Zeitung Heute : Tegernseer Tal: Kinder und Enkel werden auf Warteliste gesetzt

Paul Winterer

Alt-Playboy Gunter Sachs hält hier Hof, den Devisenbeschaffer der Ex-DDR, Alexander Schalck-Golodkowski, zog es gleich nach der Wiedervereinigung dorthin, und Metro-Multi-Milliardär Otto Beisheim nennt schon lange eine noble Villa im mondänen Rottach-Egern sein eigen: Das Tegernseer Tal als erste Adresse für feines Wohnen zieht seit jeher die "Reichen und die Schönen" an. Zu den zahlreichen Vertretern des Geldadels dürften bald neue hinzukommen: Die Orte rund um den Super-See haben soeben ihren Nahezu-Baustopp aufgehoben. Naturschützer befürchten, dass neue Luxus-Landhäuser mit Seeblick wie Pilze aus dem Boden schießen und die schöne Landschaft am Alpenrand verschandeln.

Für weniger als 1000 Mark pro Quadratmeter geht Bauland schon lange nicht mehr weg in der 50 Kilometer südlich von München gelegenen Urlaubsregion. Immer mehr einheimische Bürger mit normalem Einkommen zogen angesichts der horrenden Grundstückspreise in preisgünstigere Gegenden. Das Tegernseer Tal wurde so zum Tummelplatz der Millionäre, die sich gegenseitig mit sündhaft teuren Ferienhäusern und Altersruhesitzen übertrafen.

Über die Planungshoheit der Kommunen war dieser Entwicklung nicht mehr beizukommen. Da kam den Bürgermeistern rund um den Tegernsee - seit der Nazi-Diktatur spöttisch auch "Lago di bonzo" genannt - gerade recht, dass die örtliche Kläranlage nur eine begrenzte Menge Abwasser aufnehmen kann. Wenn schon über das Baurecht den Begehrlichkeiten überwiegend norddeutscher Neureicher nicht beizukommen ist, dann wenigstens über deren Dreck, hieß seitdem die Devise in den Rathäusern. Es gab folglich nur noch wenige Baugenehmigungen. Wer die Hoffnung aufs Eigenheim mit Bergblick trotzdem nicht aufgeben wollte, musste sich auf eine lange Warteliste für frei werdende Abwasserwerte setzen lassen. Durch eine verbesserte Reinigungsleistung der Kläranlage und durch umweltbewussteres Verhalten der Bürger sind nun jedoch fast 6000 zusätzliche Abwassereinheiten vorhanden. Die Folge: Nicht nur alle Baubewerber auf der Warteliste können sofort zufrieden gestellt werden.

"Es stehen darüber hinaus auch noch Abwasserwerte für eine weitere maßvolle bauliche Entwicklung im Tegernseer Tal zur Verfügung", ließen die fünf Bürgermeister von Rottach-Egern, Bad Wiessee, Tegernsee, Kreuth und Gmund dieser Tage in einer gemeinsamen Erklärung wissen. Mehr noch: Die Rathauschefs erhoffen sich davon "eine Verbesserung der strukturellen Entwicklung des Tegernseer Tales". Sie zielen vor allem auf den Tourismus, stagniert doch seit Jahren ringsum die Zahl der Urlauber.

Der Vorsitzende des Abwasser-Verbandes, Gmunds Bürgermeister Georg von Preysing (CSU), erläutert, nun liege es an den Gemeinden, über rechtliche Maßnahmen, wie zum Beispiel Flächennutzungspläne, einem drohenden Bauboom entgegenzusteuern. "Rund die Hälfte der Abwasserwerte auf der Warteliste betreffen ohnedies nur Umbauten oder Erweiterungen bestehender Häuser", so der Verbandschef. Und mindestens ein Drittel der Bittsteller wolle vorerst gar nicht bauen, "sondern hat sich nur für die Kinder oder Enkel auf die Liste setzen lassen", wiegelt Preysing Befürchtungen ab.

Alles andere als rosig sieht dagegen die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal die neue Entwicklung. Allein im Nobel-Kurort Rottach-Egern bestehen nach Berechnungen der Naturschützer an die 300 Baulücken, die demnächst mit protzigen Landhäusern gefüllt werden dürften. Die Organisation befürchtet, in den nächsten Monaten werde eine regelrechte Lawine von Bauanträgen auf die See-Gemeinden zurollen. Die Architekten haben die Lineale zum Zeichnen neuer Pläne jedenfalls schon wieder griffbereit. Ralf Robert Mundel vom Rottacher Büro "Bau & Plan": "Die Nachfrage ist da. Und ich hoffe doch sehr, dass sich nun endlich etwas bewegt."

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