Zeitung Heute : Tempo, Musik und Tamtam

Ein Rückblick des scheidenden Präsidenten der Freien Universität, Professor Dieter Lenzen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: „Musik“ im gezeigten Sinne steckt natürlich auch in den Natur- und Sozialwissenschaften der Freien Universität. Nach dem nächsten Exzellenzwettbewerb werden alle staunen, was sie zustande gebracht haben. Resümierend können wir für die zweite Teilhypothese also feststellen: Die Freie Universität leistet ihren Beitrag zu jener Musik, durch die Berlin unserer Expertin Knef zufolge ebenfalls markant charakterisiert ist. Die Freie Universität ist ein Stück der Musik Berlins.

Bleibt der oder das Tamtam. Zur Prüfung dieser Hypothese muss zunächst die Hermeneutik her – die Methode, die sich mit dem Verstehen beschäftigt. Was ist Tamtam, wenn man an die Freie Universität denkt? Demos, Proteste, Lautstärke? Sicher auch, und das ist auch per se nicht schlecht. Veränderung kommt unter anderem dadurch zustande, dass das Bestehende infrage gestellt wird. Manchmal hilft auch Lautstärke, um Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn diese dann durch Argumente, Diskurs und vor allem Scharfsinnigkeit unterlegt wird, umso besser.

Die Sozialwissenschaften der Freien Universität, aber nicht nur sie, haben immer für diesen Teil von Zukünften gestanden, die das Vergangene und Gegenwärtige kritisieren und im gelingenden Fall neue Konzepte für die Zukunft der Gesellschaft entwickeln. Sie haben es geschafft, das schlechte Bild bloßer Krachmacherei zu überwinden und in Lehre und Forschung Reflexionen und Modellierungen für unsere Zukunft und die unserer Welt zu präsentieren. – Präsentieren: Auch das ist eine mögliche Deutung von „Tamtam“: Nicht nur auf etwas zeigen, sondern sich zeigen, als das, was man kann und was man ist. Die Mitglieder der Universität, so scheint es uns doch, dürfen heute selbstbewusst und zunehmend dezent stolz sein auf das, was sie geleistet haben. Für Tamtam sorgt dann schon die Stadt, die heute wie sonst nur zu Beginn der Gründungszeit der Freien Universität stolz auf sie ist und diesen Stolz auch zeigt. Und das ist eigentlich das Erfreulichste an der Entwicklung der letzten Dekade. Das versöhnt den Scheidenden mit den immer auch zu erlebenden Rückschlägen, Barrieren, mit Gezänk und manchmal auch mit Intrigen: Dass die Stadt ihre Freie Universität wieder angenommen zu haben scheint. Das jedenfalls ist aus den zahlreichen Briefen und Freundlichkeiten aus ihrer Mitte zu entnehmen, die den erreicht haben, der nun sein Glück in der (nicht allzu weiten) Ferne sucht.

Deswegen wird es auch mehr sein als nur ein Koffer, der in Berlin verbleibt. Dazu gehört die Liebe zu einer Stadt, die zu dem Typus von Geliebten gehört, auf deren Äußerungen man genau achten muss, um ihnen den Ausdruck von Zärtlichkeit entnehmen zu können. Das gilt auch für die Freie Universität, denn – das war ja zu beweisen – sie ist Berlin. Und natürlich: Unsere Hilde sang „Betrieb“, nicht „Musik“. Aber was macht das schon.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar