Zeitung Heute : Teilnehmende Beobachtung

„Machsomwatch“ – Was israelische Frauen gegen Schikanen an den Checkpoints tun

Richard Chaim Schneider[Jerusalem]

Von Richard Chaim Schneider, Jerusalem

Sie weiß bis heute nicht, ob die Busse schließlich durchgelassen wurden. Ihre Schicht war zu Ende damals, vor ein paar Monaten, sie fuhr heim.

Die beiden arabischen Omnibusse waren sieben Stunden vorher am Checkpoint aufgetaucht, ein elegant gekleideter Mann war ausgestiegen und auf die Soldaten zugegangen, er müsse mit seinen Freunden durch, habe er gesagt, er heirate in einer Stunde, auf der anderen Seite. Die Soldaten verweigerten die Durchfahrt, fürchteten, es könne eine Falle sein und hatten die Maschinenpistolen im Anschlag. Und Ruth Kedar stand dabei, sie steht oft dabei, um den Leuten dabei zu helfen rüberzukommen. Hier konnte sie nichts mehr tun. Ihre Schicht war zu Ende.

Wenn sie darüber spricht, dann mit der scheinbaren Gleichgültigkeit, die man Israelis oft unterstellt. Dabei ist dies nichts als die jahrzehntelange Gewohnheit, mit Krieg, mit Hass, mit Brutalität umzugehen. Ruth Kedar ist nicht gleichgültig, sie regt sich nur nicht mehr auf. Sie weiß, dass es keinen Sinn macht. Und erst recht nicht, wenn man bei der Armee etwas erreichen will.

Sie fährt mit ihrem klapprigen Auto durch das Westjordanland und erzählt. Ihr Alter? Sie sei den 80 näher als den 70, sagt sie. Ihr Gesicht ist voller Runzeln. Es strahlt jugendliche Frische aus, das Haar ist voll. Mit ihrer Fleecejacke wirkt sie wie eine Frau mittleren Alters, die unterwegs zum Wandern oder zum Sport ist. Doch Ruth Kedar fährt wieder zu einem Checkpoint der israelischen Armee in den besetzten Gebieten, um dort Wache zu halten. „Machsomwatch“ halten.

Im Winter 2002 hat sie sich Machsomwatch angeschlossen, einer losen Gruppe von Frauen aus Jerusalem und Tel Aviv. Sie wollen die Menschenrechtsverletzungen der israelischen Armee an den Machsomim, wie die Checkpoints auf Hebräisch heißen, beobachten und bekannt machen.

Checkpoints gibt es im ganzen Westjordanland, überall dort, wo jüdisches Gebiet auf palästinensisches trifft. Und dort, wo derzeit der neue Sperrzaun entsteht.

„Der Typ war völlig bescheuert“, sagt Kedar über den Bräutigam von damals, „die wissen doch, dass die Armee so ohne weiteres niemanden mehr durchlässt.“ Sie und zwei andere Frauen haben damals die zuständigen Armeeabteilungen angerufen, „immerhin, die sind immer sehr höflich.“ Doch getan hat sich nichts. Bis Schichtende nicht.

Gegründet wurde Machsomwatch im Januar 2001 von drei jüdischen Israelinnen: einer Orthodoxen, einer Wissenschaftlerin, die aus der Sowjetunion stammt, und einer Frau aus Südamerika, die „viel Erfahrung mit Menschenrechtsarbeit aus ihrer Heimat hat, da gab’s ja genug zu tun“, sagt Kedar und lächelt dabei, während sie immer tiefer ins Westjordanland hineinfährt. Es geht nach Djabara, ein palästinensisches Dorf nicht weit weg von Kalkilija, einer der großen arabischen Städte in den besetzten Gebieten. Am Checkpoint dort hat Kedar Dienst an diesem Tag.

Anfangs verbreiteten sie das, was sie sahen, über das Internet, inzwischen hört ihnen auch die israelische Presse zu, Politik und Armee können nicht mehr umhin, auf Machsomwatch zu reagieren.

Stiller Druck

Angst, sagt Ruth Kedar, habe sie keine. Mit ihrem Auto fährt sie auf Straßen, die von palästinensischen Heckenschützen ins Visier genommen werden. Als Schutz hat sie in der Fensterscheibe eine kleine Plastiktafel liegen, auf der der Name der Organisation in Englisch, Arabisch und Hebräisch steht, „aber das sehen die ja nicht durch ihre Zielfernrohre“, sagt sie und lacht. Auch an den Checkpoints ist es gefährlich, die Wachsoldaten dort werden oft von palästinensischen Fundamentalisten angegriffen. Es gibt Schießereien und Sprengstoffanschläge mit Toten vor allem bei den Israelis. Und die Machsomwatch-Frauen stehen immer in der Nähe der Soldaten, um sie mit ihrer stillen Art ein wenig unter Druck zu setzen, sich anständig zu benehmen.

„Viele von uns sind ja schon etwas ältere Damen. Und das ist auch gut so. Mit unserer mütterlichen Art erreichen wir viel mehr als Männer.“ Ja, viele Soldaten, die kaum älter als 20 sind, fühlten sich an den Machsomim sogar sicherer, wenn Kedar und ihre Mitstreiterinnen da sind. „Die denken sich doch tatsächlich: Na, wenn die Alten keine Angst haben, dann kann uns auch nicht viel passieren.“

Inzwischen ist sie am Checkpoint von Djabara angekommen. Bulldozer bearbeiten mit Getöse die Hügel ringsum. Die Landschaft wird für den Sperrzaun zerharkt. Die abgetragenen, aufgebrochenen Hügel, die dem Zaun weichen müssen, scheinen zu bluten – ihr Inneres ist erdig-rot. Steinig ist die Landschaft hier, auch im Winter mit vielen grünen Flecken. Herber Charme, würde vielleicht in einem Reiseführer stehen. Karg, aber doch bunt, bergig, aber auch mit weiten Tälern.

