Zeitung Heute : Teilabschnitte

Robert Ide

Wie ein Ostberliner die Stadt erleben kann

Der Aufbau Ost geht voran, das sieht jeder, der es sehen will. Allein an der Kreuzung vor der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg wird seit zehn Wochen gebuddelt. So schafft man nachhaltig Arbeitsplätze.

Zuerst wurden die Bürgersteige aufgerissen und neu asphaltiert. Weil die Wegplatten und Poller aus China kamen und die Holzkisten, in denen sie im Hamburger Hafen anlandeten, erst desinfiziert und von riesigen Spinnen befreit werden mussten, zog sich die Sache eine Weile hin. Ein typisches Störmanöver des dahinsiechenden Kommunismus! Das ist jetzt sechs Wochen her (der Tagesspiegel berichtete), seitdem wurde kräftig in die Hände gespuckt. Das Ergebnis kann sich bereits auf zwei von vier Straßenecken sehen lassen: Eine blühende Gehweglandschaft wartet auf Benutzung. Betreten darf sie allerdings niemand, überall stehen Absperrzäune. Denn inzwischen gibt es ein neues Problem: Der Abriss Ost kommt nur schleppend voran.

Seit zehn Tagen ist der Straßenverkehr teilweise – oder wie es in der Sanierersprache heißt: in Teilabschnitten – gesperrt. Doch der Mann, der die Straße aufbrechen sollte, hing mit seinem Pressluftbagger angeblich an einem anderen Schauplatz des Baubooms fest. Vorgestern kam er dann doch und riss eine Stunde lang einen winzigen Streifen Straße auf. Danach machte er Pause, rauchte, las Zeitung – und fuhr wieder davon. Der Straßenstreifen soll nun neu asphaltiert werden, später wird der Rest der Kreuzung in Teilabschnitten bearbeitet. Wenn in China niemand etwas dagegen hat, dürfte zur 800-Jahr-Feier Berlins alles fertig sein.

Die Baustelle hat bereits eine gewisse Berühmtheit erlangt. Am Einheitsfeiertag kam ein Touristenbus, hielt vor den Absperrungen und entließ drei Dutzend Menschen. Sie fotografierten die aufgerissene Straße. In die Kirche, in der einst die friedliche Revolution begann, gingen sie nicht.

Lust auf Baustellengucken? Die „Bierbar Nordring“ in der Stargarder Straße hat täglich geöffnet und lockt mit Tischen direkt am Absperrzaun.

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