Zeitung Heute : Tel Aviv: Das bisschen Frieden

Sylke Tempel

Großer Satan, kleiner Satan. USA und Israel. Für militante Islamisten sind die beiden die feindlichen Brüder. Gut, sagt der kleine Bruder, so wie der Große will ich auch sein. Tel Aviv bewunderte New York schon lange. So werden wie die urbanste, die hektischste, die aufregendste Stadt der Welt war und ist Lebensziel. Sich in einem Ort zu Hause wissen, der mehr Lebensgefühl als Geografie ist; der sich immer wieder neu erfindet aus der puren Lust der Menschen, Neues zu schaffen. Noch höhere Wolkenkratzer zu bauen, noch schickere Bars zu eröffnen, noch eine Software-Firma zu gründen. Frei zu leben, ohne Ansehen der Herkunft. Amerika hat Silikon Valley? Tel Aviv hat Silikon Wadi, ein Viertel von Glaspalästen, in dem smarte junge Leute sich wie in Manhattan zum Business Lunch bei Salat und Perrier treffen und über den Nasdaq diskutieren.

"Big Apple" nennt sich New York. Tel Aviv konterte mit "Big Orange". Frank Sinatra sang von New York, der "Stadt, die niemals schläft". Tel Aviver behaupten, sie lebten in einer "Ir bli Hafsaka", in einer "Stadt ohne Pause". "Ist das nicht fantastisch", bemerkte eine Freundin mit fast kindlichem Stolz, als wir eines Nachts in eine der neu eröffneten Bars im südlichen Stadtteil Jaffa unterwegs waren. "Es ist drei Uhr nachts und wir stecken in einem Verkehrsstau."

Nach dem 11. September, nachdem die Türme des World Trade Center auf den Bildschirmen der Welt in unendlichen Wiederholungen zusammenbrachen, starrten die Tel Aviver immer wieder gebannt auf die zweitürmigen Azrieli-Towers, ihren ganzen Stolz. Als müssten die Tel Aviver Wolkenkratzer Solidarität üben und ebenfalls tödlich getroffen in sich zusammenstürzen.

Es wäre nicht abwegig und garantiert nicht wie von Zauberhand geschehen. Der Flughafen liegt nur 30 Kilometer entfernt, alle Maschinen fliegen über Tel Aviv. Vor etwa einem Jahr sprengte sich in einem Hotelzimmer im arabischen Teil Jerusalems ein Gast selbst in die Luft. Er überlebte mit schweren Verbrennungen und unter Verlust seines Augenlichts. So erfuhr der Geheimdienst vom Auftrag des Mannes. Ausgestattet mit einem gefälschten britischen Pass, einem Ticket für die israelische Fluggesellschaft El Al und Koffern, die mit einem schwer zu entdeckenden, flüssigen Sprengstoff präpariert waren, sollte der Attentäter sich und das Flugzeug kurz nach dem Start - direkt über Tel Aviv - in die Luft sprengen.

Der große Bruder

Tel Aviv hatte Glück. Es ist dem großen Bruder in dieser Katastrophe nicht vorangegangen. Aber es kennt seit langem einen Zustand, mit dem sich andere westliche Städte erst noch vertraut machen müssen. Es weiß, dass zu jeder Zeit, an jedem Ort der Terror zupacken kann. Im Bus, in der Diskothek, im Restaurant. Die Selbstmordattentäter der Fundamentalisten zielten ja nie auf die größten Symbole des Feindes, auf Synagogen, Militärbasen oder Siedlungen. Sie richteten sich immer gegen die sichtbaren Zeichen der "westlichen Dekadenz". Der kleine Bruder Tel Aviv sammelte Erfahrung lange vor dem großen New York.

Einatmen vor Schreck, ausatmen und weitermachen. Das ist Lebensgefühl, vielleicht auch die Kunst der Tel Aviver. Ein Selbstmordattentäter stellt sich in eine Schlange von Jugendlichen, die vor einer Diskothek warten und sprengt sich in die Luft. Über 20 Halbwüchsige reißt er in den Tod. Nach den ersten Nachrichten beginnt die übliche Routine. Eltern versuchen ihre Kinder zu erreichen, hier haben alle ein Mobiltefefon, nicht nur als Statussymbol, sondern auch für den Fall eines Attentates. Für ein paar Tage nach dem Anschlag würde ein befreundetes Ehepaar die Tochter am liebsten ans Haus fesseln. Aber natürlich will die 17-Jährige wieder losziehen. Die ersten Nächte verbringen die Eltern schlaflos, bis endlich beruhigende Geräusche zu hören sind. Eine achtlos zugeschmissene Haustür, Schlüssel, die vom müden Nachtschwärmer mit lautem Knall auf den Tisch geworfen werden, die quietschende Kühlschranktür. Irgendwann wird der Schlaf der Eltern wieder tiefer. Hat ja eh keinen Zweck, sich rund um die Uhr Sorgen zu machen.