Djabara, das palästinensische Dorf, liegt innerhalb des Zaunes, quasi auf israelischer Seite. Die Schule der Kinder von Djabara liegt auf der anderen. Zweimal täglich der Weg durch mehrere Tore und Machsomim entlang des Sperrzauns. Und was ist, wenn ein Kind einmal früher oder später heimgeht als die anderen? „Dann wird’s kompliziert, weil die Soldaten nie genau wissen, was sie tun sollen“, sagt Ruth Kedar.

An diesem Tag ist es verhältnismäßig entspannt hier. Ein Dutzend Palästinenser steht an, um die Papiere von den israelischen Soldaten überprüfen zu lassen. Sie wollen rüber nach Kalkilija, in die Stadt, um einzukaufen. „Das kann sich bei uns in Israel keiner vorstellen, der noch nicht hier war. Der Zaun macht den Alltag der Menschen zum Albtraum. Sie wissen nie, ob sie überhaupt durchkommen, jeden Tag ändert die Armee die Bestimmungen.“ Ruth Kedar erregt sich jetzt doch ein wenig. Der Zaunverlauf habe nichts mit Sicherheitsüberlegungen zu tun, es sei pure Landnahme. So kommt es, dass sich Palästinenser nun auf der israelischen Seite des Zauns wiederfinden.

Das Dutzend arabischer Männer wird nicht durchgelassen. Ruth und einige andere Frauen gehen los. Lächelnd reden sie auf die Soldaten ein, man scherzt miteinander. Doch einer von ihnen sagt nur: „Ausgangssperre“. Ruth Kedar setzt sich eiligst ins Auto und rast in Richtung Tulkarem, der nördlichsten palästinensischen Stadt im Westjordanland. Auch dort Sicherheitszäune, die sich inzwischen um die ganze Stadt ziehen. Ein riesiges Einfahrtstor, vor dem Lastwagen Schlange stehen. Kedar geht auf den diensthabenden Offizier zu und fragt ihn, wieso über Djabara heute eine Ausgangssperre verhängt worden sei. Es gäbe keine, antwortet er, das sei doch vorgestern gewesen. Ob er denn so lieb sein könnte und den Soldaten dort Bescheid gibt? Er ruft an, gibt Anweisung, die Männer sofort durchzulassen. „Der war nett, es gibt auch andere“, sagt Kedar.

Die anderen: Das sind die Soldaten und Offiziere, die die Palästinenser an den Checkpoints demütigen und quälen. Die Kontrollen sind wegen der Terrorangriffe nötig. Doch häufig sind sie unverhältnismäßig: hochschwangere Frauen, die auf dem Weg in den Kreißsaal sind, werden zurückgewiesen. Es gab schon Fehl- und Totgeburten, immer wieder. Alte Männer und Frauen werden lächerlich gemacht. Und es kann schon mal passieren, dass ein Soldat im Hochsommer den Fahrern in den wartenden Autos befiehlt, die Motoren abzustellen und die Fenster zu schließen – aus Sicherheitsgründen, heißt es dann. Doch das bedeutet nichts anderes, als dass die Menschen bei über 40 Grad stundenlang in ihren Wagen ausharren müssen.

„Immerhin kann ich berichten“

Ruth Kedar fährt weiter in Richtung Kalkilija. Sie will zeigen, wie der Sperrzaun dort zur Mauer wird und die ganze große Stadt einsperrt. Warum hier eine Mauer? Kfar Saba, ein Vorort von Tel Aviv, liegt nur einen Steinwurf entfernt, von Kalkilija kamen in den letzten drei Jahren immer wieder junge Männer hinüber, Mörder mit Sprengstoff am Leib. Das ist die andere Seite des nahöstlichen Alltags. Und so sind viele Israelis, wie Ruth Kedar, nicht grundsätzlich gegen den Zaun, sie sind nur gegen so einen Zaun, mit einem Verlauf, der das Land kein bisschen sicherer macht, im Gegenteil. Allein in der Umgebung von Jerusalem sind über 250000 Palästinenser auf die israelische Seite geraten.

Ruth Kedar glaubt schon lange nicht mehr an den Wahlslogan Scharons, der einst angetreten ist, um seinem Volk Sicherheit zu bringen. Wie es weitergehen wird? Sie weiß es nicht. „Immerhin tue ich etwas“, sagt sie, „immerhin kann ich jetzt den Israelis berichten, was wir da anrichten.“

Am Sonntag stand Folgendes in der Zeitung: Die israelische Armee habe eine Einheit der Militärpolizei wegen Misshandlung von Palästinensern aufgelöst. Die an einem Kontrollpunkt stationierte Truppe habe Palästinenser belästigt, ihre Abfertigung verzögert und CD-Spieler, Zigaretten und Nahrungsmittel beschlagnahmt. Von Palästinensern und Menschenrechtsgruppen hätten dutzende Beschwerden über Vorgänge an dem Kontrollpunkt vorgelegen.

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