und drittens steht Interessenten ein achtsemestriges Studium an Fachhochschulen offen. In der Regel studieren die Aspiranten vier Semester Maschinenbau- oder Elektrotechnik und weitere vier Semester "technische Dokumentation".Eine Übersicht über Ausbildungswege gibt die tekom-Internetseite unter www.tekom.de .

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