Terror und Tourismus : Heiter weiter auf Mallorca

Eta hin, Eta her: "Wir lassen uns den Urlaub nicht vermiesen", sagen deutsche Urlauber auf Mallorca. Das haben sie mit der königlichen Familie gemein.

Ralph Schulze[Palma de Mallorca]
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Siesta. Touristen sonnen sich am Strand von Palmanova. Foto: Dani Cardona, ReutersX00994

Sie grölen. „Wir müssen endlich aufhören, wenig zu trinken, sonst werden wir heute nicht mehr voll.“ Die sechs jungen Männer aus dem deutschen Dorf Burgen an der Mosel tun alles, um ihrem Ferienmotto am Ballermann von Mallorca Genüge zu tun. Ein Literkrug mit Wodka-Lemon steht dienstagmorgens zehn Uhr auf dem Holztisch im Biergarten „Bamboleo“. Dazu wird reichlich Bier in die Kehlen geschüttet.

Mit sechs ellenlangen Strohhalmen flößen sich die deutschen Kampftrinker ihr flüssiges Frühstück ein. Stimmen lautstark muntere Lieder an. „Zehn Kisten Bier wollen wir haben.“ Oder „Hey, das geht ab.“ Von Angst oder auch nur Sorge über die vergangenen Anschläge der baskischen Terrororganisation Eta auf der Urlaubs- und Partyinsel keine Spur. Man habe dies ohnehin kaum mitbekommen, sagt einer von ihnen mit schon etwas schwerer Zunge.

„Wir gehen das ganze Jahr malochen, um Urlaub machen zu können“, sagt Jens. „Das lassen wir uns nicht versauen.“ Die Freunde, alle knapp über 20, nicken beifällig. „Wir kommen, weil wir Spaß haben wollen.“ Schließlich lebe man nur einmal. Kevin hat sich zur Feier des Tages eine Plastikkrone aufgesetzt.

Die Stimmung hier an der Playa de Palma, zehn Autominuten östlich der Inselhauptstadt Palma de Mallorca, ist gut. So gut, dass auch am Montagabend auf vielen Bierterrassen in diesem bekanntesten Vergnügungsviertel der Insel, das wegen seiner Saufkultur das Etikett „Ballermann-Viertel“ bekam, die Menschen wie Sardinen zusammengedrängt standen. Gut bewacht von Polizisten, die diskret und oft in Zivil nach Verdächtigem Ausschau halten.

Dabei hatte es zuvor auch an der „Schinkenstraße“, die zusammen mit der nahen „Bierstraße“, das Epizentrum der täglichen Mallorca-Party darstellt, Bombenalarm gegeben. Ein Auto hatte den Argwohn der Beamten geweckt. Wie in Dutzenden anderen Fällen in den letzten Stunden war es falscher Alarm. Seit die Eta am Sonntag in vier Damentoiletten von zwei Restaurants, einer Bar und einem Geschäftslokal kleine Sprengsätze versteckten, ist die Nervosität groß.

Erst waren am 30. Juli zwei Guardia-Civil-Polizisten in dem eher von Briten bevölkerten Badeort Palmanova durch eine Autobombe getötet worden. Am 9. August folgte dann die Mini-Bombenserie in der Hauptstadt Palma, wodurch vor allem Panik ausgelöst werden sollte. Es gab keine Verletzten. Und die Schäden waren gering.

„Das waren doch nur spielzeugartige Feuerwerkskörper“, sagt Manoli Pericas, 31, die als Taxifahrerin täglich viele Urlauber über die Insel kutschiert. Vier Klosetts seien in die Luft flogen. Und dennoch. Die Unschuld der Insel sei nun endgültig dahin, der Schaden für das Ansehen Mallorcas sehr groß. Und was, wenn das Eta-Terror-Kommando irgendwo doch noch eine stärkere Bombe hat? „Hoffentlich nicht.“

