Tennis-Marathon : Kleiner Ball gegen großen Ball

Immer wird es biblisch, wenn etwas sehr Kleines mit etwas sehr Großem kämpft. Der Igel mit dem Hasen, die Ameise mit dem Elefanten, Emmely mit Kaiser’s Tengelmann, Westerwelle mit Erwachsenen. Dann kämpft David gegen Goliath. Und meistens, außer bei Westerwelles Kampf mit den Erwachsenen, siegt seit Bibels Tagen der kleine David. Manchmal kämpft auch der kleine Ball gegen den großen Ball.

Es gibt ein Tennisturnier, das ist irgendwie heilig. Es wird in Wimbledon gespielt, auf heiligem Rasen, auf heiligem Centre-Court, und auch die Erdbeeren mit Schlagsahne, die dort gereicht werden, sind nicht einfach nur Erdbeeren. Manchmal starren die Menschen auf dieses Turnier, in diesem Jahr starren sie nicht, sie gucken Fußball.

Bis gestern, für eine kurze Zeit. Nicolas Mahut ist ein französischer Tennisprofi, John Isner ein amerikanischer. Beide spielten seit Dienstag ein Tennismatch. Das musste am Dienstag abgebrochen werden wegen Dunkelheit. Am Mittwoch schlugen sich die beiden wieder die Tennisbälle um die Ohren, nochmal sieben Stunden lang. Als das Bälle-um-die- Ohren-Schlagen auch am Mittwoch kurz nach 21 Uhr abgebrochen werden musste – Dunkelheit hatte sich über den Tennisplatz gesenkt –, da war das Spiel immer noch nicht entschieden, es stand im letzten Satz 59:59, über zehn Stunden werkelten die beiden da schon an ihrem Sieg und an der Ausdehnung des längsten Matches in der langen Geschichte des Tennis. Zehn Stunden Tennis, das ist wie der verzweifelte Aufschrei eines kleinen Balles, der von dem großen Fußball erdrückt wird, oder auch wie der Versuch der Ameise, die unter den Elefantenfuß geraten ist, wieder hervorzukrabbeln. Mahut und Isner machten kein großes Gerede. Sie droschen zu. Der eine schlug 103 Asse, der andere 112. Bumm! Das Dröhnen muss auch in Afrika gehört werden, Bumm! Bumm! Hört uns denn keiner! Sieht uns denn keiner! Wir sind doch auch noch da! Am Donnerstagnachmittag, die Sonne schien über Wimbledon, da nahmen Nicolas Mahut und John Isner ihr episches Match und ihren Kampf um Aufmerksamkeit wieder auf – und fanden erst nach elf Stunden und fünf Minuten ein Ende (siehe Sport). Aber das nahm kaum einer wahr, weil der große Ball schon wieder rollte. Und David klein beigeben musste.Helmut Schümann

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