Telekom-Affäre : Kriminell und arrogant

Moritz Döbler

Noch lässt sich kein Urteil sprechen. Aber für Empörung ist es nicht zu früh. Die Telekom hat die sensibelsten Daten, die sie besitzt, missbraucht, und sie hat Mitarbeiter, Aufsichtsräte und Journalisten systematisch ausspioniert. Daraus spricht kriminelle Energie und bodenlose Arroganz. Der Telekom fehlte Respekt gegenüber dem Gesetz und den eigenen Kunden.

Dass es so kommen konnte, hat vor allem zwei Ursachen. Zum einen haben die Konzerne Angst vor der Öffentlichkeit. Dass Geschäftsgeheimnisse nicht ausgeplaudert werden dürfen, versteht sich. Aber dass ein Unternehmen alle Nuancen seines Erscheinungsbildes kontrollieren will, ist absurd, selbstgerecht und undemokratisch. Dialog ist Freiheit, und ohne Freiheit gibt es keinen Markt.

Zum anderen aber erfahren die deutschen Vorstände keine wirksame Kontrolle. Von den Aufsichtsräten hört man selten, dass sie etwas stoppen, dafür aber häufig, dass sie etwas abnicken – von Stellenabbau bis zu obszönen Managervergütungen, stets unter Beteiligung der gewählten Arbeitnehmervertreter.

Bei der Telekom stehen strafrechtlich der frühere Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke und der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Zumwinkel im Fokus. Doch selbst wenn Rickes Nachfolger René Obermann nicht involviert war, was man derzeit annehmen muss, steht er doch im politischen Sinne voll in der Verantwortung. Hinzu kommt, dass er über die Vorgänge seit rund einem Jahr informiert war, mindestens ansatzweise.

Trotzdem wäre es nach jetzigem Stand falsch und kurzsichtig, seinen Rücktritt zu fordern. Denn mit seiner Demission verlöre die Telekom einen Manager, der den einstigen Staatskonzern wirklich voranbringt. Dass die Telekom in rasantem Tempo Festnetzkunden verliert und deswegen Zehntausende von Stellen abbaut, kann man ihm nicht anlasten – dieser schmerzhafte Prozess liegt in der Natur der Marktliberalisierung, und sie war eine politische Entscheidung. Alle profitieren durch niedrige Telefonkosten davon. Wie viel aber die Telekom jenseits davon aus sich macht, in Deutschland und anderswo, ist Obermanns Bilanz.

Entscheidender ist aber: Er würde mit seinem Rücktritt kein Problem lösen. Denn der Fall Telekom ist nicht singulär. Bei den größten deutschen Konzernen reiht sich ein Skandal an den nächsten. Volkswagen lässt Huren einfliegen, um den Betriebsrat gefügig zu machen. Siemens schmiert Auftraggeber in der ganzen Welt, und die internen Korruptionsbekämpfer geben offenbar auch noch Tipps, wie das am besten geht. Die Bahn beruft erst einen Verkehrsminister in den Vorstand, der gut Wetter für den Börsengang gemacht hat, und zwei Jahre später auch noch den Bahngewerkschafter, der die Arbeitnehmer auf Privatisierungslinie gebracht hat.

Die Liste der Skandale ließe sich fortsetzen, und sie zeigt, wie folgenlos der Corporate-Governance-Kodex, das freiwillige Regelwerk der Wirtschaft, bleibt. So wird der lauter werdende Ruf nach dem Gesetzgeber verständlich. Selbst Bundespräsident Horst Köhler sieht im Finanzmarkt ein Monster und fordert „gesetzliche Regeln der Unternehmensführung“. Und es gäbe einiges, was man machen könnte, vom Strafmaß bis zur konkreteren Formulierung der Tatbestände.

Doch insgesamt mangelt es nicht an Gesetzen, sondern an Moral. Die Generation Obermann in den Führungsetagen muss ihrer Verantwortung gerecht werden und den Saustall ausmisten. Wer daran scheitert, darf zurücktreten.

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