Terror in Dänemark : Die Anschläge von Kopenhagen - Freiheit unter Beschuss

Zwei Terrorangriffe binnen weniger Stunden: Das Entsetzen und die Fassungslosigkeit in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen sind groß. Wie konnte es zu den Anschlägen kommen?

Kugelhagel: Zigmal feuerte der Attentäter auf das Kulturhaus in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, später schoss er auf eine Synagoge. Zwei Menschen fielen den Anschlägen zum Opfer.
Kugelhagel: Zigmal feuerte der Attentäter auf das Kulturhaus in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, später schoss er auf eine...Foto: Britta Pedersen/dpa

Erst der Angriff auf ein Kulturzentrum, dann Schüsse auf eine Synagoge: Die dänische Hauptstadt ist gleich von zwei Anschlägen erschüttert worden. Die Behörden sprechen von Terror, gehen aber von der Tat eines Einzelnen aus. Er soll einen islamistischen Hintergrund haben.

Wer war der Täter?

Die Identität des Täters kennen bisher nur die dänischen Ermittler. Fest steht, dass er dem dänischen Geheimdienst PET als Terrorverdächtiger bekannt war. Der Mann kam den Angaben zufolge aus Kopenhagen, seine Nationalität ist aber nicht bekannt. Klar ist, dass er offenbar eine Basis in einer Wohnung im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro in der Nähe des gleichnamigen S-Bahnhofs hatte, wohin er nach beiden Anschlägen zurückkehrte. Nach dem ersten Attentat blieb er dort für 20 Minuten, wie Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen. Dort wurde er auch nach dem zweiten Attentat von der Polizei gestellt und in einem Schusswechsel getötet.

Was hatte der Angreifer geplant?

Bei dem Angriff auf das Kulturhaus Krudttønde war vermutlich der Künstler Lars Vilks das Ziel. Er blieb aber unverletzt, da sich der Attentäter keinen Zugang zum Gebäude verschaffen konnte und lediglich von außen Schüsse auf das Gebäude abfeuerte. Getötet wurde aber der Dokumentarfilmer Finn Nørgaard, der sich außerhalb des Hauses befand.

Es wird aber vermutet, dass dieser Mord nicht geplant war. Das gilt auch für Dan Uzan, den 37-Jährigen, der vor der Synagoge in der Krystalsgade erschossen wurde. Warum der Angreifer in die Wohnung in Nørrebro zurückkehrte und wo er sich zwischen 17 Uhr und 1 Uhr nachts, dem Zeitpunkt des Attentats an der Synagoge, aufhielt, ist bisher nicht bekannt.

Warum wählte er das Kulturhaus und die Synagoge als Ziele aus?

Wie die dänische Polizei bestätigte, folgte das Kopenhagener Attentat dem Muster der Anschläge in Paris: Zunächst griff der Attentäter eine Veranstaltung an, bei der ein islamkritischer Karikaturist anwesend war, dann attackierte er offenbar gezielt eine jüdische Einrichtung. Die Synagoge wurde wahrscheinlich als Ziel ausgewählt, weil sie Kopenhagens wichtigste Institution jüdischen Lebens ist. Die Gemeinde in Dänemark zählt etwa 7000 Mitglieder.

Braucht es mehr Schutz für jüdische Einrichtungen?

Brüssel, Paris, Toulouse Kopenhagen – nach jedem Angriff auf eine jüdische Einrichtung wird wieder über verschärfte Sicherheitsvorkehrungen debattiert. In Belgien und Frankreich wurden gleich nach den jüngsten Anschlägen Polizisten und Soldaten vor Synagogen, Kindergärten und Schulen postiert. In Deutschland ist der umfassende Schutz jüdischen Lebens schon lange Alltag. Dadurch fühlten sich die Menschen sicher, sagte Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, vor Kurzem in einem Interview mit dem Tagesspiegel. "Sie können zum Beispiel ohne Sorge Gottesdienste oder Gemeindefeste besuchen."

Durch Kopenhagen werden sich die Befürworter von umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen bestätigt fühlen. Denn das Bethaus war bewacht. So konnte wenigstens verhindert werden, dass der Attentäter in das Gebäude gelangte. Hätte er das geschafft, wären vermutlich noch viel mehr Menschen ums Leben gekommen. Weltweit fühlen sich Juden schon lange vor allem von militanten Islamisten bedroht. Der mörderische Antisemitismus, der Kampf gegen alle "Zionisten" gehört zum festen Bestandteil der kruden Ideologie dieser Fanatiker. Deshalb sind Juden oft auch das Ziel von Anschlägen.

Gibt es einen islamistischen Hintergrund?

Der dänische Nachrichtendienst geht davon aus, dass der Attentäter vom militanten Islamismus beeinflusst war. Er stand deshalb unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden. Laut Geheimdienst-Chef Jens Madsen gab es keine Hinweise darauf, dass er ein Kampftraining im Ausland erhalten oder mit islamistischen Zellen zusammengearbeitet habe.

Steckt hinter der Tat eine Strategie?

