Zeitung Heute : Teile und herrsche

Ralf Schönball

Frau Meier ist eine gute Gastgeberin. "Apfel- oder Käsekuchen", fragt sie. Und auch ihren Witz hat die glücklose Käuferin von zwei Wohnungen in einem Tegeler Altbau nicht verloren - "es ist Galgenhumor", sagt sie. Die anderen drei Eigentümer, die mit am Tisch sitzen, nicken resigniert. Die vier stecken in der Klemme: Dem Mann, von dem sie ihre Immobilien erwarben, gehört mehr als die Hälfte des Wohn- und Geschäftshauses. Und diese Mehrheit soll er auf Kosten von rund 20 Eigentümern einzelner Wohnungen ausnutzen. Zum Beispiel, indem er einen Verwalter einbestellt - und mit dessen Hilfe angeblich den anderen Eigentümern Kosten aufbürdet, für die es keine Rechnungen gibt. Behaupten die vier Eigentümer. Und ziehen vor Gericht. Zum fünften Mal binnen zwei Jahren. Vergeblich, bisher.

Der Hintergrund dieser Geschichte ist einfach erklärt: Wenn ein Wohnhaus oder eine Wohnanlage in mehrere Eigentumswohnungen oder -häuser aufgeteilt wird, müssen sich die einzelnen Eigentümer versammeln, wenn sie über die Bewirtschaftung und Sanierung des gemeinsamen Eigentums entscheiden wollen. Sie müssen zum Beispiel beschließen, welche Reparaturen an Dach und Fassade sie ausführen lassen, wie hoch die monatlichen Vorschüsse für gemeinsame Rechnungen von der Müllabfuhr oder der Wasserversorgung sein sollen. Und sie müssen ein Mal im Jahr alles abrechnen und den Verwalter entlasten - oder feuern. Für viele dieser Entscheidungen reichen Mehrheiten. Meistens wechseln diese je nach dem, welche Inhalte die Eigentümer verhandeln. Sie entstehen also spontan und "demokratisch". Verfügt jedoch ein einzelner Eigentümer wie im Fall des Tegeler Wohn- und Geschäftshauses über die absolute Mehrheit, dann kann er "diktatorisch" seine Entschlüsse durchsetzen - unter Umständen auf Kosten anderer Eigentümer.

"Genau das tut Herr Beuthe", behauptet Caroline Müller (Name geändert). Jedenfalls sei der Immobilien-Mogul, der in der Stadt an die 70 Bauten besitzen soll, so aufgetreten: auf der einzigen Versammlung, auf der er von den anderen Wohnungseigentümern bisher gesichtet wurde. Als ein Eigentümer die von Beuthe zugesagte Sanierung des Treppenhauses auf eigene Kosten anmahnte, soll der Mann geantwortet haben: "Jetzt warten Sie doch erst mal, was der Weihnachtsmann bringt." Die freche Antwort habe für Unmut unter den etwa 20 Eigentümern von einzelnen Wohnungen in dem Haus gesorgt. "Später kam es zum Eklat", sagt Frau Müller, "und Beuthe hat angedeutet, er werde seine Wohngeldzahlungen ein- und das Wasser im Haus abstellen lassen."

Das Wohngeld ist der monatliche Betrag, den jeder Eigentümer einer einzelnen Wohnung auf das gemeinsame Haus-Konto der Eigentümer-Gemeinschaft überweisen muss, damit die laufenden Rechnungen bezahlt werden können und ein kleines Polster für ungeplante Reparaturen entsteht. Seiner Drohung ließ Mehrheitseigentümer Beuthe unterdessen Taten folgen: "Für das Jahr 2000 schuldet Beuthe der Eigentümer-Gemeinschaft 36 000 Euro", sagt einer der Eigentümer, "und im Jahr 2001 wurden 20 000 Mark für nicht plausible Beträge in Rechnung gestellt." Die Verwaltung von Beuthe habe 1998 und 1999 keine Abrechnung der Wohngelder vorgelegt. Die Instandhaltungs-Rücklagen seien verschwunden. Bis heute gebe es nicht eine einzige korrekte Heizkostenabrechnung.

Für die Eigentümer hat das zum Teil unerfreuliche Folgen: Frau Meier, die ihre zwei Wohnungen weiter vermietet hat, kann ihren Nutzern keine Abrechnung der Heizungs- und Nebenkosten vorlegen. "Die wohnen jetzt billig", sagt sie, "weil ich eine sehr niedrige Abschlagszahlung verlange." Erfreut seien ihre Mieter trotzdem nicht. "Auch wenn man die Situation erklärt, klingt das doch alles sehr merkwürdig."

Mit ihrer Lage wollen sich die düpierten Eigentümer nicht zufrieden geben: Sie führen eine Klage nach der anderen gegen Mehrheitseigentümer Beuthe. Das geht auf Kosten der Gemeinschaft: Der Streit kostete bisher 8500 Euro an Rechtsanwalts-Honoraren. Eine der gescheiterten Klagen richtete sich gegen den von Mehrheitseigentümer Beuthe eingesetzten Verwalter, Hans Merkle. Die Richter wollten ihn von seiner Aufgabe nicht entbinden. Begründung: Verwalter Merkle sei zum Zeitpunkt der Klage, im Jahr 2000, erst wenige Monate als alleiniger Verwalter tätig gewesen. Dass Merkle schon zuvor mit Beuthe verbändelt war, ließen sie nicht gelten. Denn formal verwaltete zu diesem Zeitpunkt die Firma von Mehrheitseigentümer Beuthe das Wohnhaus.

Denkwürdig war für die einzelnen Eigentümer auch jene Versammlung, mit der sich Merkle selbst zum Verwalter ernannte. "Bei der Abstimmung über seine Einsetzung hat er einfach die eigene Hand gehoben und sich damit selbst inthronisiert", sagt Frau Müller, "er hatte ja die Vollmacht von Beuthe und damit die Mehrheit der Stimmen." Die anderen zwanzig Eigentümer einzelner Wohnungen hatten das Nachsehen.

Dass die einzelnen Eigentümer zumindest ansatzweise über die prekäre wirtschaftliche Lage der Eigentümer-Gemeinschaft informiert sind, ist ihrer Ausdauer zu verdanken. Sie hätten Verwalter Merkle so lange bedrängt, bis er einigen Einblick in die Akten gewährte. Dabei habe sich unter anderem herausgestellt, dass in einer Abrechnung für das Jahr 1999 - damals war Merkle noch nicht Verwalter des Hauses - für "Kleinreparaturen" rund 37 000 Euro verlangt wurden. Rechnungen von Firmen über diese Summe hätten nicht vorgelegen. Belegbar seien nur etwa 4600 Euro. Hätten die Eigentümer der Jahresabrechnung nicht widersprochen, dann hätten Mehrheitseigentümer Beuthe und die damalige Verwaltung einen hübschen Betrag auf Kosten der anderen Eigentümer in die eigene Tasche stecken können.

"Wir haben Merkle gefragt, wann er endlich den Betel hinwerfen will", sagt einer der vier verärgerten Eigentümer. Eine Antwort habe er nicht erhalten. Vor Gericht sei eine Absetzung des Verwalters nur dann zu erreichen, "wenn man nachweisen kann, dass er Geld vom Hausgeldkonto in die eigene Tasche gesteckt hat". Die vielen kleinen Fehler ließen Richter durchgehen. So müssten die Eigentümer vier Prozent mehr als erforderlich an die Bewag bezahlen, weil der Verwalter die Rechnungen nicht rechtzeitig zahlte und Mahngebühren fällig wurden. Merkle habe eine Rechnung über den Austausch von Briefkästen bereits im Juni bezahlt, obwohl die Arbeiten erst im November erfolgten - als die Baufirma die Arbeiten mangelhaft ausführte, konnten die Eigentümer nicht mehr die Rechnungssumme verringern. Der Verwalter habe auf dem Parkplatz, der zum Haus gehört, Arbeiten auf Kosten der Gemeinschaft veranlasst, obwohl diese nicht den dazu erforderlichen Beschluss gefasst hatte. Auf Rückfrage dieser Zeitung wollten weder Merkle noch sein Anwalt dazu Stellung nehmen.

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