Zeitung Heute : Teenagerliebe

Oliver Heilwagen

Meine erste Begegnung mit der Gruppe "Die Ärzte" 1987 war beinahe konspirativer Art. Für meinen minderjährigen Bruder sollte ich in einem Plattenladen ihre LP "Ab 18" erstehen. Der Verkäufer verlangte nach dem Personalausweis; dann zog unter dem Tresen ein rabenschwarzes Cover hervor und verstaute es in einer dunklen Plastiktüte. Popmusik als Bückware, die diskret verpackt wird wie ein Pornoheft? Das war mir neu.

Damals waren die Ärzte "die meistindizierte Band der Welt", erfährt man aus Markus Kargs Biografie der erfolgreichsten Musiker, die Berlin je hervorgebracht hat. Der Leiter des offiziellen Ärzte-Fanclubs hat seinen Arbeitgebern ein monumentales Werk gewidmet: Mit fast 500 Seiten im DIN-A4-Format und rund 2500 Abbildungen entspricht es in Umfang und Ausstattung solchen Ungetümen wie der "Chronik des 20. Jahrhunderts" oder Konversationslexika in einem Band. Das rechtfertigt auch den stolzen Preis von 98 Mark. Aber Anhängern, die auf dem Schwarzmarkt mehrere hundert Mark für eine Konzertkarte bezahlen, wird auch das nicht zu teuer sein.

Denn sie erhalten dafür eine Enzyklopädie: Nicht nur der Gruppe selbst, sondern auch des gesamten Berliner Undergrounds der achtziger und neunziger Jahre. Nahezu alle, die in ihm Rang und Namen hatten, treten auf und kommen zu Wort. Die Ärzte sind aus der hiesigen Punk-Szene hervorgegangen und haben den Kontakt zu ihren einstigen Sing- und Trinkkumpanen nie abgebrochen. Das verschaffte ihnen die nötige street credibility, als sie sich gegen den Vorwurf des kommerziellen Ausverkaufs wehren mussten. 1984 bildete die Zeitschrift "Bravo" die Band erstmals auf dem Titel ab, obwohl sie noch keine Debüt-LP veröffentlicht hatte. Viele hartgesottene Lederjackenträger wandten sich mit Grausen ab: Offenbar sollten die Ärzte als Teenie-Stars aufgebaut werden.

Das gelang. Jahrelang blieben sie Dauergäste auf den Seiten der Backfisch-Postille, deren Leser ihre Platten millionenfach kauften. Bis die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften einschritt: Wegen Liedzeilen über Inzest und Sodomie landeten die Tonträger der Ärzte auf dem Index. Glaubt man ihrem Biografen, waren die beanstandeten Texte nicht cleverem Marketing-Kalkül entsprungen, sondern einfach Ausdruck ihres überschwänglichen Pennälerhumors. Jedenfalls distanzierte sich ihre Plattenfirma CBS von ihnen und die Absatzzahlen brachen ein. Bei Konzerttourneen machten ihnen Behörden, die Auftritte verbieten wollten, das Leben schwer. Entnervt lösten der Gitarrist Farin Urlaub und der Schlagzeuger Bela B. das Trio, dessen wechselnde Bassisten stets austauschbare Anhängsel waren, 1988 vorläufig auf.

Aber beider Soloprojekte verliefen im Sande. 1993 formierten sie mit dem Bassisten Rod abermals die Ärzte. Seither eilen sie von Triumph zu Triumph. Jedes ihrer Alben klettert auf obere Platzierungen in den Charts, die meisten Single-Auskopplungen werden Hits. Inzwischen haben sie ihre ewigen Rivalen im deutschsprachigen Funpunk, die Toten Hosen aus Düsseldorf, in der Gunst des Publikums längst überrundet. Fragt man nach dem Geheimnis ihres Erfolgs, fällt auf, dass die Ärzte schreiende Gegensätze unter einen Hut bekommen.

Beide Gründungsmitglieder könnten unterschiedlicher kaum sein: Farin Urlaub ist ein Abstinenzler und Vegetarier, Bela B. ein Alkohol- und Drogenexzesse auskostender Freak. Ähnlich ihre Musik: Jede neue Platte entpuppt sich als Wundertüte mit unvorhersehbarem Inhalt. Virtuos eignen sich die Ärzte verschiedene Stile und Themen an. Ihr Spektrum reicht von deftigen Unterleibswitzen bis zum politisch korrekten Problemsong. Das erschließt ihnen immer neue Hörerkreise: Rebellion für das Kinderzimmer, gefällige Weisen für die Hitparade. Sie wirken daher nicht peinlich, wenn sie in Liedern wie "Schrei nach Liebe" das Psychogramm eines Skinheads entwerfen oder in "Männer sind Schweine" sich über die eigene Schwanzfixiertheit lustig machen.

Ihr Pendeln zwischen Protestattitüde und Massenkompatibilität zeichnet Buchautor Karg detailliert nach. Er gibt sich redlich Mühe, kritische Stimmen zu sammeln, wird aber meist von der Bewunderung für seine Idole überwältigt. Doch dem Fan bietet der sorgfältig und liebevoll aufgemachte Band alles, was sein Herz erfreut: Den Werdegang der Band von Tag zu Tag, ausführliche Diskografien und Pressespiegel sowie Fotos in jedem denkbaren Ausmaß. Damit wird dieses Kapitel der Medizingeschichte erschöpfend abgehandelt.

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