Zeitung Heute : Terror unter dieser Nummer

Das Bekenntnis, zwei Deutsche in Afghanistan entführt zu haben, haben die Taliban via Pressesprecher mitteilen lassen. Wie haben sie sich an die Kommunikationsstrukturen der globalisierten Welt angepasst?

Ruth Ciesinger

Wenn sich wie im Fall der zwei in dieser Woche in Afghanistan entführten Deutschen ein Pressesprecher der Taliban zu Wort meldet, sollte man sich keine falschen Vorstellungen machen. Die Gotteskrieger in Afghanistan haben kein eigenes Informationszentrum errichtet, aus dem sie E-Mails und Faxe verschicken und telefonische Anfragen beantworten. Vielmehr haben Journalisten Kontakt zu einzelnen Taliban, die selbst echten oder behaupteten Kontakt zur Führungsriege der islamistischen Kämpfer pflegen.

Jussuf – oder Jussif – Ahmadi, der am Freitag von mehreren Nachrichtenagenturen als Pressesprecher der Taliban zitiert wurde, gehört zu denen, die Zugang zu unterschiedlichen Führungskreisen der Taliban haben. Er selbst aber ist dem Vernehmen nach keiner, der Entscheidungen trifft. Und er ist bei weitem nicht der Einzige, der Kontakt zu Journalisten hat. Am Tag zuvor nämlich hatte sich bereits Sabiullah Mudschahi geäußert, den das Auswärtige Amt als echten „Sprecher“ der Taliban bezeichnet. Er erzählte den Journalisten genau das Gegenteil von dem, was nun Ahmadi behauptet: Mudschahi sagt, dass die Taliban nichts mit den entführten Deutschen zu tun hätten.

Vielleicht haben sogar beide recht, denn die Taliban in Afghanistan haben keine einheitliche Befehlsstruktur und sind alles andere als homogen. Vielmehr gibt es verschiedene Gruppen, die zum Teil autonom agieren, und wo die Grenzen zu normalen Kriminellen verschwimmen. Die Sprecher, die sich nach Entführungen oder Anschlägen zu Wort melden, sind also keine wirklich sichere Informationsquelle. Was die Islamisten aber haben, sind Mobiltelefone und ein großes Interesse daran, ihre Botschaft ins Ausland zu tragen. Da in Afghanistan alle Telefone registriert sind, haben sie sich meist pakistanische Nummern zugelegt – weil sonst die Anrufe identifiziert und zurückverfolgt werden könnten.

Viel mehr Möglichkeiten bleiben den Taliban in Afghanistan nicht, mit internationalen Medien in Kontakt zu treten, allein schon aus technischen Gründen. Das ist bei den international agierenden islamistischen Terrorgruppen ganz anders, bei denen das Internet inzwischen eine Hauptrolle spielt. Videos werden dort veröffentlicht, ebenso wie Botschaften und Hetzpropaganda. Und auch was die Kommunikation untereinander betrifft, ist das Netz wichtig: Schon die Attentäter vom 11. September 2001 haben sich in Chatrooms unterhalten; wenn deutsche Islamisten riskante Gespräche führen, telefonieren sie über das Internet.

Osama bin Laden und die Al-Qaida- Spitze dagegen sollen sich überhaupt nicht auf moderne Technik verlassen. Die Terroristen, das behauptet unter anderem Pakistans Geheimdienst, würden sich über ein ausgeklügeltes Kuriersystem verständigen. Dabei muss der Überbringer der Botschaft diese auswendig lernen – damit sie nicht in falsche Hände geraten kann. „Und wenn bin Laden mit dir sprechen will“, sagt ein pakistanischer Journalist, der vor Jahren eines der letzten Interviews mit dem Terrorchef geführt hat, „dann findet er dich sowieso.“

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