Zeitung Heute : Terror als Nebentätigkeit

Hannes Heine

Einen Monat vor dem G-8-Gipfel in Heiligendamm ist die Bundesanwaltschaft gegen mehrere linke Gruppierungen vorgegangen. Wer steckt hinter diesen Gruppen?


Gegen 18 Personen im norddeutschen Raum ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung. Die Verdächtigen werden der linksextremen Szene zugerechnet: In einem Durchsuchungsbeschluss des Bundesgerichtshofs heißt es, die Beschuldigten seien oft schon seit fast zwei Jahrzehnten in der autonomen Szene aktiv.

Es gibt zahlreiche Linksradikale, die ihre Ablehnung der herrschenden Verhältnisse auch durch Anschläge ausdrücken. Häufig werden dabei Fahrzeuge großer Konzerne, Filialen bestimmter Unternehmen oder staatliche Einrichtungen in Brand gesteckt. Die gestern nicht näher bezeichnete terroristische Vereinigung soll nach den bisherigen Erkenntnissen unter wechselnden Gruppenbezeichnungen verschiedene Anschläge verübt haben. So hatte im April 2006 eine „fight 4 revolution crew“ ein Wirtschaftsinstitut in Schleswig-Holstein in Brand stecken wollen. Später versuchten Unbekannte, eine Reederei in Hamburg anzugreifen. Auch in Berlin gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Anschläge mit Bezug auf den G-8-Gipfel, etwa auf eine Liegenschaft des Auswärtigen Amtes.

Auch wenn sich die Täter unter jeweils anderen Gruppennamen zu den Aktionen bekannten, wird vermutet, dass es sich um ein überregional aktives Netzwerk innerhalb der linksradikalen Szene handelt. Ähnlich soll auch die „militante gruppe“ (mg) funktionieren. Nach Hinweisen auf drei mutmaßliche Mitgliedern der „mg“ hat die Bundesanwaltschaft gestern ebenfalls suchen lassen. Im Zusammenhang mit dem Weltwirtschaftsgipfel habe die „mg“ in Berlin zwei Brandanschläge verübt, im Mai 2006 auf das Sozialgericht in Moabit und im November desselben Jahres auf ein Wirtschaftsforschungsinstitut.

Die „mg“ gilt als gut organisierte, gewaltbereite linksextreme Vereinigung, die sich seit 2001 zu bisher 25 Anschlägen und der Versendung von scharfer Munition bekannt hat. Die Angriffe richteten sich vor allem gegen öffentliche Einrichtungen, unter anderem gegen Bezirks-, Finanz-, Arbeits- und Sozialämter sowie Polizei- und Justizeinrichtungen im Raum Berlin. In der linksradikalen Zeitschrift „Interim“ hat sie außerdem unter Berliner Autonomen die sogenannte „Militanzdebatte“ ausgelöst – an der sich unterschiedlichste Gruppen mit eigenen Beiträgen beteiligt haben.

Anders als bei der „Roten Armee Fraktion“ leben die Mitglieder militanter autonomer Zirkel nicht im Untergrund: Anschläge verüben die oft völlig unabhängig voneinander agierenden Kleingruppen unerkannt neben Berufstätigkeit und legalem Engagement. Diese „Feierabend-Terrorismus“ genannte Vorgehensweise schützt sie vor den Ermittlern. Außerdem ist der polizeiliche Fahndungsdruck deutlich geringer, denn die Taten beschränken sich in der Regel auf Sachbeschädigungen. Personen wurden nur in Ausnahmefällen verletzt.

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