Zeitung Heute : Telekommunik@tion: Eine Berliner Internet-Firma will Unternehmen beim Beantworten ihrer E-Mails helfen

Frank Scheerer

Mit dem Umzug aus einer schäbigen Kreuzberger Ladenwohnung in das Regierungsviertel mit bester Sicht auf den Reichstag hat die junge Berliner Internetfirma "m@ilways" einen grossen Schritt nach vorn getan. Der 29 Jahre junge Firmengründer Dennis Wong residiert mit seinen Kompagnons von der Onlineagentur "karoshi" in einem 360 Quadratmeter großen Penthousebüro im Gewerbehof, der auch die indonesische Botschaft beherbergt. Der Zoologe Andreas Fröhlich, der Historiker Hans Mouritz und der Grafiker Markus Heeger haben sich mit dem Informatiker zusammengetan, um den Internetmarkt in Deutschland mit ihrer E-Mail-Software zu revolutionieren.

Dennis Wong, der sein Studium an der Freien Universität ruhen lässt, setzt sein Wissen über die Entwicklung von Textbausteinen zur automatischen Erkennung und Beantwortung von Mail-Anfragen um. Experten gehen davon aus, dass E-Mails zur vorherrschenden Kundenkommunikation werden. Mit den von Wong entwickelten Texterkennungssystemen lässt sich das Gros der Anfragen, die zu zum überwiegenden Teil die gleichen Probleme behandeln, vollautomatisch beantworten. Dennoch favorisiert Wong für seine Auftraggeber die "Call-Center-Lösung", bei der qualifizierte Call Center Agents mittels eines angebotenen Lösungsvorschlages mit vorformulierten Textbausteinen auf die Frage des Kunden in Echtzeit reagieren können.

Neben der Softwareentwicklung verfügen "m@ilways" und "karoshi" noch über weitere Geschäftsfelder, etwa das Consulting für Call Center und über einen Servicezweig, der die Beratung für Call Center umsetzt und die E-Mail-Software mit den Call-Center-Diensten integriert und Webpages für die E-Mail-Kommunikation ausrüstet. Nach eigenen Angaben hat sich die Firma "m@ilways" äußerst früh am Markt platzieren können, denn das anvisierte Geschäft mit dem E-Mail-Massenverkehr ist noch Zukunftsmusik. Zur Zeit gibt es in Deutschland etwa 16 Millionen Onlinenutzer. Laut Wong werden die für die Softwareentwicklung weltweit gültigen Standards zu 95 Prozent von amerikanischen Firmen vorgenommen. Da die Information über die Definition von Standards in Europa kaum zugänglich ist, hat man hier wenig Chancen, selbst E-Mail-Software zu entwickeln, geschweige denn, die Standards mitzudefinieren. Deutschland bleibt damit kommunikationstechnisches Entwicklungsland auf lange Zeit, es sei denn, es würden mehr Forschungsgelder des Bundes oder privater Institutionen für das Aufholen des transatlantischen Informationsgrabens ausgegeben.

Die rot-grüne Bundesregierung hat bereits festgestellt, das nicht nur ihre politischen Vorgänger, sondern auch die Wirtschaftsbosse die Ausbildung von ausreichend qualifizierten Fachkräften regelrecht verschlafen haben. Wong bemängelt, daß der ehemalige Wissenschaftssenator Peter Radunski (CDU) mit seinen Getreuen vor nicht allzu langer Zeit die Informatik der Freien Universität abwickeln wollte. Erst seit 1994 wurde dem neuen Kommunikationsmedium Internet langsam eine größere Bedeutung beigemessen. Eine Entwicklung, die der Firmengründer von Pixelpark, Paulus Neef, einzuschätzen und für seine Firma vorausschauend zu vermarkten wusste. Dennis Wong mag mit seinen Partnern in einer ähnlichen Position sein, wie damals Pixelpark. Was in den Neunzigern die massenhafte Nachfrage nach Webpage-Gestaltung war, wird im 21. Jahrhundert die Flut von E-Mails sein, die die Unternehmen nicht unbeantwortet lassen sollten.

Der Spezialist für die Entwicklung von E-Mail-Software sieht hohe Einsparungspotentiale für die Dienstleister in diesem bereich, vor allem hinsichtlich Bearbeitungszeit und Personalkosten. Durch die standardisierte Beantwortung von E-Mails oder die Möglichkeit, über die Webpage mit einem Unternehmen zu kommunizieren, sei eine Erreichbarkeit gewährleistet, von der selbst Call Center Manager nur träumen könnten. Als Zielgruppe macht Wong von Banken, IT-Firmen und Hi-Techunternehmen über die Reisebranche bis zum Spielzeughersteller potentielle Kundengruppen aus. Sein eigenes Unternehmen, welches auf der cebit in Hannover vorgestellt wurde, befindet sich zurzeit in Verhandlungen mit Venture Capital Gesellschaften, um das nötige Kapital für die enormen Entwicklungskosten zu beschaffen. Das Unternehmen selbst trägt sich aus den Einnahmen der Onlineagentur "karoshi". Neben den Firmengründern arbeiten nur studentische freie Mitarbeiter für "m@ilways". Angesprochen auf die fehlenden Spezialisten und die Green-Card-Diskussion in Deutschland gibt der Sohn eines Hongkong-Chinesen und einer Deutschen zu bedenken, dass es in Deutschland gut ausgebildete Informatikstudenten aus aller Welt mit praktischer Unternehmenserfahrung und besten Sprachkenntnissen gibt, die in Kürze das Land wieder verlassen müssen. Es sei denn, sie bekämen eine E-Mail-Anfrage des Innenministeriums.

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