Deutsche Sicherheitskreise vermuten bei den Anschlägen in Kopenhagen den Tätertyp "einsamer Wolf". Es sehe so aus, „dass da einer geschossen hat, der sich aufgerufen fühlte, auch ohne einer terroristischen Organisation anzugehören“, sagte am Sonntag ein Experte dem Tagesspiegel. Er verglich den Angriff mit dem bislang einzigen islamistischen Anschlag in Deutschland, bei dem es Todesopfer gab: Am 2. März 2011 hatte der junge Kosovare Arid Uka am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschossen und zwei weitere schwer verletzt.

"Es könnte durchaus sein, dass der Täter in Kopenhagen so einer wie Arid Uka war", sagte der Fachmann. Der Kosovare hatte auf eigene Faust gehandelt. Uka hatte sich über salafistische Propaganda im Internet radikalisiert und in den Wahn hineingesteigert, er müsse amerikanische Soldaten für Kriegsverbrechen im Irak bestrafen. Der Anschlag wurde dann von Al Qaida ausdrücklich gelobt. Gleich im März 2011 feierte die jemenitische Filiale der Terrororganisation in ihrem Online-Magazin "Inspire" den Täter als "heldenmütigen kosovarischen Mudschahid (Kämpfer)".

Sicherheitsexperten verweisen zudem auf den Angriff des Syrien-Rückkehrers Mehdi Nemmouche auf das Jüdische Museum in Brüssel. Der Islamist schoss am 24. Mai 2014 um sich und tötete vier Menschen, darunter ein Ehepaar aus Israel. Als weitere Tat eines "einsamen Wolfes", der zudem auch gezielt jüdische Opfer suchte, wird der Amoklauf von Mohammed Merah genannt. Am 19. März 2012 erschoss der Franzose in Toulouse vor einer jüdischen Schule drei Kinder und einen Lehrer. Zuvor hatte Merah bereits drei Fallschirmjäger ermordet.

Wie debattiert Dänemark über Einwanderung?

Ziemlich emotional. Zwar ist der Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund mit zehn Prozent vergleichsweise niedrig. Trotz einer Bevölkerung von gerade mal sechs Millionen und einem Wohlfahrtsstaat, ist die Toleranz gegenüber Einwanderern allerdings nicht sonderlich ausgeprägt. Die Dänen haben eine starke nationale Identität, Multikulturalismus ist ihre Sache nicht.

Vor allem die aktuell hitzig geführten Debatten ums Asyl zeugen davon. Deshalb forderte Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt in ihrer Neujahrsansprache, bessere Beschäftigungsmöglichkeiten für Asylbewerber zu schaffen. Dänemark ist jedoch auch vom demografischen Wandel betroffen und wirbt zum Beispiel Krankenschwestern aus Polen an, um den Pflegekräftemangel auszugleichen.

Im Namen des Zusammenhalts: In Kopenhagen wird der Opfer gedacht.
Im Namen des Zusammenhalts: In Kopenhagen wird der Opfer gedacht.Foto: Britta Pedersen/dpa

Welche Rolle spielt Fremdenfeindlichkeit in der dänischen Gesellschaft?

Einerseits funktioniert Integration sehr gut – für diejenigen, die sich anpassen und durch das vorbildliche Bildungssystem aufsteigen können. Die anderen, die sich nicht integrieren möchten und etwa im säkularen Dänemark weiterhin sichtbar ihre Religion praktizieren, werden mit großem Misstrauen betrachtet. Die konstant steigende Zustimmung für die rechtspopulistische dänische Volkspartei, die bei der Wahl zum Europaparlament 27,3 Prozent der Stimmen bekam, macht deutlich, dass nationalistische Positionen keine Randerscheinung in Dänemark sind. Im Alltag ist Diskriminierung von Ausländern oder ausländisch aussehenden Menschen, etwa beim Einlass in Diskotheken, ebenfalls nicht unüblich.

Was könnten die Anschläge für Folgen haben?

Justizministerin Mette Frederiksen sagte am Sonntagmittag: "Die Dänen sollen ihr Leben so weiterleben, wie sie es bisher auch getan haben." Der ehemalige dänische Staatsminister Lars Løkke bekräftigte diese Haltung: "Wir sollen keine Angst haben, auf die Straße zu gehen." Auch Königin Margrethe beschwor die Dänen, nach den Anschlägen zusammenzuhalten.

Wie andere skandinavische Länder auch, ist die dänische Gesellschaft von Vertrauen geprägt. Statt Polizeikontrollen, privatem Sicherheitspersonal und Überwachungskameras setzt man auf Rücksichtnahme, Ehrlichkeit und Zusammenhalt. Dennoch hat die Polizei ihre Präsenz massiv erhöht. Das fällt auf. Denn grundsätzlich ist die Polizei in Dänemark, etwa auf den Straßen, kaum sichtbar. Selbst in Kopenhagen sieht man kaum Streifen im Alltag. Bis auf Weiteres wird die Sicherheitsstufe aber nicht erhöht. Seit den Anschlägen infolge der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen 2005 lautet sie: "ernsthaft".

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