Zeitung Heute : Teenager in Extremzuständen

SOPHIENSAELE Johannes Müller kreuzt in „Cheap Blood (199)“ Barock und Broadway – das Bild vom romantischen Selbst kollidiert hier mit der brutalen Wirklichkeit

PATRICK WILDERMANN
Die Sängerin Cora Frost darf bei dieser Musiktheaterproduktion mal eine ganz andere Seite zeigen.
Die Sängerin Cora Frost darf bei dieser Musiktheaterproduktion mal eine ganz andere Seite zeigen.

Für den gewöhnlichen Betrachter haben Barock und Broadway erst mal wenig miteinander zu tun. Für Johannes Müller sind die Parallelen offensichtlich. Der übersteigerte Ausdruck, wie man ihn von Barockgemälden kenne – gen Himmel verdrehte Augen, flehende Hände –, der finde durchaus seine Entsprechung, so erklärt er, im üppigen Effektgewitter der großen Broadway-Shows mit ihren permanent rotierenden Bühnen, ihrer ins Extrem getriebenen Künstlichkeit. Und damit sind wir schon mitten im funkelnden Kosmos seiner aktuellen Musiktheater-Inszenierung „Cheap Blood (199)“, die als wilder Genrebastard Motive aus Broadway-Produktionen mit barocken Klängen mischt.

Zum Beispiel trifft „Carrie – Das Musical“ nach Stephen King, der größte Kassenflop aller Zeiten, auf Bachs Kantate 199, „Mein Herze schwimmt im Blut“. Was wiederum – abgesehen davon, dass es in beiden Fällen blutig zugeht – eine Gedankenklammer hat, die Müller „Teenager in Extremzuständen“ nennt. Das war überhaupt die Ursprungsidee seiner Produktion: etwas über Jugendliche zu machen, die sich ins Koma saufen, um ein Selbsterlebnis zu haben, die im radikalsten Fall Amok laufen. So findet nun in den Bach-Arien über die Schuldbeladenheit und das Ringen mit sich selbst die klassische Teenage-Depression Ausdruck, während sich im Broadway-Gesang, wie Müller sagt, als Gegenpol die „pubertäre Hybris und Prom-Night-Stimmung“ entlade. Und das alles erzählt der Regisseur in einem derart gut gelaunten Assoziationsfuror, dass keine Zweifel an der Plausibilität seines Projekts aufkommen.

Johannes Müller, Absolvent der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler und Mitbegründer des freien Musiktheaterensembles „Oper Dynamo West“, ist ein Spezialist für ästhetische Grenzgänge und erhellende Genre-Clashs. In seiner Diplominszenierung „Der Teufel in Frau Jones“ kombinierte er Musicals mit einem Pornoklassiker, angestoßen durch das Buch einer Filmwissenschaftlerin, die eine Vielzahl von Parallelen zwischen beiden Gattungen entdeckt hatte. In „Frauenliebe, inc.“ konfrontierte er Robert Schumanns Liederzyklus „Frauenliebe und -leben“, dieses „hyperspießige Frauenbild aus dem Poesiealbum“, mit der Geschichte der Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried aus dem 18. Jahrhundert, die Männer in Serie kaltgemacht hat, außerdem mit der Biografie der amerikanischen Haushaltswaren-Magnatin Martha Stuart – ein Emanzipations-Zerrspiegel der besonderen Art.

Müller ist es wichtig, dass sich die Teile seiner Collagen gleichberechtigt begegnen, nur so entstünde Neues. Sicher, die eigenwilligen Erkundungen, die er auch in „Cheap Blood (199)“ mit einem Ensemble aus Schauspielern, Performancekünstlern und Sängern unternimmt, stoßen im etablierten Opernbetrieb bisweilen auf Stirnrunzeln. Dabei nimmt er sein Metier im Grunde viel ernster, als es die braven Aktualisierer tun: „Man muss das klassische Musiktheater nicht schonen“, so Müllers Philosophie, „es kann sich gegen die Alltagskultur von heute gut verteidigen.“ PATRICK WILDERMANN

Premiere 1.5., 20 Uhr

Vorstellungen 2., 5., 14. und 15.5., jeweils 20 Uhr

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