Viagra für die Taliban

Einatmen. Ausatmen, dem Himmel sei Dank, niemandem aus unserer Familie oder von unseren Freunden ist etwas zugestoßen. Weitermachen. Man gewöhnt sich an die Sicherheitskräfte vor den Supermärkten. Tasche öffnen, Blick hineinwerfen und geübte Hände den Inhalt durchwühlen lassen wird zur automatischen Geste, die nicht einmal mehr ein Gespräch unterbricht. Man nimmt die prüfenden Blicke in den öffentlichen Bussen hin, mit denen jeder arabisch aussehende Fahrgast gemustert wird. Zu schnell verschwimmt die Grenze zwischen diskriminierendem Misstrauen und gebotener Vorsicht. Genau wie die Israelis lernt man, auf herrenlos herumstehendes Gepäck zu achten. Wem gehört diese Tasche, ruft eine Sicherheitsbeamtin am Flughafen. Der Ruf setzt sich fort, immer lauter und panischer, bis schließlich jemand seinen Besitz identifiziert. Erleichterung bei gleichzeitig vorwurfsvollem Kopfschütteln. Bleib gefälligst bei deinen Sachen, wie kann man uns nur so einen Schreck versetzten. "Kacha ze", sagen Israelis. So ist das eben. Keine weitere Diskussion. Höchstens Ironie zum Abreagieren. Sollen die USA doch nicht nur Lebensmittel über Afghanistan abwerfen, erzählt man sich jetzt in den Tel Aviver Cafés. Sondern auch Viagra für die Taliban und Osama bin Laden. Dann wären die heiligen Krieger dauerhaft mit schöneren Dingen beschäftigt.

Tel Aviv hat den Terror nie verstanden. Man gönnt den anderen nichts Böses, natürlich nicht. Aber warum explodierten die ersten Busse bei uns, in dieser Insel des Säkularismus, Liberalismus und gepflegten Hedonismus? In Jerusalem, da streiten sich die Fanatiker beider Seiten bis aufs Blut. Dort, an der Schnittstelle des Konfliktes, in gefährlicher Nähe der besetzten Gebiete mit ihren zornigen Bewohnern und den arroganten jüdischen Siedlern, kämpft man vielleicht mit allen Mitteln. Um seiner Ruhe, nicht aus Mitleid mit den unter Besatzung lebenden Palästinensern willen, könnte Tel Aviv gut auf Heilige Stätten verzichten. Tel Aviv ist nichts heilig, außer der Möglichkeit, ungestört seiner Arbeit, seinem Privatleben oder auch dem Vergnügen nachzugehen. Jerusalem wählte Benjamin Netanyahu und Ariel Scharon. Dort protestieren die Rechten. Aber Tel Aviv wählte die linken Regierungen von Itzchak Rabin und Ehud Barak, in Tel Aviv finden seit jeher die großen Demonstrationen der Friedensbewegung statt. Vielleicht kann man den Terror in einer einigermaßen offenen Welt nicht verstehen, deren Bewohner lieber in Bars, Konzerte und Theater gehen, als sich beständig mit Krieg und Kampf zu beschäftigen. Die die Palästinenser und mit ihnen die ganze, unverständliche nahöstliche Welt am liebsten weit weg wüsste.

Wahrscheinlich will man diesen Terror auch nicht verstehen, weil es sonst wäre, als würde man Gift trinken. Warum wird ein junger Israeli aus Tel Aviv, der mit seinen israelisch-arabischen Freunden in die West Bank fährt, dort einfach von vermummten Pistoleros aus einem Restaurant entführt und auf offenem Feld hingerichtet? Gibt es für die Mörder noch einen Unterschied zwischen "Guten", die arabische Freunde haben und für den Frieden demonstrieren und "Bösen", die fanatisch an der Besatzung festhalten wollen? Ist ein Mann, der sich in einem Tel Aviver Café an einen Tisch neben den dreier junger Mütter setzt und dann sich selbst und die Frauen in die Luft sprengt, ist so ein Mann ein Widerstandskämpfer? Hasst er wirklich nur diese satte Besatzungsmacht, deren Bürger noch immer bequem in Cafés sitzen können? Hasst und vernichtet er, was er selbst begehrt und niemals erreichen wird, oder hasst er sich, weil er begehrt, was ihm verboten und verwehrt ist?

Sonnenblumen-Bikinis

Tel Aviv wehrt sich mit "Davkaismus". Man will aus "Davke", aus reinem "jetzt erst recht" so weiter leben, wie man es sich wünscht. Die andere, die bedrohliche Lebenswelt ist so weit weg, als wäre sie auf dem Mond. Am Jahrestag der Intifada marschieren im nur 60 Kilometer südlich gelegenen Gaza junge Männer auf den Straßen. Sie tragen grüne Bandanas mit Koranaufschriften um den Kopf, in die sie Teppichmesser gesteckt haben. Teppichmesser, wie die Entführer der Maschinen sie benutzten, bevor sie sie ins World Trade Center steuerten. In Tel Aviv verbringt man diesen heißen Tag am Strand, zahlreiche junge Männer rauchen Wasserpfeife. Folkloristisches Tribut an den Orient. Am Tag darauf feiert man die Love Parade. Während junge Mädchen mit Sonnenblumen-Bikinis durch die Straßen Tel Avivs ziehen, liefern sich in Gaza junge Palästinenser Gefechte mit israelischen Soldaten. Gaza sieht die Feiernden in Tel Aviv nur aus der Ferne. Für sie sind es dieselben, die in ihrer unmittelbaren Nähe israelische Uniformen tragen und Gewehre. Tel Aviv will die Menschen in Gaza am liebsten gar nicht sehen und vergisst, dass die allgemeine Wehrpflicht Israels auch für ihre Stadt gilt. Dass fast jeder hier auch schon einmal die Uniform getragen hat oder tragen wird.

Nur nicht dran denken. Einatmen. Ausatmen. Weitermachen.

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