Zeitung Heute : Tel Aviv: Modedroge Nachrichten

Tomer Lenzinger

Er ist einer der wichtigen Partymanager in Israel, hat DJs wie Kruder & Dorfmeister oder St. Germain in seine Heimatstadt Tel Aviv geholt: Tomer Lenzinger, 31, arbeitet selbst auch als DJ und besitzt eine kleine Plattenfirma.

Die Basslinie muss stimmen. Ich liebe warme Basslinien, die etwas Neues, Intelligentes ausdrücken: Kruder und Dorfmeister, Sonar Collective. Tel Aviv war ein guter Platz für elekronische Musik, besonders für Trance. Seit 1996 kümmern wir uns um diese Szene. Wir haben eine kleine Plattenfirma, veranstalten Partys und, ja, wir haben eine ganz neue Strömung erfunden.

Das fing an, als ich mit meinen Freunden in Rennes auf einem Festival war. Zum Abschluss gab es einen großen Elektro-Abend. Wir kamen zurück nach Tel Aviv und beschlossen: So etwas brauchen wir hier auch. Und dann haben wir damit begonnen, Partys zu organisieren. Es hat funktioniert: Wir konnten einmal in der Woche zu unserer Musik tanzen. Immer mehr Leute machten mit, die Stimmung war glänzend. Irgendwann kamen DJs, Musiker und Künstler aus der ganzen Welt nach Tel Aviv. Es war großartig. Uptempo, Downtempo - egal, alle tanzten. Bis plötzlich alles anders wurde. Am 28. September 2000 begann die blutige Al-Aksa-Intifada. Seitdem haben meine ausländischen Freunde Angst, nach Tel Aviv zu kommen. Und ich kann natürlich für die Sicherheit der Leute nicht mehr garantieren.

Drei Monate hat es gedauert, dann bin ich aus der Starre aufgewacht. Im Januar dachte ich mir: Das Leben muss weitergehen. Wir taten, was wir am besten konnten, wir organisierten ein Festival. Wir tanzten, als ob alles ganz normal wäre. Aber irgendwas lief falsch. Ich kann das nicht so gut beschreiben. Jeder war gestresst, jeder hatte im Hinterkopf, dass vielleicht etwas passieren könnte. Alle haben mehr geraucht, mehr getrunken und mehr gekokst als sonst. Unsere Gäste feierten, als gäbe es kein Morgen mehr. Sogar der Tanzstil veränderte sich. Mit der Zeit wurde das immer schlimmer. Man kann doch nicht immer feiern, als hätte man keine Zukunft mehr! Auf die Dauer wirkt das künstlich, unnatürlich, verzweifelt.

Die Clubs sind leer

Es ist nicht so, dass wir in den Clubs umherstreifen und Bomben suchen. Aber wir wissen, dass da eine Bombe versteckt sein könnte. Jeder hier geht anders mit seiner Angst um. Manche sagen: "Sei still, ich will nichts darüber hören". Andere wollen alles ganz genau wissen, sehen ständig Nachrichten. Nachrichten sind die neue Modedroge.

Viele haben ihren Job verloren. Plattenläden mussten schließen, die Clubs sind leer. Statt Geld für Partys auszugeben, für Drogen und Alkohol, treffen wir uns bei jemandem zu Hause und kochen gemeinsam. Danach sehen wir uns oft Filme an. In Tel Aviv sind alle näher zusammengerückt, die Atmosphäre ist fast intim. Party-Smalltalk findet nicht mehr statt. Obwohl der Auslöser dafür schlimm ist - eigentlich gefällt mir das gut.

Im Frühjahr diesen Jahres wurde mir das dann doch alles zu viel. Ich konnte die Situation in Tel Aviv und Israel nicht mehr ertragen und bin für ein paar Monate nach Berlin gegangen, zurück in die Normalität. Dort konnte ich in Ruhe mit den Musikern von Jazzanova an meinem neuen Album arbeiten. Das war eine gute Zeit. Und eigentlich wollte ich im Juni nur noch schnell zurück nach Tel Aviv, um meine restlichen Sachen zu holen und meine Firma dicht zu machen. Also flog ich mit dem Gedanken daran, in Berlin ein neues Leben anzufangen. Aber irgendetwas hat mich in Tel Aviv gehalten.

Kontrolle verloren

Viele sagen, Tel Aviv sei gerade nicht unbedingt "the place to be". Aber meine Eltern haben sich hier kennen gelernt. Meine Mutter ist Deutsche und mein Vater Brite. Sie sind beide große Musikliebhaber und entschlossen sich damals, in Israel eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Das alles kann ich nicht aufgeben. Es passieren ja trotz allem noch wunderschöne Dinge, wenn Menschen im Krieg enger zusammenleben. Gleichzeitig fühlen wir uns aber auch isoliert. Die Weltöffentlichkeit hat uns vergessen. Und wir agieren auch nicht mehr, wir reagieren nur noch. Wir haben keine Kontrolle mehr über unser Leben.

Letzte Woche war hier Love Parade. 150 000 Leute sind gekommen, und ich glaube wirklich, es war niemand aus Tel Aviv dabei. Das waren die Youngsters aus den umliegenden Kleinstädten und Dörfern. Meine Freunde und ich saßen auf einer Art VIP-Dach und haben alles gefilmt. Ich glaube, Doktor Motte war auch dabei. Bei uns ist die Love Parade direkt am Strand. Gegen Abend, als die Sonne unterging und der Himmel sich rosa färbte, habe ich am Horizont einen Armee-Hubschrauber gesehen. Das ist nicht unbedingt ungewöhnlich hier, aber es brauchte nur einen kleinen Dreh in meinem Hirn, und ich habe mich in einer Szene aus "Apocalypse Now" gesehen, in Vietnam. Das war gleichzeitig schön und durchgeknallt. Der Directors Cut von "Apocalypse Now" läuft hier schon länger im Kino, und es gibt eine große Debatte darum, wie wichtig der Film ist. Ich finde das alles völlig nebensächlich.

Seit dem 11. September hat sich das alles noch mal verschärft. Wir haben noch mehr Angst. Auch, weil wir wissen: Bisher war unsere Stadt kein sicherer Ort, okay. Aber plötzlich sind große Teile dieser Welt auch nicht mehr sicher. Der Terror ist auf einmal ein internationales Phänomen. Man kann nirgendwohin mehr fliehen, nur noch in sich selbst. Letztes Jahr, als die Palästinenser-Aufstände wieder begannen, war eine Freundin von mir schwanger. Wir saßen alle zusammen und dachten an unsere Zukunft. Ich meine, wir sind noch so jung, haben hart gearbeitet, wir sind talentiert und intelligent. Unser Leben beginnt doch eigentlich erst. Ich glaube, das Naive, das Blauäugige wird eine Renaissance erleben, wie bei jeder großen Krise. Ich war immer ein Linker. Heute weiß ich nicht mehr, was ich bin. Ich weiß nur, dass ich meinen normalen Alltag wieder haben will. Ich will mich auf meine Arbeit konzentrieren und mich jeden Morgen fragen: Wie kann ich heute wieder brillant sein?

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