Zeitung Heute : Terror von morgen

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Das Netz ist größer geworden, trotz der tiefen Einschnitte. Die Amerikaner und ihre Verbündeten haben nach dem 11. September 2001 den Organisationen, Gruppen und Zellen des islamistischen Terrors schwere Schläge zugefügt, doch die Gefahr bleibt. Al Qaida sei unerwartet anpassungsfähig, sagt ein hochrangiger deutscher Sicherheitsexperte. Osama bin Laden und die etwa 17 Männer des engeren Führungszirkels unterstützten nach Kräften die globale Bewegung der Dschihadis, der mehreren zehntausend „heiligen Krieger“. Al Qaida hat nach dem weitgehenden Verlust der Basen in Afghanistan eine Art Franchising des Terrors inszeniert: Zahllose Gruppen erhalten finanzielle, logistische und spirituelle Hilfe von Al Qaida, verüben aber die Attentate auf eigene Faust. Und Al Qaida selbst plant und begeht weiter Anschläge.

Das wäre selbst dann nicht zu erwarten, würde Osama bin Laden gefasst oder getötet. Die DschihadInternationale hat sich so weit verästelt, dass der Verlust der Führungsfigur fast nur eine emotionale Wirkung hätte. Sie wäre allerdings enorm: Würde bin Laden ausgeschaltet, wären Racheakte an der Tagesordnung.

Dieses Szenario beschreibt jedoch nur eine der Gefahren von morgen. Die meisten sind der Öffentlichkeit kaum bewusst. Ein Beispiel: In Chinas riesiger Westprovinz Xinjiang kämpfen, von den internationalen Medien nur am Rande beachtet, separatistische Uiguren gegen Polizei und Militär. Mehrere hundert Islamisten haben im benachbarten Afghanistan bei Al Qaida den Guerillakrieg trainiert.

Der deutsche Terrorismusexperte Berndt Georg Thamm, der kürzlich China bereist hat, befürchtet Anschläge uigurischer Terroristen auf symbolische Ziele – wie die neuen, glitzernden Hochhäuser in Schanghai. Potenzielle Attentäter könnten, sagt Thamm, in den chinesischen Metropolen die Strukturen der Drogenmafia nutzen, in der Uiguren mitmischen.

Bei der Frage nach den noch zu erwartenden Terrormethoden wird oft die Gefahr genannt, Terroristen setzten nukleare, biologische und chemische Stoffe ein. In den Jahren nach dem 11. September hat sich jedoch gezeigt, dass Al Qaida und verbündete Gruppen nicht über das nötige Know- how verfügen.

Ein anderes Risiko erscheint größer: Schiffe. Al Qaida könnte, sagen Experten halblaut, Kreuzfahrt-Liner entführen. Tausende Passagiere und Seeleute wären Geiseln. Oder ein Selbstmordkommando mit reichlich Sprengstoff kapert einen Flüssiggastanker. Oder einen Chemikalienfrachter. Und die schwimmende Bombe detoniert in einem Hafen. Die unabhängige 9/11-Kommission in den USA hat in ihrem Schlussbericht auch die Sicherheitskontrollen amerikanischer Seehäfen analysiert. Das Urteil lautet: Ungenügend.

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