Zeitung Heute : Telefonnummern lernen

Andreas Austilat

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Normalerweise lege ich ja sofort wieder auf, wenn jemand am Telefon seinen Namen nicht nennt. Diesmal nicht. „Ah, Ah“, tönte es zweimal scharf aus dem Hörer, dann hörte man so etwas wie „dada“, gefolgt von einem „babamm“. Ein Kind, keine Frage. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Kind anruft. Im Gegenteil, bei uns rufen oft welche an, aber die wollen nicht mich sprechen, sondern meinen Sohn oder meine Tochter. Und sie sagen das auch sehr deutlich. Dieser Anrufer hier war eindeutig zu jung für die beiden. Am Ende hörte man ein Glucksen. Kein lustiges Glucksen, eher so ein ernstes.

Vielleicht ist da jemand in Not? Vielleicht liegt die Mutter des kleinen Kerls bewusstlos am Herd, ausgeglitten auf nassen Fliesen? Oder sein Papa ist beim Bierholen die Kellertreppe runtergefallen? Und jetzt braucht jemand dringend Hilfe. „Halllooo“, habe ich also in den Hörer gesäuselt, „ja, wie heißt du denn?“ und dabei die Wörter immer ganz hinten betont. „Dada“, kam es zurück. „Wo ist denn deine Mammaa?“ – „Babamm.“

Nun bin ich Kleinkindern gegenüber sprachlich ein wenig aus der Übung. Aber was, wenn dieses Kind gar kein Deutsch versteht? „Helllooo“, habe ich also so melodisch wie nur möglich in den Hörer gesungen, und „Annäää“ – das ist Türkisch und bedeutet Mutter. „Dada“ klang es zurück. Was, wenn dieses Kind nicht einmal in Deutschland sitzt? Wenn da ein kleiner Racker in Canberra, Rio oder Osaka einfach mal auf die Tasten gehauen und jetzt per Zufall mich am Apparat hat? Man stelle sich vor, wie da drüben der Zähler rattert. Wie gerade eine Familie in Südafrika oder Nordalaska unschuldig verarmt. „Babamm“, kam es aus der Leitung. Da habe ich einfach aufgelegt, sorry, Kleiner.

Am Abend habe ich mal unsere Telefonrechnung überprüft. Wahnsinn, was da immer so zusammenkommt. Vor allem der Große – liegt manchmal mit dem Apparat auf dem Sofa und redet und redet. Möchte nur wissen, was 13-Jährige sich stundenlang mitzuteilen haben? Wir haben dann gemeinsam ein paar Call-by-call-Nummern geübt. Die müssen die Kinder jetzt morgens immer aufsagen. Ist nämlich doll, was man sparen kann, wenn man die vorwählt.

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