Auch Toni, 45 Jahre alt und Kellner im „Bamboleo“, betet, dass es auf der Insel in den nächsten Tagen nicht wieder knallt. Es gebe zwar unter den Gästen keine Unruhe, sagt er, aber unter den Wirten und Hoteliers schon. Der Umsatz sei, verglichen mit dem Vorjahr, ohnehin schon empfindlich gesunken. Rund zehn Prozent weniger Gäste. Die statt 14 Tagen auch nur noch eine Woche kommen. Vor allem wegen der globalen Krise. Die Schweinegrippe habe auch nicht gerade geholfen. Und jetzt auch noch die Terrorsorge. „Die Eta will uns zerstören. Aber wir sind stärker.“

Dabei habe Mallorca doch bisher einen tadellosen Ruf als „Insel der Ruhe“, ja, des Friedens gehabt, sagt Toni mit so ausholender Gestik, dass die Gläser auf seinem Tablett zu tanzen anfangen. Die Playa de Palma sei „wie ein zweites Deutschland“. Gastfreundlich, ein europäisches Dorf, in dem sich nicht nur Deutsche, sondern auch Österreicher, Schweizer und Luxemburger wohl fühlten. Dies gelte es zu verteidigen.

Einen Steinwurf entfernt, am feinen weißen Sandstrand, zeugen eine deutsche sowie eine bayerische Fahne an einem der vielen Strohsonnenschirme von erhöhter Verteidigungsbereitschaft. Familienvater Thomas Sauer, 45, der zudem im Shirt des deutschen Fußball-Nationalteams auf seiner Strandliege sitzt, will bewusst „Flagge zeigen“. Mit Frau, Tochter und einer befreundeten Familie an seiner Seite schwört er: „Ich lasse mir den Urlaub nicht vermiesen.“

In der Nacht zuvor hatte der stark und selbstbewusst wirkende Mann aus dem Ort Bessenbach bei Aschaffenburg bereits die Freiheit verteidigt. Er stellte eine Taschendiebin, die ihm im Biergarten das Portemonnaie aus der Hosentasche ziehen wollte. „Ich habe die festgehalten bis die Polizei kam.“ Die hohe Kleinkriminalität, das sei das eigentliche Sicherheitsproblem an der Playa de Palma, sagt Sauers Frau. Jeden Tag höre man von Diebstählen.

An den verbreiteten Trickdiebereien kann offenbar auch die Polizeiarmee wenig ändern, die auf Mallorca für die Sicherheit jener mehr als 300 000 Urlauber – ein Drittel davon ist aus Deutschland – sorgen, die sich derzeit auf der Insel aufhalten. Noch nie hat Mallorca, mit zehn Millionen Urlaubern pro Jahr das touristische Herz Spaniens, so viele Polizisten gesehen. Sie sollen die Eta-Terroristen jagen, weitere Anschläge verhüten und die prominentesten Urlauber der Mittelmeerinsel, die spanische Königsfamilie, beschützen.

König Juan Carlos und Königin Sofia demonstrieren derzeit vorbildlich, dass auf Mallorca weder Terrorpanik noch Angst regiert, sondern ziemliche Normalität. Sofia spazierte dieser Tage seelenruhig durch Palmas Innenstadt, ging mit ihren erwachsenen Töchtern Cristina und Elena einkaufen. König Juan Carlos segelte derweil vor der Küste, was auch schon einmal die Eta auf den Plan gerufen hatte: Ziemlich genau vor 14 Jahren versuchte ein Terrorist, den König per Präzisionsgewehr auf seiner Jacht zu töten.

Der deutsche Regent auf der Lieblingsurlaubsinsel der Europäer heißt freilich Jürgen Drews. Der Schlagersänger bringt dort, im größten Vergnügungs- und Bierlokal Mallorcas namens „Megapark“, kurz nach der Bombenserie tausende Urlauber mit seinem Evergreen „Ein Bett im Kornfeld“ zum Kochen. Schon länger wird er als „König von Mallorca“ seitens der deutschsprachigen Urlaubergemeinde verehrt.

Nach der Gute-Laune-Show von „König Jürgen“ stimmen die beschwingten Gäste dann die üblichen Ballermann-Hits an: „Hoch die Tassen“ und „So ein schöner Tag“. Das entspricht, ganz offenbar, dem Befinden der überwiegenden Zahl der Feiernden. Und das ist, so dramatisch die Inselnachrichten in den letzten Tagen klangen, die Urlaubswirklichkeit auf Mallorca. Alles ganz normal.

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